• Startseite
  • Wissen
  • Weinanbau in Zeiten des Klimawandels: Hälfte der weltweiten Anbaugebiete bedroht

Weinanbau in Zeiten des Klimawandels: Hälfte der weltweiten Anbaugebiete bedroht

  • Steigende Temperaturen, unvorhersehbare Wetterextreme und neue Schädlinge – der Klimawandel macht dem Weinanbau zu schaffen.
  • Eine spanisch-kanadische Studie sagt voraus, dass mindestens die Hälfte der Anbaugebiete weltweit bedroht ist.
  • Den Forschern nach gibt es aber eine Lösung. Ein Wechsel der Weinsorten könnte Abhilfe schaffen.
Anzeige
Anzeige

Alcalá de Henares/Vancouver. Weintrauben sind extrem empfindlich gegenüber klimatischen Veränderungen und hier vor allem gegenüber solchen, welche die Temperatur betreffen. Das macht sie besonders interessant für Prognosen zu den Folgen des Klimawandels und der entsprechenden Entwicklung von Anpassungsstrategien.

Wissenschaftler der spanischen Universität von Alcalá und der kanadischen Universität von British Columbia studierten nun Daten für die elf beliebtesten Rebsorten: Cabernet Sauvignon, Chasselas, Chardonnay, Grenache, Merlot, Mourvèdre (auch bekannt als Monastrell), Spätburgunder, Riesling, Sauvignon Blanc, Syrah und Trebbiano (auch bekannt als Ugni Blanc). Ihre Ergebnisse teilten sie in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Globale Erwärmung wirkt sich auf den Weinanbau aus

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Sie untersuchten historische Aufzeichnungen von 1956 bis 2015 zur Knospenbildung, Blüte und Reifung dieser Rebsorten und kombinierten sie mit globalen Pflanzungsdaten und Temperaturaufzeichnungen von 1880 bis 2013, um daraus Modelle für verschiedene globale Erwärmungsszenarien zu kalkulieren. Das Ergebnis: Bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad würden die Regionen, welche für den Weinbau geeignet sind, weltweit um 56 Prozent schrumpfen; bei einem Anstieg von vier Grad wäre es gar auf 85 Prozent der Flächen nicht mehr möglich, gute Weine zu produzieren.

Winzer sollten andere Weinsorten anbauen

Diese Zahlen würden allerdings wesentlich weniger dramatisch ausfallen, wenn die Winzer andere Sorten anbauen würden, die besser zu den neuen klimatischen Bedingungen passten, so die Empfehlung der Forscher. Eine derartige Anpassung könnte bei einer Erwärmung von zwei Grad beispielsweise dafür sorgen, dass „nur“ noch 24 Prozent der Anbaugebiete verloren gingen.

Für das französische Burgund schlagen die Wissenschaftler etwa den Anbau von hitzeliebendem Mourvèdre oder Grenache statt Pinot Noir vor, in Bordeaux könnte Mourvèdre Cabernet Sauvignon und Merlot ersetzen. Kältere Anbaugebiete wie Neuseeland, der pazifische Nordwesten der USA und auch Deutschland würden das Zwei-Grad-Szenario relativ unbeschadet überstehen.

Anzeige
Hitzeliebende Weinsorten wie Mourvèdre oder Grenache haben das Potenzial, in Zukunft auch in Deutschland vermehrt angebaut zu werden. © Quelle: Ignacio Morales-Castilla/dpa

In jenen Regionen könnte es künftig allerdings möglich sein, wärmeliebende Sorten wie Merlot oder Grenache anzubauen. Solche, die kältere Temperaturen bevorzugen, etwa Pinot Noir, könnten in Zukunft in Gebieten angepflanzt werden, die derzeit noch gar nicht für den Weinanbau geeignet sind. Tatsächlich bezeichnet auch Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstituts, die deutschen Weinerzeuger noch als „Gewinner des Klimawandels“. So würde die zunehmende Erwärmung beispielsweise höhere Reifegrade der Trauben bewirken, was letztendlich zu besseren Weinqualitäten führe.

Anzeige

Anteil südländischer Weinsorten in Deutschland noch gering

Auch mit dem in der spanisch-kanadischen Studie vorgeschlagenen Sortenwechsel werde hierzulande bereits experimentiert. So werde auf 700 Hektar Merlot angebaut, auf 400 Hektar Cabernet Sauvignon. Angesichts der gut 100.000 Hektar Weinanbaufläche in Deutschland insgesamt ist der Anteil solcher eher südländischen Sorten allerdings noch gering. „Die Winzer sammeln derzeit noch Erfahrungen damit und prüfen beispielsweise, wie sich jene Sorten in ihren Weinbergen machen“, führt Büscher aus. Wirke sich der Klimawandel dann auch hier stärker aus, könnten die Weinerzeuger schneller reagieren.

Weinanbaugebiete in Spanien, Italien und Australien gefährdet

Denn schon jetzt machten sich auch dessen negative Folgen bemerkbar: Höhere Niederschlagsmengen bedeuteten etwa eine erhöhte Gefahr von Pflanzenkrankheiten wie dem Falschen Mehltau. 2019 hätten die hohen Temperaturen von teilweise über 40 Grad Celsius außerdem zu Sonnenbrandschäden an den Trauben in einem bisher noch nicht gekannten Ausmaß geführt. Insgesamt könne ein Sortenwechsel nur eine Maßnahme von vielen sein, um den Weinanbau zu erhalten, sagt Büscher.

Um die Typizität der deutschen Weißweine und insbesondere des Rieslings trotz zunehmender Erwärmung zu erhalten, belassen beispielsweise manche Winzer weniger Blätter an den Reben, um die Traubenreife zu verzögern. Andere pflanzen Weinberge in höhere oder weniger sonnenreiche Lagen. In südlicheren Ländern sei dies allerdings teilweise schwierig – eine Einschätzung, die auch die aktuelle Studie teilt. So seien in heißeren Weinanbaugebieten wie in Spanien, Italien oder Australien die größten Verluste zu erwarten, da in diesen Regionen bereits jetzt nur wärmeliebende Sorten gezogen werden.

Globale Erwärmung hemmt Erhalt der Anbaugebiete

Zudem habe auch der Ausgleich durch einen Sortenwechsel seine Grenzen. So könnte bei einem Temperaturanstieg von vier Grad auf diese Weise der Verlust der Weinanbaugebiete nur von 85 auf 58 Prozent reduziert werden. „Wenn der Pinot Noir durch Grenache oder Cabernet Sauvignon ersetzt wird und Trebbiano gepflanzt wird, wo Riesling angebaut wird, sind dies keine schmerzlosen Verschiebungen, aber sie können den Winzern den Übergang in eine neue und wärmere Welt erleichtern“, erklärt Biologin Elizabeth Wolkovich von der Universität von British Columbia in einer zur Studie veröffentlichten Mitteilung.

Anpassungsstrategie beim Wein hängt auch vom Verbraucher ab

Anzeige

Dabei hänge die Effektivität derartiger Anpassungsstrategien allerdings nicht nur von den Winzern ab, sondern auch von der Bereitschaft der Verbraucher, dem Sortenwechsel eine Chance zu geben. In Europa würde bereits darüber gesprochen, den Winzern jenen Sortenwechsel rechtlich zu erleichtern. „Aber die Erzeuger müssen noch lernen, diese neuen Sorten anzubauen“, sagt Wolkovich. „Das ist eine große Hürde in einigen Regionen, in denen seit Hunderten von Jahren die gleichen Sorten angebaut werden, und sie brauchen Verbraucher, die bereit sind, andere Sorten aus ihren Lieblingsregionen zu akzeptieren.“

Für Deutschland stellt Ernst Büscher fest, dass die Verbraucher durchaus bereit seien, einen deutschen Merlot zu probieren: „Noch gilt dieser aber eher als eine besondere Spezialität.“

RND/dpa