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Die Gedanken der anderen: Was der Selbstwert mit toxischen Beziehungen zu tun hat

  • Eine von vier Frauen in Deutschland wird einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt.
  • Comedian Nicole Jäger ist eine von ihnen – und hat über ihre toxische Beziehung das Buch „Unkaputtbar“ geschrieben.
  • Ein Grund, warum sie es lange nicht schaffte, sich zu trennen: ihr mangelndes Selbstwertgefühl.
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Als ihr Freund seine Hände um ihren Hals legte und zudrückte, wusste Nicole Jäger eigentlich schon lange, dass mit ihrer Beziehung etwas sehr grund­sätzlich nicht stimmt. Drei Jahre waren sie da zusammen, zwei weitere sollten noch folgen, bevor sie es schaffte, sich endgültig zu trennen. Eine „klassische, toxische Miss­brauchs­beziehung“, wie Jäger heute sagt.

Klassisch, weil häusliche Gewalt häufig nach ähnlichen Mustern abläuft: Auf extrem übersteigerte Zuneigungs­bekundungen folgen Abwertung und Gewalt. Dass ihr so etwas mal passieren würde, hielt sie lange für ausgeschlossen. Die 39-Jährige verdient ihr Geld damit, auf Bühnen zu stehen. Sie ist Pod­casterin, Comedian und Best­seller­autorin – eine nach außen hin starke Persönlichkeit. „Ich dachte immer, Frauen wie ich werden keine Opfer von häuslicher Gewalt. Das werden die anderen“, sagt Jäger. „Aber das ist Quatsch. Es passiert überall.“

Jede vierte Frau ist betroffen

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Genauer gesagt: Jede vierte Frau wird laut Zahlen des Bundes mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch aktuelle oder frühere Partner. Welcher sozialen Schicht sie angehört, ist egal.

Eine „klassische, toxische Miss­brauchs­beziehung“ – das sagt Comedian Nicole Jäger heute über ihre Ex-Beziehung © Quelle: Archiv Nicole Jäger

Und die Beziehung ging viel­ver­sprechend los: „Ich war sehr verliebt und er hat mich überschüttet mit Liebe und Anerkennung“, sagt Jäger. „Genau das, was bei Menschen mit Selbst­wert­mangel, wie mir, extrem gut fruchtet.“ Bereits nach einem Jahr sei das aber gekippt. Dann musste sie Bedingungen erfüllen, wenn sie seine Zuneigung bekommen wollte. Dann fing er an, seitenlange Excel-Listen mit ihren vermeintlichen Makeln und Verfehlungen zu schreiben.

Wenn sie nicht spurte, machte er Schluss – und kam dann doch wieder zurück. Er schrie sie stundenlang an, machte jeden ihrer Erfolge schlecht und überwachte, mit wem sie sich traf und sprach. „Alles, was mich in irgendeiner Form ausmachte, was vorher so wahnsinnig geliebt wurde, war plötzlich ein Problem“, sagt Jäger. „Wenn ich mich mit jemandem traf, stand er plötzlich vor der Tür. Jede Minute, die ich nicht auf ihn verwandte, und sei es auch nur gedanklich, war eine Minute, die man ihm klaute.“ Ein psychischer Zermürbungs­krieg.

Mehr Gewalt nach Trennungsversuch

Dass das, was da passierte, nicht gut war, war Jäger schnell klar. Trennen konnte sie sich trotzdem lange nicht. „Ich habe mich oft gefragt: Warum lasse ich mich so schlecht behandeln?“, sagt Jäger. „Das zu beantworten hat lange gedauert.“ Ein Grund war die Angst, dass die Situation noch verheerender werden könnte. „Man trennt sich ja nicht und dann ist es vorbei. Man trennt sich und dann geht es erst richtig los“, sagt Jäger. Denn besonders hoch ist das Risiko von eskalierender Gewalt dann, wenn Betroffene sich trennen, bestätigt auch der Bund. „Man ist schon nicht mehr in der Lage, das irgendwie zu händeln und dann wird es auch noch schlimmer“, sagt Jäger.

Ein anderer: Ihr Selbstwertgefühl. „Ich bin mit Liebesentzug erzogen worden. Mein Mangel an Selbstwert ist also quasi mit der Muttermilch gegeben. Wenn ich ein braves Kind war, wurde ich geliebt. Wenn nicht, gab es keinen Gute-Nacht-Kuss, kein Ins-Bett-Bringen. Man hat mich spüren lassen, dass ich gerade nicht in Ordnung sei“, sagt Jäger. „Was ich dabei gelernt habe, ist, dass meine Liebens­würdigkeit an mein Wohl­verhalten geknüpft ist. Wenn ich keine Leistung bringe, ist es gerechtfertigt, mich zu bestrafen.“ Eine prägende Erfahrung, die dem gewalt­tätigen Verhalten ihres Ex‑Freundes in gewisser Weise eine Logik gab.

Der Wert der eigenen Person

Selbstwert ist laut „Stangl-Lexikon“ der subjektive Wert, den man sich selbst oder seiner Person zuschreibt. „Eine Wurzel für den Selbstwert ist der Abstand zwischen dem, wie wir uns sehen, und dem, die wir gerne wären. Die klassische Idee war: Je größer der Abstand, desto geringer der Selbstwert“, sagt Werner Greve, Professor für Ent­wicklungs­psycho­logie an der Universität Hildesheim. „Inzwischen ist deutlich geworden, dass auch andere Aspekte eine Rolle spielen, zum Beispiel, ob größere Abstände in einem Bereich durch geringere in einem anderen kompensiert werden oder ob wir auch unsere Idealvorstellungen von uns selbst flexibel anpassen können.“ Unser Selbstwert ist also je nach Bereich und Kontext unterschiedlich in seiner Höhe, aber auch in seiner Stabilität.

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„Das Selbstwertempfinden hat zwei Komponenten: eine stabilere, also einer ist grundsätzlich selbstbewusster als der andere, und eine situative“, sagt Greve. „Denn es variiert je nach Situation, Tagesform, Kontext, und mit wem man sich gerade vergleicht.“ Es gehe auch nicht darum, immer ein möglichst hohes und stabiles Selbst­wert­gefühl zu haben. „Gut wäre, wenn man den jeweils passenden Selbstwert hat“, so Greve. „Also, wenn man das, was man gut kann, mit zureichen­dem Selbst­vertrauen macht und bei anderen Dingen vorsichtig ist, die man nicht so gut kann.“

Doppelte Emanzipation

Beeinflusst werde das Selbst­wert­empfinden dabei von allen Erfahrungen, die man im Leben mache. „Weil wir fast alles, was wir erleben, immer irgendwie in Bezug auf uns selbst auswerten“, sagt Greve. Ein wichtiger Faktor: Die Rückmeldung von anderen. Auch der Selbstwert, den Nicole Jäger sich selbst lange zuschrieb, speiste sich vor allem aus dem, was sie in den Köpfen anderer Menschen zu erkennen glaubte. „Eine der der wichtigsten Sachen, die ich über Selbst­wert gelernt habe: Er findet haupt­sächlich im eigenen Kopf statt. Es geht darum, was man glaubt, was andere Menschen von einem denken“, sagt Jäger.

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Und ihr eigenes Urteil fiel nicht besonders positiv aus: zu dick, zu unattraktiv. Heute hat sich ihre Perspektive geändert: „Ist es wirklich wichtig, was ein Typ im Schwimm­bad über mich denkt, wenn ich einen Bade­anzug anhabe? Ist die Meinung eines Mannes relevant für mein Wohl­befinden?“, sagt Jäger. „Ich glaube nicht.“

„Gut wäre, wenn man den jeweils passenden Selbstwert hat“: Werner Greve ist Professor für Entwicklungs­psychologie an der Uni Hildesheim. © Quelle: Werner Greve

Aber das zu erkennen dauerte. „Die Arbeit an mir, dem Erkennen meines Wertes und dem Trennen passierte parallel und sukzessive“, sagt sie. „Das ist eine Arbeit, die sehr viele Jahre in Anspruch nehmen kann.“ Ein Grund dafür ist auch die Täter-Opfer-Umkehr: „Der Täter gibt bei häuslicher Gewalt oft dem Opfer die Schuld für die Gewalt. Ich schlage dich nur, weil du so bist, wie du bist. Du bist der Grund, warum dir das passiert“, sagt Jäger. „Zu checken, dass das nicht so ist. Dafür bedarf es auch erstmal einfach eines gewissen Selbstwerts.“

Und der Weg aus der Beziehung, bedeutete für Jäger auch eine doppelte Emanzipation: Einerseits individuell, mit der Arbeit am eigenen Selbstwert vor dem persönlichen Erfahrungs­hintergrund, und andererseits gesellschaftlich. Denn die traditionellen patriarchalen Rollen­vorstellungen – der dominante Mann, die schwache Frau –, mit denen Jäger aufwuchs, gaben der toxischen Beziehungs­dynamik ein gesell­schaftliches Narrativ.

Psychische Gewalt schwer greifbar

Angezeigt hat Jäger ihren Ex‑Freund bis heute nicht. Die Gründe dafür sind vielfältig: „In dem Moment, in dem ich es hätte machen können, konnte ich nicht. Ich hatte nicht die Kraft, überhaupt irgendwas zu tun“, sagt sie. „Am Ende einer solchen Beziehung ist man auch wirklich am Ende, körperlich, emotional, psychisch.“ In ihrem Fall hieß das: zwei Hörstürze, Panikattacken, Angststörungen und eine Post­traumatische Belastungs­störung. Und: „Ich habe mich unendlich für diesen Mann, diese Beziehung, und dass ich das mit mir machen lasse, geschämt. Das ist auch ein großer Punkt, warum man da nicht rauskommt: Scham.“

Später dann fehlte die Greifbarkeit, denn der Großteil des Missbrauchs war psychisch: Manipulation, Gaslighting (Verunsi­cherung des Opfers, bis es seiner eigenen Wahr­nehmung nicht mehr traut, nach dem Theaterstück und Film „Gaslight“, die Redaktion), Stalking – verheerend in seinen Folgen, aber schwer identifi­zierbar. „Ein großes Problem später ist gewesen, dass man psychische Gewalt so wahnsinnig schlecht fassen kann“, so Jäger. „Ich hab ein ganzes Buch gebraucht, um zu erklären, was da eigentlich passiert und warum das so hart ist.“

Die Bereitschaft, schlechte Bedingungen lange auszuhalten, ist auch eine Frage des Selbstwerts. Ob die Höhe oder Stabilität des Selbst­wert­empfindens allerdings auch kausal für eine toxische Beziehung wirkt, ist unklar. „Depressive Menschen haben in der Regel auch ein geringeres Selbst­wert­empfinden als Nicht-Depressive“, sagt Greve. „Aber ist das eine Ursache oder Ausdruck der Depression? Das lässt sich nicht so leicht unterscheiden.“

Eine lebenslange Aushandlung

Aber Studien legen nahe: Wer eine wohl­wollende Einstellung zu sich selbst hat, dem geht es insgesamt besser. Aus psychologischer Perspektive sind dafür besonders die Ressourcen und Prozesse wichtig, die das Selbst­wert­empfinden steuern: „Je breiter das Repertoire ist, desto einfacher ist es, den Selbstwert in einer angemessenen Höhe zu halten“, sagt Greve. „Wenn das gelingt, nennt man das Resilienz. Es ist das erfolgreiche Resultat dieser Regulations­mechanismen und -prozesse.“ Und die verändern sich kontinuierlich mit jeder neuen Erfahrung, die man macht: „Der Selbstwert wird das ganze Leben lang ausgehandelt“, sagt Greve. „Selbst in den Zeiten, in denen es prima läuft. Plötzlich passiert irgendwas, ein Anruf, eine Nachricht, und man fängt neu an zu verhandeln.“

Für Nicole Jäger heißt das jetzt erst mal: Single bleiben. Was ist wichtig, was nicht? Welcher Mensch möchte sie sein? Wo sind ihre Grenzen? Das möchte sie zunächst für sich alleine rausfinden. „Ich versuche, über mich besser zu denken“, sagt sie. „Die längste Beziehung des Lebens führt man mit sich selbst und ich möchte mir auch selbst kein schlechter Partner sein.“

Kommunikation und kleine Schritte

Ihr Weg aus der Beziehung hatte letztlich auch viel mit Kommuni­kation zu tun: „Wie kommt man da raus? Ganz langsam. Mit kleinen Schritten und Kommuni­kation“, sagt Jäger. „Also Menschen erzählen, was los ist, obwohl man sich total bescheuert vorkommt und wahnsinnig schämt, dass so was einem passiert.“

Ein Teil ist auch ihr Buch „Unkaputtbar – Wie mein Mangel an Selbstwert zum Problem wurde und wie ich da wieder rauskam“, in dem sie ihre toxische Beziehung öffentlich aufarbeitete. Das war ihr besonders im Hinblick auf die Gewalt­tätigkeit ihres Ex‑Freundes nicht immer ganz geheuer. „Als ich mich getrennt habe, hatte ich sehr große Angst, heute habe ich eher ein ‚Come on, bring it on‘-Gefühl. Ich fürchte mich nicht mehr vor diesem Mann“, sagt Jäger. „Ich wache jeden Morgen auf und habe die Chance, das beste aller Leben zu führen. Er wacht jeden Morgen auf und ist er selbst.“

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