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Was passiert, wenn die Erde plötzlich aufhört, sich zu drehen?

Eine Nasa-Aufnahme der Erdkugel. Die Erde rotiert am Äquator mit einer Geschwindigkeit von etwa 1670 Kilometern pro Stunde.

Die Erde dreht sich nicht bloß um die Sonne herum, sondern rotiert auch in Richtung Osten um sich selbst. Das hat Auswirkungen. Würde die Erde sich nicht alle 365 Tage um unsere Sonne drehen, hätten wir vermutlich keine Jahreszeiten. Würde sie nicht zusätzlich um ihre eigene Achse rotieren, wären unsere Tage nicht mehr 24 Stunden lang. Aber das wäre nicht einmal das Schlimmste, das passieren würde, wenn die Erde sich auch nur für eine Sekunde aufhören würde zu drehen.

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Ein Gedanken­experiment: Die Erde stoppt plötzlich ihre Rotation. „Das wäre katastrophal“, sagte der US-amerikanische Astrophysiker und Fernseh­moderator Neil deGrasse Tyson in einem Interview. In diesem Moment würde alles, was nicht extrem an der Erde befestigt sei, in der Geschwindigkeit, mit der sich die Erde dreht, vom Boden gerissen werden. Und wie schnell wäre das?

Die Erde stoppt und wir schleudern davon

Am Äquator hat die Erde mit circa 1674 Kilometern pro Stunde – das sind etwa 465 Meter pro Sekunde – ihre höchste Rotations­geschwindigkeit. Je weiter man sich nördlich oder südlich aufhält, umso geringer die Rotations­geschwindigkeit. Die Geschwindigkeit am 50. nördlichen Breitengrad – der quer durch Deutschland führt – beträgt aber immer noch etwa 1070 Kilometer pro Stunde.

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Mit dieser Geschwindigkeit würde also alles, was nicht extrem fest an der Erde befestigt ist, vom Boden Richtung Osten geschleudert werden: Menschen, Tiere, Pflanzen, Gebäude – auch die Ozeane. Hoch­geschwindig­keits­winde, die immer noch fast so schnell wie der Planet rotierten, würden die Oberfläche völlig abreiben, schreibt auch das Astronomie­magazin „Astronomy“. „Es würde jeden auf der Erde töten. Die Leute würden aus den Fenstern fliegen“, sagte deGrasse Tyson im Interview weiter. „Das wäre ein schlechter Tag auf der Erde.“ Es wäre der gleiche Effekt wie bei einem Autounfall, erklärt der Astrophysiker. Eine Person, die unangeschnallt mit einem Auto gegen eine Mauer fährt, behält bei dem Aufprall die Geschwindigkeit des Autos bei – die Folge: Sie fliegt aus dem Auto heraus.

Tsunamis, Hitze, Kälte und ein neuer Kontinent

Eine Möglichkeit gäbe es jedoch, diese erste Hürde zu überleben. Wer sich zu diesem Zeitpunkt am Nord- oder Südpol befindet, also an den beiden 90. Breitengraden unseres Planeten, würde von der stoppenden Rotation vermutlich kaum etwas merken. Denn an diesen Punkten beträgt die Rotations­geschwindigkeit null Kilometer pro Stunde. Verschont bliebe man vermutlich dennoch nicht: Wer bis dahin an den Polen überlebt hätte, würde dann vermutlich von riesigen Wellen mitgerissen werden. „Fliegende Felsen und aufgepeitschte Ozeane würden Erdbeben und Tsunamis auslösen“, sagte Geologe Jim Zimbelman dem „Smithsonian Magazine“. Damit würden ganze Lebens­grundlagen ausgelöscht werden.

Die Planeten des Sonnensystems drehen sich um ihren Stern – die Sonne. Verlöre die Erde ihre eigene Rotation, wäre ihre eine Hälfte über Monate der Sonne zugewandt und würde sich dadurch stark erhitzen.

Die Planeten des Sonnensystems drehen sich um ihren Stern – die Sonne. Verlöre die Erde ihre eigene Rotation, wäre ihre eine Hälfte über Monate der Sonne zugewandt und würde sich dadurch stark erhitzen.

Würde die Erde ganz plötzlich ihre Rotation um sich selbst stoppen und sich dann nur noch um die Sonne drehen, wären die Tage sowie die Nächte jeweils sechs Monate lang, vermutete Nasa-Astronom Sten Odenwald bereits vor einigen Jahren. Ähnlicher Ansicht ist auch der Wissen­schaftler Karl Kruszelnicki. „Die eine Hälfte des Planeten wäre fast ununterbrochen der Hitze der Sonne ausgesetzt, während die andere der Kälte des Weltraums zugewandt wäre“, sagt Kruszelnicki dem australischen Radiosender ABC. Leben wäre seiner Ansicht nach nur in einer Art Dämmerungs­zone zwischen diesen beiden Hälften möglich. Durch die Drehung um die Sonne bliebe diese Zone jedoch nicht konstant an einer Stelle.

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Angenommen, die Ozeane würden auf der heißen Seite nicht verdunsten und auf der kalten nicht einfrieren, geht Kruszelnicki außerdem davon aus, dass um den Äquator herum ein neuer „Riesen­mega­kontinent“ entstehen würde. Dadurch, dass die Erde nicht ganz rund, sondern am Äquator etwas breiter geformt ist, würde das Wasser bei stoppender Rotation Richtung Pole abwandern. Dann gäbe es auf jeder Seite des neuen Kontinents zwei voneinander getrennte Ozeane an den Polen, die ganze Teile der ursprünglichen Kontinente überdecken würden. „Ihr könntet auf dem Äquator um die Erde reisen und ganz auf dem Trockenen bleiben – abgesehen von der eisigen Kälte auf der Nachtseite und der glühenden Hitze auf der Tagesseite.“

Wahrscheinlichkeit gleich null

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich jedoch einig: Die Wahrschein­lichkeit für so ein Ereignis in den nächsten Milliarden Jahren liegt praktisch bei null. Die Erde werde niemals aufhören, sich zu drehen, sagt Physiker und Chemiker Dave Consiglio. „Die Erde rotiert im reinsten, vollkommensten Vakuum des gesamten Universums – im leeren Raum. Der Weltraum ist so leer, so frei von allem, was die Erde verlangsamen könnte, so dass sie sich einfach dreht und dreht, praktisch ohne Reibung“, zitiert das „Forbes“-Magazin Consiglio.

Weltraumstaub und die Anziehungs­kraft des Mondes würden der Rotation zwar minimal Energie nehmen, das sei jedoch „wirklich unbedeutend“. Dadurch verlangsame sich zwar die Erdrotation, jedoch nur um etwa 1,8 Millisekunden pro Jahrhundert.

Die Erde verlangsamt sich über Milliarden Jahre – was sind die Folgen?

Ein plötzlicher Stopp ist demnach also nicht möglich. Aber was passiert, wenn die Erde über Milliarden Jahre weiter langsamer wird? Astrophysiker deGrasso Tyson vermutet, dass wir uns dabei zusammen mit der Erde verlangsamen würden. Ein Prozess, den wir überleben könnten. „Die Leute denken, dass wir dadurch irgendwie schwerelos werden oder unsere Atmosphäre verlieren würden“, sagte er. Die Antwort: „Nein. Die Tage würden nur sehr lang sein“.

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Das wäre nach Ansicht des Nasa-Astronomen Sten Odenwald zwar kein Zustand einer vollkommen gestoppten Rotation, aber er wäre „so nahe, wie die Gesetze der Physik es der Erde erlauben“. In diesem Fall könnte die Erde sich irgendwann „sonnen­synchron“, also nur noch alle 365 Tage drehen. Dann wäre eine Seite ununter­brochen zur Sonne gedreht und die andere konstant im Dunkeln. Ähnlich dreht sich der Mond um die Erde – auch gebundene Rotation genannt. Das „Astronomy“-Magazin schätzt allerdings auch diese Theorie als unwahrscheinlich ein, dafür sei die Erde zu weit von der Sonne entfernt, heißt es.

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Auch Physiker Consiglio hält eine Verlangsamung der Erdrotation über Milliarden von Jahre ebenfalls für möglich – erleben würden wir das allerdings nicht. Er vergleicht die Erde mit einem 1670 km/h schnellen Zug: Das Einzige, das ihn verlangsamen würde, wären Zusammenstöße mit Mücken. Irgendwann würde dieser Zug zwar stoppen, doch bis dahin würde er, vermutet Consiglio, nicht mehr existieren. Das Gleiche gelte für die Erde. Spätestens, wenn die Sonne sich in fünf Milliarden Jahren zu einem roten Riesen ausdehnt und dabei nach und nach unser Sonnen­system verschlingt, ist unser Planet Geschichte. Die Ausdehnung mache die Erde jedoch bereits in einer Milliarde Jahre unbewohnbar, sagen Forscherinnen und Forscher. Eine stoppende Erde wird also nie ein realistisches Problem für uns sein – nicht, bevor die Sonne unseren Planeten ohnehin ungemütlich machen wird.

RND

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