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Verlust des Sehvermögens: Darum sehen Menschen in Industrieländern immer schlechter

  • Forscher haben einen wichtigen Zusammenhang für die Entstehung der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) aufgedeckt.
  • AMD ist die häufigste Ursache für den Verlust des Sehvermögens in westlichen Ländern (sieben Millionen Betroffene in Deutschland).
  • Die Erkenntnisse aus der Studie können neue therapeutische Optionen ermöglichen.
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London/Tübingen. Ein internationales Forscherteam hat einen wichtigen Zusammenhang für die Entstehung der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) aufgedeckt. Die Erkenntnisse könnten nicht nur zur Identifikation besonders gefährdeter Menschen beitragen, sondern auch neue therapeutische Optionen eröffnen, schreibt das Team um Valentina Cipriani von der Queen Mary University in London und Simon Clark von der Uniklinik Tübingen im Fachblatt „Nature Communications“. „Diese Studie vereint genetische mit biochemischen Daten“, sagt Philipp Herrmann von der Uniklinik Bonn, der nicht an der Studie beteiligt war. „Das ist recht überzeugend.“

Bis zu sieben Millionen Menschen in Deutschland von AMD betroffen

AMD ist die häufigste Ursache für den Verlust des Sehvermögens in westlichen Ländern. Allein in Deutschland sind Schätzungen zufolge bis zu sieben Millionen Menschen betroffen. Die Krankheit betrifft die Makula – jenen winzigen Fleck im Zentrum der Netzhaut, mit dem das Auge am schärfsten sieht. Die Krankheit lässt sich derzeit nicht kausal behandeln. Spritzen ins Auge können lediglich verhindern, dass Blutgefäße unter die Netzhaut wuchern und austretende Flüssigkeit diese Zellschicht schädigt.

Der Mechanismus der Krankheit ist bisher nicht vollständig geklärt. Genetische Faktoren erklären etwa ein Drittel der Erkrankungsrisikos, aber auch Umwelteinflüsse wie Rauchen spielen eine Rolle. Die Makuladegeneration beginnt gewöhnlich in einer Zellschicht unterhalb der Netzhaut durch Ablagerungen, sogenannte Drusen. Dass daran Entzündungsprozesse beteiligt sind, gilt als gesichert.

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Ergebnis: Eiweiß FHR4 verstärkt womöglich Krankheit

Nun prüften die Forscher den Einfluss eines Eiweißes, des Faktor H assoziierten Proteins 4 (FHR4). Analysen von 484 AMD-Patienten und 522 vergleichbaren gesunden Menschen ergaben, dass die FHR4-Werte im Blut der Patienten erhöht waren. Untersuchungen von post mortem gespendeten Augen bestätigten das Protein auch in den von AMD betroffenen Arealen des Organs. Auch eine Genomstudie deutet daraufhin, dass bereits bekannte AMD-Risikogene die FHR4-Mengen im Blut beeinflussen. Offenbar, so vermuten die Autoren, trägt FHR4 zu einer Überstimulierung des Immunsystems bei, die letztlich die Krankheit verstärkt.

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„Zusammengenommen bieten die Resultate zwingende Belege dafür, dass FHR4 jenen Teil des Immunsystems entscheidend kontrolliert, der die Augen betrifft“, wird Ko-Autor Paul Bishop von der University of Manchester in einer Mitteilung seiner Hochschule zitiert. „Genetisch bedingte höhere FHR4-Werte im Blut führen zu mehr FHR4 im Auge, was wiederum das Risiko für eine unkontrollierte Immunreaktion steigert, die die Krankheit antreibt.“

Erkrankungsrisiko abschätzen und senken: Diese Auswirkungen könnten die Studienergebnisse haben

Die Erkenntnisse aus der Studie könnten demnach mehrere Auswirkungen haben: Sie erweitern nicht nur das Verständnis zugrundeliegender Prozesse, sondern bieten auch eine Möglichkeit, das Erkrankungsrisiko abzuschätzen, indem man die Blutwerte von FHR4 misst. Zudem könnte man das Erkrankungsrisiko senken, indem man die FHR4-Konzentrationen im Blut etwa mit Hilfe von Antikörpern absenkt.

„Ich halte FHR4 vor allem als systemischen Biomarker für sehr interessant“, sagt der Bonner Augenmediziner Herrmann. Die Studie liefere neue Hinweise darauf, dass die Makuladegeneration nicht nur auf Prozessen im Auge basiere, sondern auf Vorgängen auch im übrigen Organismus. Generell handele es sich um eine sehr komplexe Erkrankung, deren Wesen noch längst nicht vollständig verstanden sei.

RND/dpa