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  • Unwetter-Katastrophen durch Klimawandel: Umweltforscher fordert Umdenken

Umweltforscher zu Klimawandel und Starkregen: „Unsere Städte und Gemeinden sind darauf nicht vorbereitet“

  • Wegen falscher Bauweise und massiver Landnutzung könne Starkregen hierzulande nicht mehr richtig versickern, kritisiert Umweltforscher Josef Settele.
  • Das Worst-Case-Szenario sei, angesichts Klimawandel und Artensterben weiterzumachen wie bisher.
  • Es brauche eine neue Philosophie – ohne das Credo „Viel Geld bedeutet viel Wohlstand“.
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Der Agrarökologe Josef Settele, Professor am Helmholtz-Institut für Umweltforschung, sieht einen Zusammenhang zwischen Artensterben, Klimawandel und dem Ausmaß der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands. Alles miteinander führe zu einer Tatsache: dass wir die Natur viel zu stark ausbeuten – und dass sich das auch im Sinne der Menschen ändern muss.

Herr Settele, Sie forschen zum Zusammenhang zwischen Landnutzung, Artensterben und Klimawandel. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands denken?

Solche Starkregenereignisse werden durch den Klimawandel weiter zunehmen. Und unsere Städte und Gemeinden sind darauf nicht vorbereitet. In den vergangenen 40 Jahren haben wir sehr oft so gebaut, dass die Böden stark versiegelt wurden. Sie sind dann kaum noch durchlässig, und das Wasser kann nicht mehr richtig versickern und allmählich abfließen.

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Wir haben auch Wohnhäuser und Fabriken in Talauen gebaut – ein Fehler schlechthin. Die Gebäude saufen dort regelmäßig ab, weil einfach viel zu tief und viel zu nah am Wasser gebaut wurde. Eine sinnvolle Landnutzung und der Erhalt der Diversität der Ökosysteme ist angesichts des Klimawandels entscheidend.

Josef Settele forscht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung zur Landnutzung und dem Insektensterben. Er war selbst als Landwirt tätig und hat in Agrarwissenschaften promoviert. Er arbeitet im Weltbiodiversitätsrat an Handlungsempfehlungen mit. © Quelle: Sebastian Wiedling/UFZ

Wie kann eine sinnvolle Landnutzung aussehen?

Es geht darum, dass die Landschaft in die Lage versetzt sein sollte, Wasser länger zurückzuhalten. Ein kontinuierlicher Ablauf von Wasser ist auch immer günstig. Wenn es zum Beispiel am Hang alte Laubwälder gibt, kann mehr Feuchtigkeit aufgenommen werden, was am Ende auch Starkregen abbremst. Wenn es mehr Wiesen und Weiden statt Ackerflächen gibt, wird der Boden durchlässiger, es gibt weniger Erosion, und das Oberflächenwasser verteilt sich besser.

30 bis 50 Prozent der Land- und Wasserflächen auf der Erde sollten laut Weltbiodiversitäts- und Weltklimarat in Naturschutzgebiete verwandelt werden, damit Klima, Biodiversität und Menschen gut miteinander auskommen. Kann in Deutschland wieder Wildnis entstehen?

Deutschland großflächig wieder in Wildnis zu verwandeln ist nicht möglich. Es gibt hierzulande nur noch rund 2 Prozent Landschaft, die nicht durch den Menschen beeinflusst und genutzt wird. Also ein paar Berggipfel in den Alpen und schwer zugängliche Felsenbereiche – das ist sehr wenig.

Was ist dann die Alternative?

Wir können wieder mehr naturnahe Landschaften gestalten. Die sind dann nicht so stark urban geprägt und damit auch nicht versiegelt. Da sollte man dann besonders auf die Artenvielfalt achten und dahingehend auch bewusst managen. Das hat aber nichts mehr mit der klassischen Wildnis zutun.

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Warum ist es so schwer für uns, den Rückzug aus der Natur anzutreten?

Weil dann die Lebensmittelversorgung nicht mehr funktioniert. Wir müssten mehr Nahrung aus dem Ausland importieren – und würden die Probleme mit der Landnutzung einfach nur in andere Länder verlagern. Und das passiert ja de facto auch schon.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir nutzen weltweit Flächen und lokale Bevölkerungen aus, um unseren Fleischkonsum aufrechtzuerhalten. Wenn wir mehr Fläche für den Arten- und Klimaschutz haben wollen, müssen wir auch das eigene Konsumverhalten ändern. Also beispielsweise vermehrt auf eine pflanzliche Ernährung setzen. Wenn wir ernährungstechnisch so wie jetzt weitermachen, geht das schief. 60 Prozent der Agrarflächen in Deutschland werden genutzt, um Viehfutter zu erzeugen. Das muss man sich mal vor Augen halten.

Wenn wir es ernst meinen, müssen wir also mehr verzichten?

Der Verzichtsbegriff wird gerne genutzt, um die Dinge so zu halten, wie sie sind. Aber wenn wir auf die Dinge, die wir nicht unbedingt brauchen, verzichten, wird es uns ja nicht schlechter, sondern auf lange Sicht besser gehen. Wir verzichten doch gerne auf den Schaden, den auch wir am Ende erleiden, auf die Umweltverschmutzung, auf den Smog.

Oder um noch mal auf das Beispiel Fleisch zurückzukommen: Lieber einmal die Woche ein gutes Stück Fleisch, wodurch auch die Arbeit des Landwirts mehr wertgeschätzt wird, als jeden Tag ein Billigsteak zum Mittagessen. Davon profitiert die eigene Gesundheit. Es braucht weniger Fläche. Es gibt weniger Umweltschäden. Und es geht dem Menschen körperlich und vielleicht auch seelisch besser.

Neu ist diese Erkenntnis nicht.

Solche Prozesse sind zäh und brauchen Zeit. Das Problem ist, dass wir an Wachstum „glauben“ und selbiges gegenwärtig nur am Bruttoinlandsprodukt festgemacht wird. Das ist aber eine rein monetäre Betrachtungsweise. Es ist an der Zeit, die Philosophie „Viel Geld bedeutet viel Wohlstand“ zu hinterfragen und unsere gesellschaftlichen Werte anders zu gewichten. Es braucht die Gemeinschaft, um zu überleben und Wohlbefinden zu befördern. Sonst klappt auch der Arten- und Klimaschutz nicht.

Sie forschen insbesondere zum Insektensterben und zum Zusammenhang mit der Landwirtschaft. Was ist zu befürchten, wenn ein paar Arten schwinden?

Arten kommen und gehen schon immer. Inzwischen verschwinden aber sehr viele von ihnen. Jede Art, die ausstirbt, ist ein kleiner Kipppunkt, Millionen Jahre von Geschichte gehen damit verloren. Wir wissen nicht genau, wie weit wir gehen können, bis das System zusammenbricht. Die große ökologische Sorge beim Artensterben ist nicht die einzelne Art, sondern die Interaktion vieler Arten untereinander.

Wie meinen Sie das?

Es gibt eine ganze Reihe Arten in der Tier- und Pflanzenwelt, durch die wir Menschen Gratisleistungen in Empfang nehmen. Fachleute nennen das Ökosystemleistungen. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten. Analysen zeigen, dass wenn wir Menschen diese Aufgabe der Natur übernehmen müssten, rund 600 Milliarden Euro pro Jahr notwendig wären. Eine andere „Leistung“ geht stark auf Feuchtgebiete und Moore zurück. Diese haben zum Beispiel einen großen Anteil daran, Kohlenstoff zu fixieren. Artenvielfalt sichert also unsere Zukunft. Das Worst-Case-Szenario wäre, weiterzumachen wie bisher.

Klimaschutz und Artenschutz sollten also stärker zusammengedacht werden?

Ganz klar. Und es braucht dafür Durchhaltevermögen. Selbst wenn wir uns richtig anstrengen, zeigt sich der Erfolg wohl kaum im nächsten Jahrzehnt. Das Dilemma bei der gesellschaftlichen Suche nach geeigneten Maßnahmen ist, dass allein die Dimensionen des Klimawandels für sich zu verstehen schon kompliziert genug ist. Wenn dann noch die Artenvielfalt und die Ökosysteme mitgedacht werden, wird es echt herausfordernd.

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