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Virologin zur Corona-Impfung “Eine Zulassung im Herbst ist unrealistisch”

Professorin Dr. Marylyn Addo ist Leiterin der Infektiologie am Uniklinkum Hamburg Eppendorf (UKE). Dort führt sie derzeit Studien mit dem Ebola-Medikament Remdesivir an besonders schwer erkrankten Patienten mit Covid-19 durch.

Professorin Dr. Marylyn Addo ist Leiterin der Infektiologie am Uniklinkum Hamburg Eppendorf (UKE). Dort führt sie derzeit Studien mit dem Ebola-Medikament Remdesivir an besonders schwer erkrankten Patienten mit Covid-19 durch.

Marylyn Addo behandelt seit Wochen Corona-Parienten am Uniklinikum in Hamburg-Eppendorf, parallel arbeitet sie selbst an der Entwicklung eines Impfstoffs und testet außerdem derzeit das Ebola-Medikament Remdesivir an besonders schwer erkrankten Patienten mit Covid-19. Was der Startschuss für klinische Studien an Impfstoffen nun bedeutet und warum wir uns noch einige Zeit bis zur Zulassung gedulden müssen, erklärt die Virologin im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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Chronologie des Coronavirus

Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.

Frau Addo, das Paul-Ehrlich-Institut hat an diesem Mittwoch bekanntgegeben, dass erste klinische Tests für einen Impfstoff gegen das Coronavirus genehmigt sind – wie bewerten Sie diese Nachricht?

Aus wissenschaftlicher Sicht hat es den eigentlichen Durchbruch, von dem nun die Rede ist, bereits im März in den USA gegeben, die ein Konzept für einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 vorgelegt haben und seitdem bereits erste klinische Studien durchführen. In Deutschland ist das nun ab jetzt der Fall, und das ist schon ein wichtiger Meilenstein, jetzt Impfstoffe auch hier an ersten Probanden testen zu können.

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Man muss grundsätzlich unterscheiden, dass es Impfstoffe gibt, die schnell synthetisch hergestellt und zugelassen werden können – sogenannte RNA-Impfstoffe, mit denen auch die Biontech-Wissenschaftler arbeiten, die die ersten Tests in Deutschland durchführen dürfen.

Was bedeutet das?

Studien mit anderen (noch nicht zugelassenen) RNA-Impfstoffen gibt es bereits, etwa gegen das Mers-Coronaviurs, das seit 2012 grassiert. Das bedeutet, für diese Stoffgruppe gibt es Daten und eine gewisse Sicherheit bei der klinischen Herstellung, weil viele kleine Schritte schon überprüft wurden. Weil aus einem RNA-Impfstoff nun ein Mittel gegen Sars-CoV-2 weiterentwickelt wurde, kann man davon ausgehen, dass es auch hier kein extremes Risiko gibt.

Die Probanden, die sich für die Studie jetzt zur Verfügung stellen, gehen also kein größeres Risiko ein als Probanden für experimentelle Grippe-Impfungen?

Nein, weil die Standards für die Entwicklung der Corona-Impfstoffe genauso extrem hoch sind. Basierend auf unseren bisherigen Erfahrungen mit RNA-Impfstoffen sind die Risiken für Nebenwirkungen wahrscheinlich im üblichen Rahmen für Impfstoffe zu erwarten: Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfweh, Unwohlsein sind häufige Beschwerden nach Impfungen, die meist nur einen Tag über dauern. Dass man sich “grippig” fühlt, kommt vor allem bei sogenannten Lebendimpfungen vor, etwa bei der Gelbfieberimpfung, wo abgeschwächte Viren verabreicht werden und auch im Blut nachweisbar sind. Die RNA-Impfstoffe beinhalten keine ganzen Viren, sie sind nur Bausteine.

Der Druck, die Pandemie einzudämmen, ist enorm. Sind da wissenschaftliche Ausnahmen oder Kompromisse bei der Impfstoffsuche vorstellbar?

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Es wird allein in Deutschland an mehreren Impfstoffen gearbeitet, und es wird auf so schnellem Weg gearbeitet wie möglich. Aber es gibt keine Abkürzungen. Alle klinischen Voraussetzungen werden erfüllt. All das geschieht so schnell wie noch nie. Dass zwischen ersten Versuchen im Labor und dem Ärmelhochkrempeln der ersten Probanden in den USA im März nur drei Monate lagen, das gab es noch nie. Das dauert sonst Jahre.

Für viele geht es trotzdem nicht schnell genug.

Man muss den logistischen Aufwand dahinter betrachten: Die Biontech-Wissenschaftler haben ihre frühen Studien groß angelegt, sie planen insgesamt 800 Probanden, die müssen erst einmal gefunden werden – und dann auch medizinisch geeignet sein, also gesund und für die ersten Studien ohne Vorerkrankungen. Dann muss die Menge der Tests medizinisch koordiniert werden, es können nicht alle zeitgleich stattfinden. Allein die erste Testphase, die mit 200 Probanden dann beginnen soll, dauert etwa drei bis fünf Monate.

Ab wann lässt sich bei dem Impfstoff von einem erfolgreichen Kandidaten sprechen?

Je nach Impfstoff sind zwischen 14 und 28 Tage nach Verabreichen des Impfstoffes theoretisch erst Antikörper im Blut der Probanden nachweisbar. Frühestens in zwei Monaten lässt sich also etwas über die Wirksamkeit des Stoffes sagen. In der zweiten Studienphase, die voraussichtlich im Spätsommer/Herbst beginnt, geht es dann unter anderem noch um die genaue Dosisfindung und Verträglichkeit des Stoffes und weitere mögliche Nebenwirkungen. Ob Geimpfte dann grundsätzlich vor einer Corona-Infektion geschützt sind, lässt sich aber auch dann noch nicht sagen. Dazu muss es weitere Tests im Vergleich zu nicht Geimpften geben. Das wird man vermutlich erst sehen, wenn eine weitere Welle der Pandemie kommt.

Wenn irgendwann ein zugelassener Impfstoff auf dem Markt ist, wer entscheidet dann, wer zuerst geimpft wird?

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Das hängt davon ab, wie viele Impfstoffe zugelassen werden und in welcher Menge sie produziert werden können. Bei ausreichend Kapazitäten bräuchte es theoretisch keine Priorisierung. Realistisch muss man jedoch überlegen, ob es Sinn macht, medizinisches Personal zuerst zu impfen oder Risikogruppen. So war es beispielsweise bei der Ebola-Impfung. Oft haben allerdings Risikogruppen wie zum Beispiel Immunsupprimierte und Ältere Menschen schlechtere Immunantworten auf die Impfungen. Manchmal gibt es daher bei Impfungen verschiedene Varianten oder Dosierungen für verschiedene Zielgruppen.

Wann kann die breite Masse mit einer Impfung gegen Corona rechnen? Forscher in der Schweiz sprechen von diesem Herbst.

Der Zeitplan, den Herr Cichutek als Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts jetzt vorgelegt hat, scheint nachvollziehbar. Vielleicht schaffen es die USA eher, die auch eher mit klinischen Tests begonnen haben. Eine Zulassung für einen Impfstoff im Oktober halte ich in Europa aber für unrealistisch, das würde uns schon sehr wundern. Die Herstellung, der Aufbau der Studien, die Überwachung der Probanden – das braucht einfach Zeit.

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