Virologe zu Coronavirus: Pandemie-Gefahr ist realistisch

  • Nach dem Ausbruch der rätselhaften Lungenkrankheit in China greifen die Coronaviren weiter um sich.
  • Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité geht davon aus, dass eine Pandemie möglich ist.
  • Worauf es jetzt ankommt, erklärt er im RND-Interview.
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Die rätselhafte Lungenkrankheit mit Ursprung in China breitet sich weiter aus. Die Zahl der bestätigten Fälle von Infizierten mit dem neuartigen Coronavirus steigt rasant. Professor Dr. Christian Drosten forscht zu dem neuartigen Erreger. Er ist Direktor am Institut für Virologie an der Berliner Charité.

Mit einem Team des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) hat der Wissenschaftler ein Nachweisverfahren für das derzeit weltweit kursierende Coronavirus entwickelt. Die WHO hat das Testprotokoll als bisher ersten diagnostischen Leitfaden veröffentlicht. Verdachtsfälle können nun schnell auf das Virus untersucht werden.

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Lungenkrankheit: China riegelt Elf-Millionen-Stadt ab
1:22 min
Die chinesische Regierung hat die Millionenmetropole Wuhan nun praktisch abgeriegelt.  © Saskia Bücker/dpa
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Herr Professor Dr. Drosten, die Coronaviren scheinen sich in Asien weiter auszubreiten als bislang angenommen. Haben Sie das so erwartet?

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Das ändert sich für mich auch von Tag zu Tag. Die chinesischen Kollegen haben gerade wieder neue Gensequenzen zur Verfügung gestellt, die ich mir genau anschaue. Wenn man diese mit älteren Sequenzen vergleicht, dann spricht das noch einmal eine eigene Sprache. Daran sieht man, dass dieses Virus sehr wahrscheinlich in der Bevölkerung zirkuliert.

Britische Forscher bezweifeln die offiziellen Angaben zur Zahl der Erkrankten. Wieso unterscheiden sich die Einschätzungen europäischer Experten von denen der Gesundheitsämter in China?

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In China besteht ein sehr hierarchisch gegliedertes Meldesystem. Es braucht Zeit, bis die Informationen an die Öffentlichkeit durchgedrungen sind. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass eine politische Intention dahintersteht, den Ausbruch verstecken zu wollen, so wie es bei der Sars-Pandemie 2002/2003 der Fall war.

Professor Dr. Christian Drosten ist Direktor am Institut für Virologie an der Berliner Charité. © Quelle: Charité

Handelt es sich beim jetzt aufgetretenen Virus um den gleichen Sars-Virus wie damals?

Aus China hieß es gleich am Anfang: Das ist ein ganz anderes, ein ganz neues Virus. Virologen sagen aber: Das ist ganz klar ein Sars-Virus. Es ist nur ein anderer Untertyp des Sars-Virus von damals. Diese Untertypen können sich in ihrer Virulenz und in ihrer krankmachenden Eigenschaft unterscheiden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet die neuen Fälle in Asien als 2019-nCov.

Die WHO möchte im Moment nicht, dass Panik aufkommt. Das ist auch richtig. Und deshalb hat sie erstmal eine sehr neutrale Bezeichnung für dieses Virus gewählt. Das ist aber nur ein vorläufiger Name. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird es sicherlich Konsens werden, vom Sars-Virus zu sprechen.

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Besondere Gefahr wegen Grippewelle

Der neue Erreger hat also eine Verbindung zum Virus von 2002/2003. Wie kann es sein, dass dieser sich nach so langer Zeit plötzlich wieder ausbreitet?

Längere Forschungen beweisen, dass eine ganze Wolke von Virusarten zu einer bestimmten Fledermausgattung gehört, der sogenannten Großen Hufeisennase. Die Varianten lösen sich ständig ab, sterben aus, neue kommen durch Genom-Rekombinationen auf. Viren machen eine ganz schnelle Evolution durch. 2002 hat der Mensch einmal einen Auszug aus dieser Viruswolke abbekommen – und jetzt sehr wahrscheinlich wieder.

Warum haben Sars-Ausbrüche beim Menschen ihren Ursprung oft auf größeren Märkten?

Wir glauben, dass das Sars-Virus damals von der Fledermaus auf Schleichkatzen und Marderhunde übergegangen ist. Eine dieser beiden Gruppen hat das Virus dann auf den Menschen übertragen. Schleichkatzen wurden damals als exotisches Nahrungsmittel benutzt, Pelze von Marderhunden in der Bekleidungsindustrie.

Auch jetzt spielen Wildtiere eine Rolle?

Dieselbe Möglichkeit würde ich beim neuen Virus in Betracht ziehen und überprüfen. Chinesische Wissenschaftler haben bereits geäußert, dass sie das Virus in tierischen Proben auf dem Wuhan-Markt wiedergefunden haben. Welche Tiere genau das waren, wurde noch nicht publik gemacht. Damit man solche Ausbrüche in Zukunft verhindern kann, ist es aber wichtig, den Ursprung herauszufinden.

Worum kümmern sich Wissenschaftler und Behörden jetzt vor allem?

Wie es im Moment aussieht, überträgt sich das Virus ja auch von Mensch zu Mensch. Wir müssen uns also vor allem darum kümmern, was mit dieser Erkrankung und dem Virus im Menschen los ist. Also: Wie viele Patienten sind daran schon gestorben? Wie alt sind diese und wie schnell wird das Virus übertragen? Wie können wir ganz schnell sicherstellen, dass wir die Fälle innerhalb und außerhalb von China erkennen? Dadurch ließe sich eine Verbreitung möglicherweise aufhalten.

Sie haben an der Charité ein Testverfahren zum Erkennen von Verdachtsfällen entwickelt. Warum ist das so wichtig?

Die weitere Entwicklung steht und fällt mit der Diagnostik. Auf der ganzen Nordhalbkugel haben wir gerade eine Influenza-Saison. Die Symptome sind verwechselbar mit denen des Virus. Um eine Influenza von der Lungenkrankheit unterscheiden zu können, braucht es dringend einen Diagnostik-Test. Die chinesischen Kollegen haben aber bislang keinen veröffentlicht. Deshalb arbeiten wir gerade mit der Weltgesundheitsorganisation daran, so einen Test weltweit verfügbar zu machen.

Gibt es schon Ansätze, wie die Lungenkrankheit behandelt werden könnte?

Wir gehen davon aus, dass die Krankheitssymptome ähnlich wie die einer Grippe sind. Das Spektrum der Symptome ist aber noch nicht richtig erfasst. Ich gehe davon aus, dass es auch milde Verläufe gibt, die bislang gar nicht untersucht werden. Weil das ein neuartiges Virus ist, gibt es weder einen Impfstoff noch ein Medikament. Einen Vorteil bietet aber die Verwandtschaft mit dem Sars-Virus von damals. Daran wurde viel geforscht. Wissenschaftler kramen ihre alten Ergebnisse wieder heraus. Sie prüfen, ob Substanzen, die das Sars-Virus von früher hemmen, möglicherweise brauchbar sind. Damit hätte man sehr viel Zeit gewonnen.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass sich durch die Erreger aus China eine Pandemie entwickelt?

Ich als Wissenschaftler gehe von einer realistischen Pandemie-Gefahr aus. Es würde mich nicht wundern, wenn es dazu käme, dass sich das nicht mehr aufhalten lässt. Da sollte man sich nichts vormachen. Es ist aber noch zu früh, offizielle Warnungen auszusprechen. Ich finde es aber auch falsch zu sagen: Wir in Deutschland müssen uns darüber keine Gedanken machen, weil das ist ja so weit weg.

Warum?

Wir haben es mit einem Atemwegsvirus zu tun, das mit großer Wahrscheinlichkeit über die Luft von Mensch zu Mensch direkt übertragbar ist. Wenn man sich anschaut, in wie vielen Städten jetzt überall Fälle auftauchen, ist klar, dass sich das Virus weiter verbreitet.

Was sind konkrete Schritte, die jetzt in Deutschland umgesetzt werden sollten?

Die Gesundheitsbehörden müssen aufgeklärt werden. Ärzte müssen wissen, dass es dieses Virus gibt und gezielt nach einer Diagnostik fragen. Die Labore müssen sich darauf vorbereiten, genug Testkapazitäten zu haben, damit sie nicht von einer Welle von Anfragen überrollt werden. Und jede Uniklinik in Deutschland sollte in der Lage sein, das Virus zu erkennen.

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Schnell erklärt: Das Coronavirus
1:29 min
In China breitet sich die von einem bislang unbekannten Virus verursachte Lungenkrankheit weiter aus, und die Suche nach einem Heilmittel läuft.  © Saskia Bücker/AFP
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