Weibliche Masturbation: (K)ein Tabuthema

  • Was Sex ist und wie die schönste Nebensache der Welt funktioniert, wissen viele Jungen und Mädchen schon vor dem Aufklärungsunterricht in der Schule.
  • Selbstbefriedigung hingegen ist – gerade für Frauen – oft ein Tabuthema.
  • Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning weiß, woran das liegt und gibt Tipps.
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Hannover. Ann-Marlene Henning ist Autorin und Deutschlands bekannteste Sexualtherapeutin. Sie weiß, wieso weibliche Masturbation noch immer oft ein Tabuthema ist und gibt Frauen im Interview Tipps für eine erfüllende Selbstbefriedigung.

Wieso wurde über weibliche Masturbation so lange nicht gesprochen?

Es wurde grundsätzlich lange nicht über Masturbation gesprochen. Das hat zwei Gründe: Zum einen dachte man Ende des 18. Jahrhunderts, Selbstbefriedigung würde wahnsinnig machen, denn in Psychiatrien masturbierten viele Patienten frei in den Gängen herum. Der Zusammenhang war aber ein anderer: Es gab es viele Leute mit Syphilis im Endstadium. Bei dieser Krankheit ist das ganze Hirn betroffen, auch Frontalanteile, die normalerweise unpassendes Verhalten unterbinden. Die Syphilis hat also enthemmt. Diese Idee, Masturbation sei schlecht, gefährlich, dreckig und vom Teufel ausgelöst betraf beide Geschlechter. Zum anderen ist die Selbstbefriedigung der Frau lange Tabu gewesen, weil das weibliche Genital mit noch mehr Mythen, Flüchen und Scham belegt war, die allein den Gedanken an Masturbation unmöglich machten.

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Können Frauen lernen, alleine zum Höhepunkt zu kommen?

Ja, jede Frau kann kommen. Nur wenige, die beispielsweise neurophysiologische Störungen haben, können es nicht – das ist vielleicht eine von 10.000 Frauen. Jeder Orgasmus hat im Endeffekt mit guter Erregung zu tun und das bedarf gute Durchblutung. Das hat, ähnlich wie beim Mann, damit zu tun, dass die Schwellkörper am Genital gut funktionieren.

Die Klitoris hat mehrere Schwellkörper und zwei bis drei Mal so viele Neuronen an der Spitze wie die Eichel. Frau kann also allemal zum Höhepunkt kommen. Oft muss sie es aber üben. Verbindet das Gehirn die Vulva jedoch mit Ekel, kann es zu Problemen kommen. Der Kopf ist der größte Lustkiller.

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Ist Selbstliebe wichtig für den Orgasmus?

Das allgemeine Befinden oder die eigenen Probleme spielen durchaus eine Rolle. Es gehören viele Faktoren dazu, wie ein Mensch sexuell aufgestellt ist. Welche Fantasien und Gefühle hegt er und wie ist er groß geworden? Wenn eine junge Frau beispielsweise gegen eine strenge religiöse Erziehung ankämpft oder gegen Eltern, die viel verbieten, kann ein Orgasmus schwierig werden.

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Das hat aber nicht generell mit dem Selbstwertgefühl oder zum Beispiel Intelligenz zu tun. Manchmal ist es allerdings leichter, weniger über etwas zu wissen oder nachzudenken. Es ist mit weniger Druck verbunden.

Haben Frauen einen schlechteres sexuelles Selbstbild?

Studien zeigen, dass Frauen ein schlechteren Zugang zu ihrem Geschlechtsteil haben. Das wirkt sich oft auf den Orgasmus, die Sexualfunktion und auf die Tendenz zum riskanten Sexualverhalten aus. Frauen denken, ihr Genital sei „miefig“. Dabei reinigt sich die Vagina im Gegensatz zum Penis selbst. Außerdem gibt es kaum gute Bezeichnungen für die Vulva oder die Vagina. Viele Frauen sagen eher „da unten“ oder „Popo vorne“ während Männer „Rüssel“ oder „Schwert“ sagen. Darin steckt mehr Aktivität. Das weibliche Geschlecht wird als passiv, inaktiv oder abwartend beschrieben.

Ist weibliche Selbstbefriedigung heutzutage ein größeres Thema?

Die Häufigkeit der Masturbation ist für beide Geschlechter gestiegen. Es gibt aber immer noch ein Ungleichgewicht: Während über 90 Prozent der jungen Männer sich selbst befriedigen, sind es bei den Frauen nur knappe 70 Prozent.

Durch Dildo-Parties und soziale Medien sollte man meinen, heutzutage wird mehr darüber gesprochen. Der Effekt ist aber kleiner als viele denken. Man spricht nicht darüber, was nicht klappt. Gerade bei Vibratoren fasst Frau nicht hin, sondern legt nur auf. Das führt zu einer ganz bestimmten Erregung. Ich habe den Womanizer und den Satisfyer auch getestet, mit denen eine Frau vielleicht in einer halben Minute zum Höhepunkt kommen kann – allerdings sehr punktuell. Erregung geht aber auch anders, länger und intensiver. In einer Minute kann man sich nicht gut einheizen und was beim Orgasmus nun mal entladen wird, ist die Erregung, die man bis dahin aufgebaut hat.

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Sollte man bei der Selbstbefriedigung auf Sexspielzeug verzichten?

Sexspielzeuge können bei der Masturbation toll sein, sind aber auch mit Vorsicht zu genießen. Bewegt sich das Spielzeug schnell und heftig, kommt es prompt zu einer Anspannung im Körper. Das ist erstmal nichts Schlechtes. Eine Frau braucht die Anspannung, um zum Orgasmus zu kommen. Ist das Rütteln aber zu heftig, ist es gar nicht möglich, im gesamten Körper erregt zu werden.

Ich höre von vielen Frauen, dass sie dadurch Probleme bekommen haben, beim Partner-Sex zum Orgasmus zu kommen. Sie sind gewissermaßen von der starken Vibration abhängig geworden.