Warum weinen wir?

  • Trauer und Wut, Rührung und Glück: Es gibt viele Gründe, warum uns das Wasser in die Augen schießt – nicht zuletzt im Trauermonat November.
  • Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weinen kann.
  • Warum, weiß bislang niemand so genau. Es gibt mehrere Vermutungen.
Bert Strebe
|
Anzeige
Anzeige

Der Teufel kommt in Gestalt eines alten Mannes. Er verspricht dem armen Müller Reichtum, wenn er ihm gebe, was hinter der Mühle stehe. Der Müller denkt an den Baum, der dort wächst, nicht an seine Tochter, die den Hof fegt. Aber an dem Tag, an dem der Teufel sie holen will, hat sich die Tochter des Müllers gewaschen und ist zu rein, als dass er ihr nahekommen könnte. Der Teufel verbietet dem Müller, ihr Wasser zu geben. Doch beim zweiten Versuch hat das Mädchen geweint, die Tränen sind auf seine Hände gefallen und haben die Müllertochter erneut reingewaschen. Der Teufel verlangt, der Müller solle ihr die Hände abhacken, und der tut das auch. Aber dann weint das Mädchen auf die Stümpfe und ist ein weiteres Mal zu rein. Der Teufel muss aufgeben.

Das grimmsche Märchen vom „Mädchen ohne Hände“ beginnt mit einer Verstümmelung. Diese Verstümmelung steht, weil Märchen immer auch auf einer symbolischen Ebene spielen, für eine seelische Traumatisierung. Die Tränen, die das Mädchen vergießt, heilen das Trauma nicht. Das geschieht später auf andere Weise. Aber die Tränen verhindern das Schlimmste, den Untergang. Sie sind zugleich Ausdruck einer Bedrohung und Linderung der Bedrohung. Wie im richtigen Leben.

Nur Menschen können weinen

Menschen sind die einzigen Wesen, die weinen können. Es gibt manchmal Berichte, dass Tiere geweint hätten – Kamele, Elefanten unter Stress, Schafe auf der Schlachtbank. Allerdings liegt bislang kein Beweis dafür vor, dass dieses Weinen mit Gefühlen einhergeht. Solange das so ist, können die Tränen, die bei Tieren festgestellt wurden, auch von einer Augeninfektion kommen oder durch Muskelbewegungen hervorgerufen werden. Tiere haben Empfindungen, doch das emotionale Weinen, so scheint es bislang, ist wohl der Spezies Mensch vorbehalten.

Anzeige

Warum das so ist, weiß niemand. Und es gibt bis zur Stunde auch keine Erklärung dafür, warum Menschen überhaupt weinen. Sicher ist nur, dass sie diese archetypische Ausdrucksweise von Gefühlen (wie das Lachen) nicht vorher lernen müssen, anders als etwa das Sprechen. Und wir weinen aus den vielfältigsten Gründen: aus Schmerz, Trauer und Wut, aber auch vor lauter Rührung, vor Glück und aus Erleichterung, im Moment religiöser Andacht oder dann, wenn wir uns vor Lachen (im Sinne des Wortes) ausschütten. Und beim Zwiebelschneiden heulen wir auch noch. Und sogar beim Gähnen.

Anzeige

Es gibt viele Theorien zur Entstehung des Weinens. Eine mutmaßlich nicht allzu ernst zu nehmende besagt, es habe früher, in der Steinzeit, emotionale Abschiedsszenen an den Lagerfeuern gegeben, dabei stieg den Menschen der Rauch in die Augen, die Tränen flossen, und daraus sei eine Konditionierung entstanden. Der amerikanische Biochemiker William H. Fry glaubte in den Achtzigerjahren, beim Weinen würden Giftstoffe aus dem Körper ausgeschieden. Das stimmt zwar. Aber es findet in so geringem Maße statt, dass diesem Erklärungsmodell heute keine Bedeutung mehr beigemessen wird.

Der Naturforscher und Evolutionstheoretiker Charles Darwin hielt das Weinen für eine Form der Kommunikation. Damit hatte er sicher recht, denn wenn beispielsweise ein Säugling weint, teilt er seinen Eltern mit, dass ihm etwas fehlt. Also kommuniziert er. Dass das ausgerechnet der menschliche Säugling tut, könnte nach Auffassung des amerikanischen Psychologen Jeffrey Kottler daran liegen, dass unser Nachwuchs bei der Geburt weniger stark entwickelt und mithin hilfsbedürftiger ist als der der meisten Tiere.

In aller Regel können wir Tränen nicht kontrollieren

Das Weinen im Stillen interpretierte Darwin dann allerdings als evolutionär überflüssiges Restverhalten – so, wie man früher den Blinddarm für ein Relikt der Entwicklung des Homo sapiens hielt, was ja auch falsch war. Tatsache ist: Menschen weinen weitaus mehr allein als im Beisein anderer.

Das hat persönliche und auch gesellschaftliche Gründe. In aller Regel können wir Tränen nicht kontrollieren – sie kommen oder sie kommen nicht, und wenn sie kommen, sind es wenige oder viele, wir haben kein Steuerungsinstrument dafür. Wir können Tränen allenfalls unterdrücken – und das tun wir oft, denn man befindet sich meist in einem sehr verletzlichen Zustand, wenn man weint, und dabei lässt sich nicht jeder gern zuschauen. Manche Menschen können grundsätzlich nicht in Anwesenheit anderer Menschen weinen.

Anzeige

Während im alten Rom noch Richter aus Mitleid mit den gebeutelten Gestalten, deren Fälle sie zu verhandeln hatten, öffentlich weinten, sind heute nur Glückstränen bei Hochzeiten oder Geburten und Trauertränen bei Todesfällen gesellschaftlich anerkannt beziehungsweise sogar erwünscht. Dass manch ein Angehöriger gerade bei Beerdigungen gar nicht weinen kann, weil der Schock, der uns nach einem schweren Verlust ereilt, die Gefühle und damit auch die Tränen zum Schutz der Seele des Hinterbliebenen erst einmal einkapselt, wird oft als Gefasstsein oder manchmal gar als emotionale Kälte missverstanden.

Mädchen und Jungen weinen noch gleich häufig

Zu den dümmsten gesellschaftlichen Konventionen gehört – auch wenn es weniger wird – immer noch die Annahme, dass Helden respektive Indianer respektive Männer nicht weinen. Das Stereotyp ist so schnell nicht auszurotten: Krieger wie Achilles haben zwar auch wehgeklagt, aber natürlich nur über den Tod der Freunde in der Schlacht, nicht wegen irgendwelcher läppischer Schmerzen. Heulen ist demnach etwas für Frauen, insbesondere für Klageweiber, die es schon im alten Ägypten gab und die eine wichtige Rolle dabei spielten, Trauer zu ritualisieren und damit nicht ausufern zu lassen. Das Leben muss ja weitergehen.

Aber hat jemals jemand was von Klagekerlen gehört? Tatsächlich machen Männer aufgrund ihrer Konditionierung gern einen Bogen um emotionale Situationen, in denen sie zum Weinen verleitet werden könnten. Die Rollenverteilung sitzt tief in uns, auch wenn inzwischen fast jeder weiß, dass das Unterdrücken von Gefühlen und also auch von Tränen ungesund ist. Der schon erwähnte Psychologe William Fry sagte, dass Tränen, die man sich verkneift, zu Magenproblemen, Depressionen oder Angstzuständen führen.

Während Mädchen und Jungen noch gleich häufig weinen, brechen erwachsene Frauen 30- bis 64-mal im Jahr in Tränen aus, Männer nur sechs- bis 17-mal. Kein Wunder, dass Männer statistisch doppelt so oft einen Herzinfarkt bekommen wie Frauen. Der Irrtum ist, zu glauben, dass Tränen ein Zeichen von Schwäche seien. Schwach ist der, der nicht die Kraft hat, seine eigenen Gemütsbewegungen zuzulassen, und der sie deswegen mit Gewalt unterdrücken muss.

„Heul doch!“, sagen wir, wenn wir jemanden provozieren wollen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das ein regelrechtes Generationenproblem in Deutschland. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich und ihr Mann Alexander konstatierten eine mittlerweile sprichwörtliche „Unfähigkeit zu trauern“: Viele Deutsche schafften es in ihrer Scham und ihren Schuldgefühlen nicht, sich mit ihrer Anhängerschaft zu Hitler zu befassen, sich mit dem Irrweg der NS-Ideologie und ihren eigenen zusammengebrochenen Hoffnungen auseinanderzusetzen und das alles zu betrauern. Trauer hätte geholfen, es zu überwinden, stattdessen wählten viele Deutsche die Verdrängung und stürzten sich in Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Was man aber nicht überwindet, ist auch nicht weg.

Die tendenziell eher negative Bewertung des Weinens in unserer Gesellschaft kann man auch daran ablesen, dass viele Synonyme dafür abfällig klingen. Das Verb weinen ist aus dem germanischen wainon entstanden, was so viel wie wehe rufen bedeutete. Das ist noch wertfrei. Begriffe wie heulen, flennen, plärren, greinen und jammern sind es nicht mehr. „Heul doch!“, sagen wir, wenn wir jemanden provozieren wollen, den wir für einen Jammerlappen oder eine Memme halten. Und das Wort Heulsuse wird gern gerade auf Jungen angewandt, um sie mit der weiblichen Form (warum eigentlich?) zusätzlich zu demütigen. Letztlich sagt so ein abfälliger Sprachgebrauch aber mehr über die aus, die ihn verwenden, als über die, auf die er zielt.

Statistisch weinen Menschen in kälteren Ländern öfter als in warmen Regionen, in den reichen Staaten der Erde eher als in den armen, zudem häufiger abends als morgens. Ad Vingerhoets, niederländischer Psychologe und Tränenforscher, nennt als die drei häufigsten Auslöser für das Weinen erstens die Verlusterfahrung, zweitens den Streit und drittens das Mitleid. Menschen haben zudem unterschiedliche Weinschwellen: Bei herzerweichenden Filmen bleiben die einen noch kühl, während andere, die, wie man sagt, nah am Wasser gebaut sind, bereits wegschwimmen.

Dass wir Verluste unter Tränen betrauern, steht schon in der Bibel. Psalm 137 berichtet von den Juden, die 597 v. Chr. von den Babyloniern unterworfen und ins (durchaus komfortable) Exil getrieben wurden, wo sie an den Flüssen saßen und „weinten, wenn wir an Zion dachten“. Schon in Psalm 126 ist von der Hoffnung auf Rückkehr nach Hause die Rede, dort steht: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.“ Hier finden wir erste Hinweise auf die kathartische Wirkung des Weinens.

Dieser Effekt ist in der Wissenschaft allerdings durchaus umstritten. Sigmund Freud war, wie schon Hippokrates und Aristoteles, der Auffassung, das Weinen reinige die Seele. Auch Forscher der Universität von Südflorida haben herausgefunden, dass sich 90 Prozent ihrer Probanden nach einem durchschnittlich sechsminütigen Weinen besser fühlten. Es existieren allerdings gegenteilige Untersuchungen, nach denen sich Menschen weder besser fühlen noch entspannter sind, nachdem sie geweint haben, es sei denn, die Tränen hätten ihr auslösendes Moment – etwa einen Streit – aus der Welt geschafft.

Erwiesen ist, dass der Körper während des Weinens unter erheblicher Spannung und Stress steht. Danach aber sinken meistens Puls und Blutdruck. Psychologe Vingerhoets differenziert: Schwer depressive Menschen würden sich durch Weinen nicht unbedingt besser fühlen, wenn wir aber weinten und unsere Umwelt mit Verständnis reagiere, gehe es uns besser.

Viele Menschen werden aber unabhängig von irgendwelchen Studien bestätigen, dass das Weinen sie subjektiv erleichtert, was schlicht daran liegt, dass ein Teil des inneren Drucks, der das Weinen verursacht, mit den Tränen buchstäblich nach außen tritt. Und das ist zumindest zeitweise mit einer Entlastung verbunden. Weinen ist zudem anstrengend, und die Erschöpfung lässt irgendwann keine Konzentration auf das Leid, das das Weinen verursacht hat, mehr zu.

Und schließlich ist erwiesen, dass Tränen nicht nur beim Säugling, sondern auch bei Erwachsenen mit einer nonverbalen Bitte um Trost und Hilfe einhergehen, was oft erfolgreich verläuft: Wer Tränen vergießt, sichert sich Zuwendung.

Vingerhoets hat Versuchspersonen mit Bildern von Weinenden konfrontiert und die wenig überraschende Feststellung gemacht, dass seine Probanden hier eher mit Hilfsbereitschaft reagierten als bei Gesichtern ohne Tränen. Vingerhoets' amerikanischer Kollege Rudolph Cornelius machte einen ähnlichen Versuch mit Fotos von weinenden Menschen, aus denen die Tränen digital entfernt worden waren – was das Barmherzigkeitslevel deutlich reduzierte.

Tränen sind „sozialer Klebstoff“

Heißt also: Tränen festigen soziale Bindungen. Vingerhoets ist deswegen überzeugt, dass das Weinen über einen Verlust nicht nur ein Symptom der Trauer ist, wie zitternde Knie ein Symptom von Angst sind. Er nennt Tränen „sozialen Klebstoff“ und sagt, dass wir ohne emotionale Tränen gar nicht die sozialen und empathischen Wesen wären, die wir sind.

In der Mythologie sind Tränen jedenfalls fast immer hilfreich. Die Tränen des Phönix lassen Wunden verschwinden, im Grimm-Märchen „Rapunzel“ geben sie einem erblindeten Prinzen das Augenlicht zurück.

In dem Märchen „Die Gänsehirtin am Brunnen“ können wir lernen, dass wir innerlich wachsen, wenn wir emotional schwierige Situationen durchstehen, statt ihnen auszuweichen, dass wir geistig und seelisch bereichert daraus hervorgehen: Das Märchen erzählt von einer Königstochter, der, wenn sie weint, keine Tränen aus den Augen fallen, sondern Perlen und Edelsteine. Sie wird von ihrem Vater verstoßen und enterbt, sie muss schlimme Zeiten durchmachen, sie trauert viel. Schließlich aber wird noch alles gut. Und der Schatz, der durch ihr Weinen zusammengekommen ist, ist am Ende mehr wert als das ganze Königreich.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen