Wer musiziert, studiert – Macht Musik wirklich schlau?

  • Regelmäßig betonen Studien die positiven Folgen des Musizierens auf das Gehirn.
  • Nun stellen Forscher diesen Nutzen infrage.
  • Doch auch wenn Musik keine Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten hat, bietet es für die Entwicklung von Kindern trotzdem einen Mehrwert.
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Max Planck verfügte über ein absolutes Gehör, spielte Klavier, Cello und Orgel, und Albert Einstein hatte seit seinem sechsten Lebensjahr Geigenunterricht: Anekdoten wie diese scheinen den oft behaupteten Zusammenhang zwischen Intelligenz und dem Erlernen eines Musikinstruments zu belegen. Nicht wenige Eltern lassen ihre Kinder daher musizieren – in der Hoffnung, deren schulische Leistungen zu verbessern. Eine Studie im Fachjournal “Memory & Cognition” dämpft nun solche Hoffnungen. Zumindest aber entfacht sie den Streit um eine alte Frage neu: Macht Musik schlau?

Auswirkungen von Musik auf die Intelligenz nicht einstimmig bewiesen

Als die US-Psychologin Frances Rauscher von der Universität von Kalifornien 1993 im Fachblatt “Nature” berichtete, dass einige ihrer Studenten visuell-räumliche Aufgaben besser lösten, wenn sie zuvor zehn Minuten lang eine Mozart-Sonate hörten, schien das ein eindrücklicher Nachweis für die Wirkung von Musik auf die geistige Leistung von Menschen. Tatsächlich wurde das Phänomen als “Mozart-Effekt” bekannt und führte unter anderem dazu, dass in zwei US-Bundesstaaten Eltern zur Geburt eines Babys eine CD mit Aufnahmen des Komponisten bekamen.

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Mittlerweile gilt der Effekt zwar weitestgehend als widerlegt, wird jedoch regelmäßig zitiert, wenn über mögliche positive Auswirkungen von Musik diskutiert wird. Selbst zu musizieren soll die generelle Intelligenz fördern, das Arbeitsgedächtnis anregen und die Klangwahrnehmung schärfen, was wiederum die Verarbeitung von Sprache und Lesefähigkeiten verbessert – so lauten jedenfalls drei Behauptungen, die oft als Argumente dafür herhalten, Kinder ein Instrument lernen zu lassen. Über positive Auswirkungen auf das Gehirn berichteten Anfang Oktober auch chilenische Forscher im Fachblatt “Frontiers in Neuroscience”.

Studie widerlegt den positiven Einfluss von Musik auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern

Dass solche Effekte vermutlich nicht ganz so groß sind oder zumindest differenziert betrachtet werden sollten, legt jedoch eine Studie des Psychologen Giovanni Sala von der japanischen Fujita Health University und des Kognitionswissenschaftlers Fernand Gobet von der London School of Economics and Political Science nahe. Sie werteten Studienresultate zum Zusammenhang von Musikerziehung und kognitiven Fähigkeiten sowie schulischen Leistungen von Kindern aus. Ihr Datensatz umfasste 54 Untersuchungen aus den Jahren 1986 bis 2019 mit insgesamt 6984 Kindern zwischen drei und 16 Jahren.

Das Ergebnis ihrer Reevaluierung im Fachblatt “Memory & Cognition”: Musikerziehung habe keinen positiven Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern, ebenso wenig auf deren schulische Leistungen in Mathe, Lesen oder Schreiben. Das zeigten vor allem jene Arbeiten mit einem qualitativ hochwertigen Studiendesign – also solche, die etwa eine Kontrollgruppe mit Kindern einschlossen, die nicht musizierten, aber eine andere Aktivität wie Malen oder Sport betrieben.

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Jegliche Form der außerschulischen Aktivitäten verbessern möglicherweise die Leistungen der Kinder

Kleinere Effekte zeigten sich den Wissenschaftlern zufolge lediglich bei jenen Studien, die keine derartigen Kontrollgruppen umfassten. Entsprechend klar fällt das Fazit der Autoren aus. “Unsere Studie zeigt, dass die verbreitete Vorstellung, dass Musik Kinder schlauer macht, falsch ist”, sagte Sala. Für die Praxis bedeute dies, dass das Unterrichten von Musik mit der alleinigen Absicht, die kognitiven oder schulischen Leistungen eines Kindes zu verbessern, möglicherweise sinnlos sei: "Während man das Gehirn so trainieren kann, dass man beim Spielen von Musik besser in Musik wird, lassen sich diese Vorteile nicht derart verallgemeinern, dass man beim Lernen von Musik auch besser in Mathematik " Anderslautende Ergebnisse gingen möglicherweise auf Fehlinterpretationen früherer Daten zurück.

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Stefan Kölsch, Psychologe und Neurowissenschaftler an der norwegischen Universität Bergen, deutet die Metaanalyse hingegen differenzierter: Er betont, dass gerade jene Studien mit Kontrollgruppen – in denen Kinder anstatt zu musizieren also etwa Theater spielten oder malten – durchaus Effekte zeigten, aber eben für alle genannten Aktivitäten: “Das ist eine Frage der Perspektive: Für mich ist das Glas halb voll, betrachte ich diese Ergebnisse, für die Autoren halb leer. Aber gerade, wenn das Musizieren mit Nichtstun verglichen wird, ist eine deutliche Wirkung beobachtbar.”

Am besten lernen die Kinder im Fachunterricht

Zudem hätten qualitativ hochwertige Studien schon immer vorsichtig formuliert. Kölsch betont weiter: “Natürlich ist das beste Rezept, um gut im Diktat oder im Rechnen zu werden, Deutsch- oder Matheunterricht – aber nichts anderes wird ja behauptet.”

Diesen Punkt unterstreicht auch der Neuropsychologe Lutz Jäncke von der Universität Zürich: “Durch Flötenunterricht wird niemand besser darin, Differentialgleichungen zu lösen, doch darum geht es auch gar nicht.” Jäncke kommentiert, die Metaanalyse sei zwar methodisch gut, das Forschungsfeld insgesamt aufgrund des Untersuchungsthemas allerdings hochproblematisch: “Längsschnittstudien in diesem Bereich sind immer komplex, schwer durchzuführen und zu interpretieren, da Dynamiken des Alltags – gerade mit Kindern in den erwähnten Altersgruppen – nicht berücksichtigt werden.”

Musik hat auch ohne Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten einen Mehrwert

Deswegen seien neben Interventionsstudien auch Korrelationsstudien nötig – also solche, die Zusammenhänge zwischen Merkmalen ermitteln, ohne Aussagen über eine Kausalität treffen zu können. Hier wäre das der Zusammenhang zwischen einer psychologischen Leistung mit Musik zu einem bestimmten Zeitpunkt. Eben jene Korrelationsstudien wurden in die Metaanalyse allerdings nicht aufgenommen.

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Neuropsychologe Jäncke hebt außerdem hervor: “Selbst, wenn die Auswirkungen von Musikunterricht auf die kognitiven Fähigkeiten nicht so groß sein sollten, ergibt sich für die Kinder doch ein Vorteil, der gerne vergessen wird: Sie erlernen ein Instrument.” Musik habe per se einen Wert: “Man sollte Musik wegen der Musik an sich machen und nicht für bessere Mathenoten.”

Musik stimuliert grundlegende Funktionen für die Entwicklung eines Kindes

Dieser Perspektive schließt sich Kölsch an: “Musik braucht keine Rechtfertigung – sie ist Teil unserer Natur und Kultur.” Zudem stimuliere sie durchaus grundlegende Funktionen für die Entwicklung eines Kindes und das auf spielerische Weise: “Dazu gehören Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sensomotorik sowie emotionale und soziale Funktionen.”

Dies wird auch von den Autoren der Metaanalyse selbst angesprochen. So sagt Gobet: “Musiktraining kann für Kinder von Vorteil sein, beispielsweise durch Verbesserung der sozialen Fähigkeiten oder des Selbstwertgefühls.”

Mit Musiktests könnten sich Entwicklungsstörungen frühzeitig erkennen lassen

Für Kölsch bleibt indes ein weiterer Vorteil unerwähnt: Mehrere Studien hätten belegt, dass gerade Kinder mit Entwicklungsstörungen wie Autismus oder Lernschwierigkeiten von Musikerziehung profitierten. Rhythmustraining könne sich etwa positiv auf Kinder mit Dyslexie (Lesestörung, Anmerkung der Redaktion) auswirken. Aus dieser Beobachtung ergibt sich für den Psychologen eine weitere Forschungsaufgabe: So könnte man Musiktests entwickeln, mit deren Hilfe sich Entwicklungsstörungen wesentlich früher identifizieren ließen als mit bislang üblichen Testverfahren. “Sprachstörungen erkennen wir oft erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist”, so “Rhythmustests ließen sich hingegen schon mit Zweijährigen durchführen.”

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“Es gibt Längsschnittstudien, die zeigen, dass sich das Erlernen eines Instruments deutlich auf die Hirnstrukturen von Kindern auswirkt”, ergänzt Jäncke. Daraus ließe sich nicht automatisch schließen, dass Kinder durch Musik schlauer würden. Sie könnten allerdings eine kognitiv-anatomische Reserve entwickeln, die bis ins hohe Alter wirke.

Jäncke erinnert in diesem Zusammenhang an die berühmte sogenannte Nonnenstudie aus den USA: Hier hatte die Analyse der Gehirne von 600 Ordensschwestern ergeben, dass selbst jene von ihnen, die unter Demenz oder Alzheimer litten, zu Lebzeiten geistig aktiv waren und kaum Beeinträchtigungen zeigten. “Diese Nonnen waren als Jugendliche und junge Erwachsene kognitiv sehr aktiv und das hat ihre Gehirne wahrscheinlich schon in der Jugend so verändert, dass sie genügend Reserven aufgebaut hatten, um im Alter eintretenden Abbauprozessen entsprechend entgegenzuwirken”, fasst der Neuropsychologe zusammen.

Positive Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle und Disziplin

Dennoch betont er, Musik sei kein Allheilmittel – vor allem nicht dann, wenn es um Transfereffekte auf kognitive Leistungen oder ähnliches gehe: “Diese Transfereffekte hängen von vielen Faktoren ab, zu denen Motivation, Freude am Musizieren, familiärer und kultureller Hintergrund und die Alltagsgestaltung generell gehören.”

Außer Frage stehe indes, dass sich Musizieren positiv auf Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle und Disziplin auswirke und wichtig für den Selbstausdruck und die eigene Entfaltung sei – Aspekte, die laut Jäncke gerade für Heranwachsende außergewöhnliche Werte darstellten: “Und diese sind in meinen Augen wesentlich wichtiger für die Persönlichkeitsbildung, als besser in Mathe zu werden.”

RND

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