Wissenschaft zeigt: Darum sind Väter so wichtig

  • Viele junge Eltern setzen sich mit ihren Rollen in der Familie auseinander.
  • Forscher dachten früher, dass Erziehung Frauensache sei.
  • Mittlerweile versteht die Wissenschaft immer besser, was einen guten Vater ausmacht.
Christian Wolf
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Hannover. Am Morgen müssen sie – wenn sie nicht gerade im Homeoffice arbeiten – oft früh aus dem Haus, am Abend kommen sie spät zurück. Sind sie wieder zu Hause, helfen sie im Haushalt mit, erzählen den Kindern eine Gutenachtgeschichte oder greifen ihnen bei den Matheaufgaben unter die Arme. Bei den Vätern hat sich in den vergangenen Jahren vieles geändert: Sie verbringen deutlich mehr Zeit mit der Familie und sind meist engagierter als noch ihre eigenen Väter.

Sind Väter ein sozialer Unfall?

Die Forschung hat sich mit Vätern lange schwer getan. Kinder sind Frauensache – das glaubten bis vor einiger Zeit auch die meisten Wissenschaftler. Väter wurden von der Forschung lange missachtet. Die berühmte US-Anthropologin Margaret Mead (1901–1978) drückte es wenig schmeichelhaft einmal so aus: Väter seien eine biologische Notwendigkeit, aber ein sozialer Unfall. Heute allerdings würden die meisten Menschen wohl dem Satz zustimmen, dass Väter zur Entwicklung ihrer Kinder mehr beitragen als ihre Gene. Aber was genau die Vaterschaft hierbei leistet, haben Wissenschaftler bislang erst in Ansätzen verstanden.

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Väter und Mütter haben in der Regel unterschiedliche Rollen inne, die sich sehr gut ergänzen können. „Die Mütter übernehmen häufig eine behütende Rolle“, sagt die Psychologin Wenke Röseler, die in einer Familienberatungsstelle der Stadt Dresden arbeitet. „Sie beruhigen das Kind, wenn es weint oder aufgeregt ist, gerade wenn es noch ein Säugling oder Kleinkind ist.“ Väter animieren ihre Kinder hingegen, Risiken einzugehen, sich der Welt zu öffnen und Unabhängigkeit zu erreichen. „Die Väter sorgen vielfach mehr dafür, dass die Kinder selbstständiger werden“, so Röseler „Sie aktivieren sie durch wildere Spiele und ermutigen sie stärker, die Welt zu erkunden.“ Väter gehen laut der Psychologin risikobereiter mit den Kindern um, indem sie ihnen mehr zutrauen. In einem positiven Sinn fordern und überfordern sie die Kinder, indem sie mehr zulassen.

Verhalten der Eltern wirkt sich unterschiedlich aus

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Die verschiedenen Rollen sorgen wohl dafür, dass sich das Verhalten von Vätern und Müttern unterschiedlich auf die Kleinen auswirkt. Das zeigt sich gerade, wenn Väter und Mütter ihre Kinder herausfordern: Wenn sie sie spielerisch zu riskantem Verhalten ermutigen oder dazu, ihre Komfortzone zu verlassen. In einer Untersuchung kamen Forscher um Eline Möller von der Universität Amsterdam zu dem Ergebnis: Forderten Väter auf diese Weise ihren Nachwuchs heraus, hatten Kinder im Alter von zwei Monaten bis fünf Jahren weniger mit Ängsten zu kämpfen. Forderten hingegen die Mütter ihre Sprösslinge heraus, hatte das keine Auswirkung auf die kindlichen Ängste.

Emotionen im Spiel erleben

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Wenn Väter mit ihren Kindern mehr herumtollen, lernen diese, ihre Gefühle zu regulieren. „Körperbetontes Spielen ist eine gute Gelegenheit für Kinder, intensive Emotionen wie Freude oder Aufregung zu erleben und mit ihnen umgehen zu lernen“, sagt Johannes Huber, Psychologieprofessor an der Technischen Hochschule Rosenheim und Autor zahlreicher Schriften über Vaterschaft. Gute Väter sollten also viel mit ihren Sprösslingen herumtoben.

In der Schule ist Kooperation gefragt

Erkunden Kinder über das Herumtoben und Spielen die Welt, werden sie zunehmend mit anderen Menschen als ihren Eltern konfrontiert. Im Austausch mit anderen Kindern und mit Erwachsenen gewinnt die Fähigkeit an Bedeutung, die eigenen Gefühle und das eigene Verhalten im Zaum zu halten. Kinder müssen lernen: Nur weil ich etwa Lust habe, meinem Freund den heiß begehrten Fußball zu klauen, sollte ich dem Drang nicht einfach nachgeben. Vielmehr ist im Miteinander oft Kooperation gefragt, etwa wenn man in der Schule an einem gemeinsamen Projekt tüftelt.

Wie sehr ihre Kinder über Selbstkontrolle verfügen und mit anderen kooperieren, darauf können Väter bis zu einem gewissen Grad Einfluss nehmen. Das lässt zumindest eine Studie von Zehra Gülseven von der University of California in Irvine vermuten. Sie untersuchte zusammen mit Kollegen, wie Väter und Mütter mit ihren Kindern im Alter von 54 Monaten und in der ersten Klasse umgingen. Verhielten sie sich sensibel? Waren sie also auf die Bedürfnisse und sozialen Signale ihrer Kleinen eingestellt und reagierten angemessen darauf? Jahre später nahmen die Forscher dann unter die Lupe, wie gut die Kinder in der dritten bis zur sechsten Klasse sich selbst kontrollieren konnten und mit anderen zusammenarbeiteten. Das Ergebnis: Eine sensiblere Erziehung durch den Vater, aber auch durch die Mutter ging mit mehr Selbstkontrolle und Kooperation einher.

„Wichtig ist es, mit seinem Kind feinfühlig umzugehen“, sagt auch Huber. Väter könnten im Prinzip genauso feinfühlig sein wie Mütter. Das gelte allerdings nur, wenn sie genügend Zeit mit dem Kind verbringen. Und wenn sie lernen, auf das Kind richtig zu reagieren. Die Bedürfnisse der Kinder zu erkennen, ist durchaus eine Herausforderung. Zumal sie sich im Laufe des Heranwachsens wandeln. Während Väter jungen Kindern aktiv helfen sollten, geht es bei älteren Kindern eher um Hilfe zur Selbsthilfe.

Heute reden die Erwachsenen mehr mit den Kindern

Keine gute Idee ist es hingegen, Kinder autoritär mit strengen Regeln großzuziehen, ohne jede Erklärung zu geben. Ein solcher Erziehungsstil löse bei Kindern eher Widerstand aus, sagt Wenke Röseler. „Sie verheimlichen dann etwa Dinge, weil sie denken, dass sie sowieso nicht gehört werden.“ Günstig für die Entwicklung des Kindes ist vielmehr ein sogenannter autoritativer Erziehungsstil – eine Erziehung mit liebevoller Anleitung gewissermaßen. Laut Röseler wandelt sich die Erziehung derzeit in eine positive Richtung. Väter reden mehr mit Kindern und handeln Dinge aus, statt ihnen ohne jede Erklärung strikte Regeln vorzugeben.

Man sollte Väterbilder nicht gegeneinander ausspielen

Bei aller berechtigten Begeisterung über die neuen engagierten Väter warnt Huber allerdings vor einer Gefahr: „Wichtig erscheint mir, die verschiedenen Väterbilder nicht gegeneinander auszuspielen.“ Heutzutage werde gern der Erziehervater als das ideale Vorbild angesehen. Der Ernährervater werde dagegen vorschnell ins Abseits gedrängt. „Dabei kann auch die Rolle als ökonomischer Versorger eine von Männern erlebte Form der Fürsorge für das Kind sein.“ Es gebe beispielsweise Paarkonstellationen, die aus moderner Sicht als sehr traditionell eingestuft werden, die aber eine hohe Zufriedenheit mit der Partnerschaft aufweisen. „Und das ist für das Kind ebenso wichtig.“

Väter sind also mehr als eine biologische Notwendigkeit und ein sozialer Unfall. Sie spielen auch bei der Erziehung eine große Rolle – und haben es mit in der Hand, wie sich ihr Nachwuchs entwickelt.

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