Studie: Menschen lügen, um ehrlich zu wirken

  • Forscher von der Hebrew University of Jerusalem haben sich in mehreren Experimenten damit beschäftigt, warum Menschen lügen.
  • Das Ergebnis: Menschen lügen zum einen aufgrund einer finanziellen Motivation; zum anderen mit der Absicht, anderen zu helfen.
  • Die neue Erkenntnis der Forscher: Menschen lügen aus Sorge, unehrlich zu erscheinen.
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Jerusalem. Menschen lügen manchmal, um ehrlich zu erscheinen. Wenn die Wahrheit zu „gut ist, um wahr zu sein“, greifen sie lieber zur Lüge. Das haben Wissenschaftler aus Israel und den USA mit einer Reihe von Experimenten gezeigt. Ihre Versuchspersonen nahmen sogar finanzielle Einbußen in Kauf, um glaubwürdig zu erscheinen, berichten sie im „Journal of Experimental Psychology: General“.

Menschen lügen zu ihrem finanziellen Vorteil

„Viele Menschen sorgen sich um ihren Ruf und wie sie von anderen beurteilt werden“, erläutert Studienleiterin Shoham Choshen-Hillel von der Hebrew University of Jerusalem. „Das Interesse, ehrlich zu erscheinen, kann den Wunsch aufwiegen, tatsächlich ehrlich zu sein – selbst wenn es uns Geld kostet zu lügen.“

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Studienleiterin Shoham Choshen-Hillel und ihr Team haben bei Experimenten herausgefunden, dass einige Menschen sehr viel Wert darauf legen, wie sie auf andere wirken. © Quelle: Credit: Ziv Shimshon

Grundsätzlich werde es als moralisch falsch angesehen zu lügen und es koste häufig Überwindung, es zu tun. Dennoch lügen Menschen regelmäßig. Warum? Dafür gebe es viele Gründe, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Artikel. Einer sei finanzieller Vorteil. So würden Menschen ihr Einkommen in der Steuererklärung bewusst schmälern, um weniger Steuern zahlen zu müssen. Zahlreiche Studien hätten diese finanzielle Motivation zur Lüge gezeigt.

Forscher führen Tests mit 115 israelischen Anwälten durch

Ein anderer weit verbreiteter Grund sei die Absicht, anderen zu helfen oder einfach nett zu sein. Zum Beispiel würden Ärzte Patienten unter Umständen nicht die volle Wahrheit über ihre Heilungsaussichten mitteilen, um sie zu schonen.

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Die Forscher untersuchten nun einen möglichen weiteren, zunächst merkwürdig erscheinenden Grund: Die Sorge, sonst unehrlich zu erscheinen. Sie führten dazu zahlreiche Experimente mit Testpersonen durch. Im ersten Versuch waren das 115 israelische Anwälte. Die Forscher baten die Probanden, sich vorzustellen, als Anwalt einen Auftrag übernommen zu haben. Dem Kunden haben sie gesagt, sie würden dafür – je nach Arbeitsaufwand – zwischen 60 und 90 Stunden in Rechnungen stellen.

Um ihre Patienten nicht zu enttäuschen, sind Ärzte in der Regel eher zurückhaltend, was mögliche Heilungschancen angeht – und lügen manchmal stattdessen.
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90-Stunden-Gruppe berechnete weniger Stunden

Einem Teil der Probanden sagten die Forscher dann, sie hätten dem Szenario zufolge 60 Stunden gearbeitet, dem anderen 90 Stunden. Der Kunde konnte diese Angabe nicht überprüfen. Dann sollten die Testpersonen angeben, wie viel sie ihrem Kunden in Rechnung stellen würden. Das Ergebnis: Die Anwälte der 60-Stunden-Gruppe berechneten im Schnitt 62,5 Arbeitsstunden. 17 Prozent der Teilnehmer dieser Gruppe hatten gelogen.

Interessanter aber war folgendes Ergebnis: In der 90-Stunden-Gruppe wurden durchschnittlich 88 Stunden in Rechnung gestellt. 18 Prozent der Teilnehmer hatten gelogen und weniger Stunden in Rechnung gestellt, als sie tatsächlich gearbeitet hatten – trotz finanzieller Einbußen. Sie handelten laut eigener Erklärung aus Sorge, der Kunde könne sich betrogen fühlen, wie die Forscher schreiben.

Experiment mit Studenten: Lügen, um ehrlicher zu wirken

In einem anderen Experiment sollten 149 Studenten im Geheimen am Computer würfeln und das Ergebnis den Forschern dann sagen. Für jede 5 oder 6 bekamen sie Geld. Allerdings hatten die Wissenschaftler das Programm so manipuliert, dass die Hälfte der Teilnehmer perfekte Würfe erzielte, also vier Fünfen oder Sechsen hintereinander.

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24 Prozent dieser Probanden logen nun und gaben ein weniger perfektes Ergebnis an. Sie nahmen dabei ebenfalls in Kauf, weniger Geld zu bekommen. In der Gruppe, bei denen die Würfel tatsächlich zufällig fielen, logen nur 4 Prozent der Teilnehmer. „Einige Probanden überwanden ihre Abneigung zu lügen und verzichteten auf Geld, nur um ehrlich gegenüber der einen Person zu erscheinen, die das Experiment durchführte“, erläutert Choshen-Hillel.

Die Forscher untermauerten den Zusammenhang mit weiteren Versuchen und sind sich sicher, dass Menschen in der realen Welt ähnlich handelten – auch wenn es Situationen geben könnte, wo der Verlust an Geld oder anderen Werten so hoch sei, dass sie auch auf die Gefahr hin, unehrlich zu erscheinen, die Wahrheit sagen würden. „Unsere Ergebnisse mögen ironisch wirken oder der Intuition widersprechen“, sagt Choshen-Hillel, „aber ich denke, die meisten Leute werden sich an eine Situation erinnern, in der sie gelogen haben, um ehrlich zu erscheinen.“

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RND/dpa

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