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Klimahistoriker im Interview

„Der Blick zurück kann beim Kampf gegen den Klimawandel helfen“

Die Geschichte des Erdklimas ist geprägt von Aufs und Abs, von Warm- und Kaltzeiten.

Die Erde verändert sich seit etwa 4,6 Milliarden Jahren kontinuierlich: Tier- und Pflanzenarten haben sich ausgebreitet und sind ausgestorben, neuer Lebensraum ist entstanden und verschwunden. Und auch das Klima auf dem Planeten hat sich in dieser Zeit gewandelt. Wie genau, weiß Christian Rohr. Er ist Professor für Umwelt- und Klimageschichte am Historischen Institut der Universität Bern.

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Herr Rohr, ein oft gehörtes Argument – gerade vonseiten von Klimaleugnern und Klimaskeptikerinnen – ist: Das Klima auf der Erde ist doch schon immer regelmäßigen Schwankungen unterlegen gewesen. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Tatsächlich sind Klimaschwankungen völlig normal. Sie dauern aber in der Regel viel länger: Wir reden da über Jahrhunderte beziehungsweise Jahrtausende, die normalerweise nötig sind, damit sich die globale Temperatur um zwei Grad erwärmt oder abkühlt. Mittlerweile sind es nur noch Jahre oder Jahrzehnte. Bei den klimatischen Schwankungen muss man zudem berücksichtigen, dass sie nicht wie Wellen auf- und abgehen, sondern es gibt immer wieder Ausreißer. Klima beschreibt vielmehr einen Durchschnittswert einer bestimmten Epoche. In den Klimawissenschaften schaut man sich deshalb meist einen 30-Jahres-Durchschnitt an. Das heißt, wir vergleichen zum Beispiel das Klima in den Jahren 1991 bis 2020 mit den Jahren 1961 bis 1990 auf der Basis der entsprechenden Durchschnittswerte. Und gleichzeitig treten Klimaschwankungen nicht überall gleich auf. Bestimmte Kalt- und Warmphasen betreffen einzelne Teile der Erde mitunter unterschiedlich stark und zeitlich verschoben. Die aktuelle rasante Erderwärmung ist hingegen ein globaler Klimatrend.

Christian Rohr ist Professor für Umwelt- und Klimageschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Wahrnehmung, Deutung und Bewältigung von Naturkatastrophen im Mittelalter und in der Neuzeit, sowie die Klimageschichte des Mittelalters.

Christian Rohr ist Professor für Umwelt- und Klimageschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Wahrnehmung, Deutung und Bewältigung von Naturkatastrophen im Mittelalter und in der Neuzeit, sowie die Klimageschichte des Mittelalters.

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Haben Sie ein Beispiel für diese klimatischen Schwankungen in der Vergangenheit?

Die Kleine Eiszeit, die von 1300 bis 1850 andauerte, war beispielsweise eine Epoche, in der sich das Klima merklich verändert hat. Es gab tendenziell sehr kalte, lange Winter und niederschlagsreiche, kühle Sommer. Grund dafür waren mehrere Phasen verringerter Sonneneinstrahlung und zusätzlich auch vermehrte Vulkanaktivität. Ein anderes Beispiel wären die Migrationsbewegungen während der Völkerwanderungszeit um 400 bis 600 nach Christus. In dieser recht kühlen Klimaperiode kamen Völker wie die Goten oder die Langobarden aus Südskandinavien nach Mittel- und Ostmitteleuropa, weil es in ihrer Heimat vermehrt Sommer gegeben hat, in denen das Getreide nicht mehr reif geworden ist.

Das heißt, ein „normales“ Erdklima hat es eigentlich nie gegeben.

Nein, ein konstantes Klima hat es über eine längere Zeit hinweg nicht gegeben, sondern es gab immer Aufs und Abs. Diese Schwankungen haben vornehmlich natürliche Ursachen gehabt – bis zum Einsetzen der Industrialisierung. Seitdem hat der Einfluss des Menschen auf das Klima mehr und mehr zugenommen. Das liegt unter anderem an einem weltweit erhöhten CO₂-Ausstoß. Diesen hat es zwar auch schon in früheren Epochen gegeben – zum Beispiel um 1500, als verstärkt Bergbau betrieben wurde –, aber damals war die CO₂-Produktion ein eher regionales Phänomen, das auf die gesamte globale Klimadynamik wenig Auswirkungen gehabt hat. Es liegt aber auch an der extensiven Tierhaltung, dem Ausstoß von Methan durch große Rinderherden. Und das Problem der heutigen Erderwärmung im Vergleich zu den früheren Klimaschwankungen ist die enorme Geschwindigkeit. Deshalb wird es für uns Menschen, aber auch für die Ökosysteme, Tiere und Pflanzen immer schwieriger, sich anzupassen.

Und Faktoren wie die Aktivität der Sonne oder die Position der Erde in der Sonnenumlaufbahn spielen beim heutigen Klimawandel überhaupt keine Rolle mehr?

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Die Neigung der Erde und die Veränderung der Sonneneinstrahlung sind durchaus noch mitverantwortlich, aber für die sehr langfristigen Prozesse. Schließlich neigt sich die Erde nicht von einem Tag auf den anderen um bestimmte Grade, sondern das dauert Tausende Jahre. Diese Prozesse können wärmere und kältere Phasen im Laufe der Erdgeschichte erklären, jedoch nicht diese extreme Erwärmung, die wir in den letzten Jahren beobachten konnten. Dass der Klimawandel größtenteils menschengemacht ist, zeigen uns auch die Langzeitarchive in der Natur.

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Welche sind das?

Das sind zum Beispiel Eisbohrkerne, in denen man die CO₂-Konzentration messen kann. Da ergibt sich ganz klar ein Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Aktivität des Menschen, insbesondere der freigesetzten Treibhausgase. Der schwedische Physiker Svante Arrhenius erkannte schon um 1900, welchen Einfluss der CO₂-Ausstoß auf das Klima hat. Er kam zu dem Schluss: Je mehr CO₂ in der Atmosphäre vorhanden ist, desto stärker erwärmt sie sich. Arrhenius hat genau berechnet, wie lange es braucht, bis eine gewisse CO₂-Konzentration für eine bestimmte Erderwärmung sorgt. Diese Konzentration können wir in den Eisbohrkernen und anderen Archiven der Natur messen. Auch in der Atmosphäre selbst lassen sich heute Messungen durchführen. Und alle bisher gesammelten Daten legen nahe, dass die deutlich erhöhte CO₂-Konzentration in der Atmosphäre nur zu einem kleinen Teil auf natürliche Ereignisse zurückzuführen ist, der Großteil hingegen auf den Einfluss des Menschen.

Wenn man sich die Geschichte des Klimawandels auf der Erde anschaut: Was sollte der Mensch daraus lernen?

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Bei allen Zukunftsprognosen, die wir anstellen, müssen wir immer berücksichtigen: Was passiert, wenn es so weitergeht wie bisher? Was passiert, wenn der Einfluss der Treibhausgase noch stärker wird? Aber auch: Was passiert, wenn der Mensch aktiv etwas gegen den Klimawandel unternimmt? Der Faktor Mensch spielt eine große Rolle. Das ist etwas, was sich in der Geschichte des Klimawandels auf der Erde gezeigt hat.

New Yorker Ausstellung macht Klimawandel virtuell spürbar

Zu sehen und virtuell zu erleben sind verschiedene Ökosysteme der Erde sowie globale Probleme der Umweltverschmutzung.

Zum Beispiel wurde in den 1980er-Jahren beziehungsweise in den frühen 1990er-Jahren festgestellt, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe für das Ozonloch über den Polkappen verantwortlich sind, die damals Bestandteil jeder Spraydose und jeder Kühlschrankkühlung waren. Damals hat man es, auch aufgrund der politischen Stimmung, sehr schnell geschafft, Ersatzstoffe zu finden, die klimafreundlicher sind – mit dem Ergebnis, dass sich das Ozonloch inzwischen langsam wieder verringert. Das menschliche Handeln hat also durchaus Auswirkungen, die sich zwar nicht gleich im nächsten Jahr bemerkbar machen, aber in vielleicht 20 bis 30 Jahren. Das gilt auch für andere ökologische Probleme wie etwa den massiven Plastikmüll in den Weltmeeren.

Es ist also noch nicht zu spät für ein Umdenken.

Nein, das sind Themen, die wir jetzt lösen können. Dafür braucht es nicht nur ein Umdenken in den Köpfen der Menschen, sondern auch klare, staatliche Reglements und gezielte Hilfen für Länder, die nicht die finanziellen Möglichkeiten für diese Umstellung haben. Der Blick zurück kann beim Kampf gegen den Klimawandel helfen, aber er muss vor allem dazu anleiten, dass wir unser heutiges Verhalten in Hinblick auf die Zukunft überdenken – und zwar am besten sofort.

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