Was wir aus Romanen für den Job lernen können

Die Mehrzahl der deutschen Führungskräfte liest laut Studien keine Bücher mehr. Was äußerst bedauerlich ist, findet unser Kolumnist, der Karrierecoach Martin Wehrle. Denn aus Werken wie Goethes „Wahlverwandtschaften“ oder Walsers “Seelenarbeit“ könne man viel für den Beruf lernen.

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Hamburg. Vor ein paar Jahren saß ein Manager bei mir in der Beratung und beklagte sich: „Meine Abteilung ist keine Einheit, sondern spaltet sich in Grüppchen auf, und die bekämpfen sich. Ich begreife nicht, warum. Können Sie mir das erklären?“ Ich zuckte mit den Schultern und empfahl ihm, die „Wahlverwandtschaften“ von Goethe zu lesen. Irritiert blinzelte er mich an: „Goethe hat was über Teams geschrieben?“ Als ich ihm erläuterte, wovon der Roman tatsächlich handelt, schlug sein Staunen in Ärger um: „Liebespaare? Gegenseitige Anziehung? Für so einen Quatsch habe ich keine Zeit!“ Selbst schuld.

Führungskräfte sollten über humanistische Bildung verfügen

Die Mehrzahl der deutschen Führungskräfte liest keine Bücher mehr, wie Studien belegen. Keine Sachbücher, keine Romane, nicht einmal Management-Novellen, in denen auf Kinderbuch-Niveau erklärt wird, was Führungskräfte von Fischverkäufern oder hungrigen Mäusen lernen können – obwohl diese Schmalspurliteratur noch am ehesten den Weg ins Regal findet.

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Nun arbeitet ein Manager nicht als Literaturkritiker. Aber wäre es nicht von Vorteil, wenn diejenigen, die Menschen führen, über humanistische Bildung verfügten? Und findet sich das universellste Wissen über Menschen nicht in der belletristischen Literatur, festgehalten von den hellsten Köpfen?

Ein Gespür für die Zwischentöne

Ich glaube, besser als in schöngeistige Literatur können Berufstätige ihre Zeit nicht investieren. Nehmen Sie „Seelenarbeit“, einen frühen Roman Martin Walsers. Der unscheinbare Chauffeur Xaver Zürn löscht seine Identität geradezu aus, indem er sich den Erwartungen seines Chefs Dr. Gleitze anpasst. Dieses Lügengebäude lastet tonnenschwer auf seiner Seele, erdrückt ihn fast. Zürn will sich befreien durch ein klärendes Gespräch. Doch der Weg zwischen Chef und Mitarbeiter, vom Fahrersitz zur Rückbank, scheint weiter als eine Reise zum Mond; sein Chef hört immerzu Opern per Kopfhörer.

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Wer dieses Buch als Manager liest, wird feinhöriger für die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter. Er begreift, dass trotz der räumlichen Nähe in einem Gespräch am wichtigsten sein kann, was nicht gesagt wird. Und wer diesen Roman als Mitarbeiter liest, wird sich der alltäglichen Störgeräusche bewusst, die den Chef vom Wahrnehmen der feinen Signale abhalten – ähnlich wie die Musik aus einem Kopfhörer.

Kafka und Kleist als Beispiele für Fairness und Transparenz

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Ein anderes Beispiel ist der „Der Prozess“ von Kafka: ein Plädoyer für mehr Transparenz, wenn es um wichtige Entscheidungen geht, allen Konzernlenkern empfohlen. Niemand sollte verhaftet oder nur in Haftung genommen werden, ohne die Hintergründe zu verstehen. Der „Kohlhaas“ von Kleist: eine Demonstration, wozu vernünftige Menschen (auch Mitarbeiter!) fähig sind, wenn man sie unfair behandelt. Eine Mahnung an alle, die nicht nur die Etats, sondern auch die Grundsätze der Menschlichkeit zusammenstreichen. „Wilhelm Meister“ von Goethe: ein Beispiel, dass sich Menschen von innen heraus entwickeln – und nicht ausschließlich in ihrer Funktion entwickelt werden können, wie es der Begriff „Personalentwicklung“ fälschlicherweise assoziiert.

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Warum lesen entschleunigt

Wer als ganzer Mensch wachsen will und damit auch in seiner beruflichen Rolle, findet im Regal zahlreiche Anregungen. Romane regen den Blick über den Tellerrand an. Es ist gut, dass sie auch Zeit erfordern, denn Lesen entschleunigt in gehetzten Zeiten. Ob Belletristik, Lyrik oder Sachbuch: Literatur ist eine Bereicherung – persönlich, aber auch für den Job. Wer das nicht verstanden hat, bleibt ein armer Wicht. Auch mit Millionengehalt.

Von RND/Martin Wehrle

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