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Zahnärzte-Vizepräsident Oesterreich: “Es spricht nichts mehr gegen Vorsorgebesuche”

  • Keine Patienten, viel Angst: Für Deutschlands Zahnärzte ist die Corona-Krise eine existenzielle Belastung.
  • Wie hart es die Mediziner trifft, erklärt Zahnärzte-Vizepräsident Dietmar Oesterreich im Interview.
  • Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland hat er auch die Frage beantwortet, ob nun wieder Vorsorgeuntersuchungen möglich sind.
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In der Corona-Krise zum Zahnarzt – das haben in den vergangenen Wochen offenbar viele Bundesbürger vermieden. Für die Zahnärzte ist das ein Problem, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Denn es steht sowohl die Gesundheit des Mundraums als auch die Existenz von Praxen auf dem Spiel, warnt Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK). Aus seiner Sicht hat die Politik den Zahnmedizinern zu wenig unter die Arme gegriffen. Denn die mussten in den vergangenen Woche mit großen Ängsten ihrer Patienten ringen.

Wie geht es Deutschlands Zahnärzten?

Zu Beginn der Pandemie herrschte Verunsicherung, denn wir arbeiten etwa 40 Zentimeter vom Infektionsort entfernt. Das macht natürlich besondere Schutzmaßnahmen notwendig. Die Beschaffung von Schutzmasken, Desinfektionsmitteln et cetera ist nicht einfach. Sie hat sich zwischenzeitlich etwas entspannt, aber es ist nach wie vor ein zähes Unterfangen – das sehe ich auch in meiner Praxis –, dafür zu sorgen, dass ausreichend Mundschutz, Desinfektionsmittel und auch Handschuhe zur Verfügung stehen. Das sind die Grundvoraussetzungen für den Arbeitsschutz und die Hygiene. Unsere Hygienestandards sind sehr hoch, insbesondere im Vergleich zu anderen Facharztgruppen. Das Risiko für Praxisteam und Patienten ist gering, aber wir müssen stets wachsam sein. Es gibt zum Glück kaum infizierte Zahnärzte. Die wenigen, die infiziert wurden, haben sich nach den derzeit vorliegenden Erkenntnissen hauptsächlich privat oder im Urlaub angesteckt. Wir haben seitens der Bundeszahnärztekammer aber noch weitere Maßnahmen ergriffen. So werden Schutzschilde genutzt, und die Praxisorganisation wird so gestaltet, dass Abstandsregelungen genauestens eingehalten werden.

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Schutzschild bedeutet aber nicht Schutzschirm: Zahnärzte kriegen keine staatliche Hilfe. Liegt das vielleicht auch am alten Klischee, dass die eh nur in ihren 911ern die Whiskystraße in Kampen rauf und runter fahren?

Man muss sagen, die Zahnmedizin leidet unter einem Klischee. Nun stammt dieses Klischee aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Ich bin im Osten sozialisiert worden; ich fühle mich da gar nicht angesprochen. Natürlich hat die Wende dazu geführt, dass man auch im Osten als Zahnarzt erfolgreich sein konnte, aber man kann die damalige Situation nicht mit heute vergleichen. Heute stammen etwa 50 Prozent der Einnahmen einer kassenzahnärztlichen Praxis aus der Behandlung gesetzlich Versicherter. Gesetzliche Veränderungen haben dazu geführt, dass gesetzlich Versicherte Zuzahlungen, zum Beispiel beim Zahnersatz, selbst zahlen müssen. Das heißt, dass die Finanzierung einer Praxis fast zur Hälfte auch durch Privatanteile des Patienten zustande kommt. Die Einnahmen der Zahnarztpraxen sind seit Langem nicht mehr vergleichbar mit den Klischees aus einer Zeit, als die gesetzlichen Krankenkassen noch alles bezahlt hatten. Da wurde jede Brücke und jede Krone vollständig bezahlt und dies wurde verständlicherweise auch von den Patienten genutzt. Heute ist es ja, auch abgesehen von Corona, so, dass die Praxen einen viel höheren Personalaufwand haben als früher. Das liegt vor allem daran, dass die Bereiche der Prävention und Prophylaxe, aber auch die Hygienemaßnahmen so sehr an Bedeutung zugenommen haben. Man hat heute in einer Praxis durchschnittlich etwa vier bis fünf Angestellte, was auch zu erheblichen Personalkosten führt. Und die technische Entwicklung hat dafür gesorgt, dass die Geräte für eine Praxis immer teurer werden. Um eine Zahnarztpraxis heute neu zu gründen, braucht man fast 600.000 Euro. Aber auch bei einer Praxisübernahme muss ordentlich investiert werden. Das alles ist nicht mehr vergleichbar mit jenem Klischee von vor vielen Jahren. Es gibt jetzt keinen Grund zu sagen, die Zahnmediziner stehen an der Spitze der Einkommensskala. Viele Facharztgruppen verfügen über deutlich höhere Einkünfte.

Dietmar Oesterreich (63) studierte Zahnheilkunde in Rostock, arbeitete zunächst in der Poliklinik des Kreiskrankenhauses Malchin und wurde 1988 zum Dr. med. promoviert. 1991 ließ sich der gebürtige Mecklenburger in eigener Praxis in der Reuterstadt Stavenhagen auf der Mecklenburgischen Seenplatte nieder, die er bis heute betreibt. 2011 wurde Oesterreich, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, zum Professor an der Universität Greifswald ernannt.
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Wie ist die Lage in den Praxen?

Die Verunsicherung bei Patienten ist groß. Wir reden bundesweit über etwa 50 Prozent Reduzierung beim Arbeitsaufkommen. Das ist schon einschneidend. Zwar wurden die Sprechzeiten reduziert – aber die Zahnärzte waren stets für ihre Patienten da. Zusätzlich wurden Zentren zur Behandlung von infizierten Patienten und begründeten Verdachtsfällen bundesweit geschaffen. Wir können mittlerweile bei aller Vorsicht die Empfehlung geben: Es gibt keine Vorbehalte mehr gegen einen Zahnarztbesuch. Es spricht auch nichts mehr gegen Vorsorgebesuche. Die dienen ja schließlich auch in der Zahnmedizin dazu, zum Teil schwere Folgeerkrankungen zu vermeiden. In diesem Sinne fahren wir die Praxen jetzt langsam wieder hoch. Bundesweit mussten fast 70 Prozent der Praxen Kurzarbeitergeld anmelden. Es gibt nach der Verordnung der Bundesregierung keinerlei Entlastungen oder Schutzschirme für zahnärztliche Praxen – im Unterschied zu allen anderen Arztgruppen. Das hat die Zahnärzte tief getroffen. Nicht nur, dass man die Wichtigkeit der zahnärztlichen Versorgung für die medizinische Gesamtbetreuung der Bevölkerung damit nicht anerkennt, sondern auch weil langfristige Auswirkungen auf die Versorgung zu befürchten sind. Ich arbeite in Meck-Pomm im ländlichen Raum. Dort gibt es viele ältere Zahnärztinnen und Zahnärzte, bei denen zu befürchten ist, dass sie in diesem Umfeld auf Dauer ihre Praxen nicht fortführen werden. Aber auch die Gruppe der jungen Zahnärzte ist extrem betroffen, denn gerade in der Gründungsphase sind sie mit erheblichen finanziellen Belastungen konfrontiert. Denen genügt perspektivisch auch kein zusätzlicher Kredit, den sie vielleicht jetzt durch die Regelungen der Bundesregierung bekommen – Kredite haben sie genug. Denen würde es helfen, wenn sie aktuell finanzielle Entlastungen bekämen.

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Warum werden Zahnärzte denn so wenig priorisiert von der Bundesregierung?

Zahnmedizin wird leider trivialisiert. Es ist offensichtlich der Regierung nicht wichtig, dass die zahnmedizinische Versorgung hierzulande weiter funktioniert. Das wäre aber fatal. Denn neben den Hausärzten sind es die Zahnärzte, die ihre Patienten am häufigsten sehen. 80 Prozent der deutschen Bevölkerung gehen regelmäßig zum Zahnarzt. Zahnmedizin ist ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Primärversorgung. Was die Bundesregierung im Detail bewogen hat, kann ich schwer sagen. Natürlich sind die gesellschaftlichen Herausforderungen enorm. Auch da schaue ich in mein eigenes Bundesland. Wenn ich mir die Tourismuswirtschaft, die Restaurants anschaue und die vielen kleinen Geschäfte: Die sind genauso hart betroffen und haben kaum Möglichkeiten, an Fördermaßnahmen zu kommen. Man muss in solch einer gesellschaftlichen Notsituation natürlich immer abwägen, wer bekommt wie viel. Ob eine Abwrackprämie für Autos jetzt sinnvoll ist, kann ich nicht sagen, das liegt auch nicht in meiner Kompetenz. Aber es ist einfach der Blick auf die Zahnmedizin, der uns so frustriert. Da die Mundgesundheit so gut ist – vielleicht sind wir Opfer unserer eigenen Präventions-Anstrengungen –, kann man nur vermuten, dass die Zahnmedizin der Politik einfach nicht mehr wichtig ist. Wenn der Zahn nicht wehtut, nimmt man vielleicht die Qualität der Versorgung nicht mehr wahr. Aber wir hatten selbst mit der Kurzarbeit, unserer einzigen Möglichkeit zur Kompensation, große Probleme. Einige Arbeitsämter haben diese den Kollegen verweigert mit dem Verweis darauf, die Zahnmedizin befände sich ja unter dem medizinischen Rettungsschirm. Das war wirklich eine völlige Verkennung der Tatsachen.

Regelmäßig zum Zahnarzt gehen

Wenn die Leute jetzt Angst haben, zum Zahnarzt zu gehen, befürchten Sie deshalb langfristig gesundheitliche Probleme?

Das ist zu befürchten. Die Erhaltung und Wiederherstellung einer guten Mundgesundheit ist ein kontinuierlicher Prozess und bedarf der Regelmäßigkeit der Behandlung. Auch verfügt nicht die gesamte Bevölkerung über eine solch gute Mundgesundheit. Wenn etwa eine chronische Entzündung des Zahnbettes nicht behandelt wird, kommt es dazu, dass sich Risiken, zum Beispiel im Rahmen eines Diabetes, wie Schlaganfall und Herzinfarkt deutlich erhöhen. So greifen die medizinischen Fachgebiete wie Zahnräder ineinander: Ist eines defekt, so gibt es Konsequenzen für das Gesamtsystem. Das gilt in diesen Zeiten auch. Selbst, wenn die Ausrichtung der Zahnmedizin in den letzten Jahren dazu führte, dass sich die Mundgesundheit der deutschen Bevölkerung deutlich verbessert hat. Die Erfolge in der Zahnmedizin sind deutlich: etwa bei der Prävention und der generellen Mundgesundheit von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren. Aber man darf diesen Zyklus nicht durchbrechen, sonst drohen den Patienten gesundheitliche Gefahren. Denn mittlerweile weiß man, und dies ist in zahlreichen Studien wissenschaftlich belegt, dass zahnmedizinische Erkrankungen nachhaltige Auswirkungen auf gesundheitliche Störungen des gesamten Körpers haben.

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Die Privaten Krankenkassen bieten seit April die Möglichkeit, einen Hygieneaufschlag von 14,23 Euro pro Patienten zu erheben.

Die Privaten Krankenkassen haben mit der befristeten Zuschlagsmöglichkeit für Hygienemaßnahmen schnell und unbürokratisch reagiert – und nicht nur die. Auch die Beihilfestellen (die für Beamte abrechnen, Anm. d. Red.) haben das schnell anerkannt und zugestimmt. Hier hat man die Verantwortung in der besonderen Situation wahrgenommen – und dafür gesorgt, dass diese Abrechnung auch kurzfristig anerkannt wird. Dies ist zumindest ein Zeichen, dass man unsere Maßnahmen anerkennt – von den gesetzlichen Kassen kriegen wir null, gar nichts. Natürlich sind 14,23 Euro kein Schutzschirm und sie retten nicht die zahnärztliche Praxis, aber es ist eine Anerkennung, dass wir zusätzliche Kosten haben. Allerdings: Auch wir müssen teilweise sechs bis acht Wochen auf Lieferungen von Arbeitsschutzmitteln warten. Das ist nun zum Glück, wie eingangs erwähnt, ein bisschen besser geworden, aber die Kostensteigerungen sind erheblich.

Haben Sie es schwerer, Ihre Interessen in der Politik durchzusetzen, als etwa der Hartmannbund, die Gesamtvertretung der Mediziner?

Ich würde das nicht grundsätzlich sagen. Bei der Prävention etwa haben wir viel Entgegenkommen verzeichnen können. Wir haben auch viel bei frühkindlicher Karies und der Betreuung von Senioren und Menschen mit Handicap erreichen können. Zahnmedizin bleibt aber immer ein besonderer Part in der öffentlichen Wahrnehmung. Es geht eben nicht nur um schöne, weiße Zähne, es geht in erster Linie um Gesundheit.

Wenn Sie jetzt in der Krise einen Wunsch an Politik und Öffentlichkeit frei hätten für Ihre Branche – welcher wäre das?

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Ich hoffe, wir schaffen es, dass die Öffentlichkeit und die Politik das Wort Medizin in der Zahnmedizin erkennen und die Zahnmedizin endlich als integralen und wichtigen Bestandteil der Gesundheit verstehen. Die Zahnärzte empfinden die Haltung der Politik derzeit als eine Nichtachtung ihres Lebenswerks. Das gilt insbesondere auch für die Mitarbeiter der Praxen. Das hat den Berufsstand schwer getroffen, und wir haben alle Hände voll zu tun, unsere Zahnärztinnen und Zahnärzte, aber auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren. Zahnmedizin wurde teilweise auf notfallmedizinische Maßnahmen reduziert, als ob die zahnärztliche Behandlung nicht von der gleichen medizinischen Relevanz wäre wie die Arbeit in anderen medizinischen Fachgebieten. Und dann die Einstufung der Zahnmedizin in der Systemrelevanz weit hinter allen anderen Arztgruppen – das war wirklich ungeheuerlich.Die Privaten Krankenkassen bieten seit April die Möglichkeit, einen Hygieneaufschlag von 14,23 Euro pro Patienten zu erheben.

Die Privaten Krankenkassen haben mit der befristeten Zuschlagsmöglichkeit für Hygienemaßnahmen schnell und unbürokratisch reagiert – und nicht nur die. Auch die Beihilfestellen (die für Beamte abrechnen, Anm. d. Red.) haben das schnell anerkannt und zugestimmt. Hier hat man die Verantwortung in der besonderen Situation wahrgenommen – und dafür gesorgt, dass diese Abrechnung auch kurzfristig anerkannt wird. Dies ist zumindest ein Zeichen, dass man unsere Maßnahmen anerkennt – von den gesetzlichen Kassen kriegen wir null, gar nichts. Natürlich sind 14,23 Euro kein Schutzschirm und sie retten nicht die zahnärztliche Praxis, aber es ist eine Anerkennung, dass wir zusätzliche Kosten haben. Allerdings: Auch wir müssen teilweise sechs bis acht Wochen auf Lieferungen von Arbeitsschutzmitteln warten. Das ist nun zum Glück, wie eingangs erwähnt, ein bisschen besser geworden, aber die Kostensteigerungen sind erheblich.

Haben Sie es schwerer, Ihre Interessen in der Politik durchzusetzen, als etwa der Hartmannbund, die Gesamtvertretung der Mediziner?

Ich würde das nicht grundsätzlich sagen. Bei der Prävention etwa haben wir viel Entgegenkommen verzeichnen können. Wir haben auch viel bei frühkindlicher Karies und der Betreuung von Senioren und Menschen mit Handicap erreichen können. Zahnmedizin bleibt aber immer ein besonderer Part in der öffentlichen Wahrnehmung. Es geht eben nicht nur um schöne, weiße Zähne, es geht in erster Linie um Gesundheit.

Wenn Sie jetzt in der Krise einen Wunsch an Politik und Öffentlichkeit frei hätten für Ihre Branche – welcher wäre das?

Ich hoffe, wir schaffen es, dass die Öffentlichkeit und die Politik das Wort Medizin in der Zahnmedizin erkennen und die Zahnmedizin endlich als integralen und wichtigen Bestandteil der Gesundheit verstehen. Die Zahnärzte empfinden die Haltung der Politik derzeit als eine Nichtachtung ihres Lebenswerks. Das gilt insbesondere auch für die Mitarbeiter der Praxen. Das hat den Berufsstand schwer getroffen, und wir haben alle Hände voll zu tun, unsere Zahnärztinnen und Zahnärzte, aber auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren. Zahnmedizin wurde teilweise auf notfallmedizinische Maßnahmen reduziert, als ob die zahnärztliche Behandlung nicht von der gleichen medizinischen Relevanz wäre wie die Arbeit in anderen medizinischen Fachgebieten. Und dann die Einstufung der Zahnmedizin in der Systemrelevanz weit hinter allen anderen Arztgruppen – das war wirklich ungeheuerlich.


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