Wissenschaft beweist: Man ist so alt, wie man sich fühlt

  • Sich jünger zu fühlen kann zu gesünderem und längerem Leben führen
  • Herz und Hirn funktionieren bei Menschen mit positiver Haltung zum Alter deutlich besser.
  • Vielleicht ist es sowieso an der Zeit, unseren Blick auf diesen Lebensabschnitt zu ändern.
Christian Wolf
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Hannover. Man ist so alt, wie man sich fühlt“ heißt es immer wieder. Und das will eigentlich nur besagen: Es kommt nicht auf das tatsächliche Alter an, sondern auf die richtige Einstellung und die körperliche und geistige Kondition. Mittlerweile zeigt sich: An der Volksweisheit ist sogar noch mehr dran als bislang gedacht. Denn unser subjektiv gefühltes Alter beeinflusst, wie schnell wir biologisch altern. Es macht in dieser Hinsicht zudem einen großen Unterschied, ob wir dem Altern positive Seiten abgewinnen können oder das Älterwerden als Schreckgespenst wahrnehmen.

Längeres Leben dank positiver Einstellung

„Für die Gesundheit und Langlebigkeit ist sowohl das Sich-jünger-Fühlen gut als auch eine generell positive Einstellung gegenüber dem Älterwerden“, sagt Susanne Wurm, Entwicklungs­psychologin und Alterns­forscherin an der Universitäts­medizin Greifswald. Tatsächlich kamen Wissenschaftler um die US-Psychologin Becca Levy von der Yale University bereits in einer frühen Studie zu einem überraschenden Ergebnis: Menschen mit einer positiveren Sicht auf das Älterwerden lebten im Durchschnitt siebeneinhalb Jahre länger als Menschen mit einer negativeren.

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Die Haltung gegenüber dem Alter macht sich dabei auf vielen Ebenen im Körper bemerkbar – etwa beim Herzen. Eine positivere Einstellung zum eigenen Lebensalter geht seltener mit Herzerkrankungen einher als eine negative. Dass Altern durchaus eine Kopfsache ist, zeigt sich auch genau bei dem Organ, das in unserem Kopf steckt, dem Gehirn. Ältere Personen, die sich jünger als ihr tatsächliches Alter empfinden, haben ein biologisch jüngeres Gehirn. Insofern überrascht es nicht, dass bei subjektiv Junggebliebenen die geistigen Kräfte wie das Gedächtnis im Alter weniger nachlassen.

Ein wichtiges Anzeichen für biologisches Altern von Zellen ist die Länge der Telomere. Telomere sind die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Mit jeder Zellteilung werden sie kürzer, bis sich die Zellen nicht mehr teilen und vergreisen. Eine kürzere Telomerlänge ist ein Marker für beschleunigte Zellalterung. In einer Studie mit mehr als 300 älteren Erwach­senen nahm Forscherin Levy sowohl deren Einstellung gegenüber dem Altern unter die Lupe als auch vier Jahre später die Länge ihrer Telomeren. Probanden mit negativer Haltung hatten vier Jahre später eine kürzere Telomerlänge, waren also biologisch schneller gealtert.

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Es stellt sich die Frage nach Henne und Ei

Doch so eindrucksvoll solche Zusammenhänge sind, stellt sich die berühmte Frage nach Henne und Ei. Beeinflussen tatsächlich die Einstellung gegenüber dem Altern und das subjektive Alter die Gesundheit und Langlebigkeit? Oder verhält es sich gerade umgekehrt? Schließlich könnte es ganz einfach so sein: Man erlebt bei sich selbst eine schlechte körperliche Gesundheit oder ein Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit. Diese Einbußen führt man auf das Älterwerden zurück, und in der Folge hadert man mit dem Altern – und fühlt sich älter.

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Beobachten Forscher Personengruppen über einen längeren Zeitraum, können sie erkennen, was zuerst da ist: die negative Einstellung zum Altern oder die schlechtere Gesundheit. Das lässt Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zu. Das Sich- jünger-Fühlen und eine positive Einstellung gegenüber dem Altern haben laut Susanne Wurm positive Effekte: „Sie tragen dazu bei, dass Menschen über die Zeit hinweg weniger erkranken, eine bessere Mobilität haben, seltener stürzen und seltener an Demenz erkranken.“

Altern findet vor allem im Kopf statt

Die Psyche scheint also objektive Aspekte wie Langlebigkeit zu beeinflussen. Das bestätigt der Psychologe und Alterns­forscher Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg. Zwar seien die Effekte nicht immer riesig, aber man müsse sich zur Einordnung einmal vor Augen führen: „Das subjektive Alter und die Einstellung zum Altern haben einen größeren Effekt auf die Langlebigkeit als beispielsweise das Rauchen.“ Aus Wahls Sicht ist das subjektive Alter viel entscheidender als das objektive. In einem Aufsatz hat er es einmal ein wenig zugespitzt so dargestellt: „Altern findet vor allem im Kopf statt.“

Doch wie kann das, was im Kopf stattfindet, solch eine Wirkung auf den Körper haben? Verschiedene Mechanismen sind hier am Werk. Der eine Wirkpfad führt über das Gesundheitsverhalten. Menschen, die sich subjektiv jünger fühlen oder eine positivere Sicht auf das Älterwerden haben, sind körperlich aktiver. Sie ernähren sich besser und gehen häufiger zu Vorsorge­untersuchungen. „Es gibt dabei Abwärtsspiralen und Aufwärtsspiralen“, sagt Susanne Wurm. „Wer etwa negativer auf das Altern blickt, betätigt sich körperlich weniger, dadurch baut er physisch schneller ab, was zu einer noch negativeren Sicht auf das Altern führt.“

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Stress ist ein Risiko für die Gesundheit

Ein anderer Aspekt sind physiologische Mechanismen wie Stress. Unter Dauerdruck zu stehen ist eines der größten Risiken für die psychische und physische Gesundheit. In einer Studie von Levy stieg bei älteren Probanden mit negativen Alters­stereo­typen der Spiegel des Stresshormons Cortisol im Laufe von 30 Jahren hinweg an. Ein solcher Anstieg fand sich aber nicht bei Probanden ohne negative Altersstereotype. Der letzte Wirkpfad führt über die Psyche, so Wahl. Wenn man etwa sage: „Frau Schmidt, toll, dass Sie als hochaltrige Dame es hierher geschafft haben und an einem kognitiven Test teil­nehmen“, dann werde sie schlechter bei dem Test abschneiden, als wenn man ihr Alter nicht betont. „Das hat viel mit Motivation zu tun“, so der Forscher. „Wenn man sich jünger fühlt, glaubt man, mehr erreichen zu können.“ Solche Menschen haben das Gefühl, Dinge bewirken und Probleme bewältigen zu können, und einen höheren Lebenswillen.

Im Westen hat das Altern ein schlechtes Image

Auf der einen Seite ist also ein gutes und gesundes Altern auch eine Frage der Einstellung. Auf der anderen Seite steht es mit dieser Einstellung nicht zum Besten. In unserer westlichen Kultur hat das Altern ein echtes Imageproblem. Wir verbinden es mit körperlichen Gebrechen, geistigem Verfall und dem Dahinsiechen in Pflegeheimen. Doch an dem Bild vom Altern könne man arbeiten, sagt Susanne Wurm. Man könne Menschen beispielsweise darüber nachdenken lassen, was auch schön am Älterwerden ist, statt immer nur defizitorientiert zu denken. Eine andere Möglichkeit ist es, ältere Menschen dabei zu unterstützen, neue Technologien handhaben zu lernen, etwa den Umgang mit bestimmten Apps. Dann merken sie, was sie im Alter alles noch können. Das wirkt sich positiv auf die eigene Alterssicht aus.

Es wird also Zeit für neue Altersbilder. Und was könnte als Anreiz verlockender sein, als gesünder und länger zu leben?

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