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Wie die Corona-Krise die eigene Sterblichkeit ins Bewusstsein ruft

  • Die meisten vermeiden es lieber, über den eigenen Tod nachzudenken und zu reden.
  • In Corona-Zeiten rückt das Thema jedoch wieder näher.
  • Experten glauben, dass gerade jetzt die Zeit sein könnte, um sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen.
Martina Sulner
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Der Tod ist uns zweifellos näher gerückt. Seit Monaten sehen wir Bilder von schwerkranken Covid-19-Patienten in überfüllten Krankenhäusern. Die Aufnahmen von Militärlastern, die im italienischen Bergamo Särge abtransportierten, haben sich vielen Menschen ins Gedächtnis eingebrannt. Mehrmals am Tag hören und lesen wir die aktuellen Zahlen der in Deutschland nachgewiesenen Infizierten und derjenigen, die an der Lungenkrankheit gestorben sind.

Selbst denjenigen, die in ihrer Familie oder im Freundeskreis – zum Glück – keine Corona-Toten zu beklagen haben, wird bewusst, wie schnell das Leben zu Ende gehen kann. Denn was uns sonst nur als Nachricht aus der Ferne erreicht, geht uns jetzt ganz konkret selbst an und berührt uns unmittelbar. Die banale Tatsache, dass wir sterblich sind, zeigt ihren ganzen Schrecken.

Folgen von Covid-19 direkt erlebbar

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Dazu komme die neue Erfahrung in Corona-Zeiten, dass so viele Menschen relativ abrupt sterben, sagte Professor Bernd Alt-Epping, Palliativmediziner an der Universitätsmedizin Göttingen, vor Kurzem bei einer (Livestream-)Diskussion der Hamburger Körber-Stiftung zum Thema „Leben mit dem Tod – Was macht die Pandemie mit unserem Verhältnis zum Sterben?“.

Auch wenn man sich ans ­Homeoffice und sogar an das Tragen einer Schutzmaske gewöhnt hat, auch wenn man auf dem Balkon oder bei Spaziergängen den Frühling genießen kann: Sobald wir Nachrichten hören oder lesen, ist die Gefahr wieder gegenwärtig. Wir erleben die Bedrohung – anders als etwa beim Klimawandel, dessen katastrophale Folgen wir in unseren Breitengraden bislang nur abgemildert erfahren – direkt.

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Die vermeldeten Zahlen der Corona-Toten können Abwehr hervorrufen, sodass man am liebsten – auch wenn das schwerlich möglich ist – von dem ganzen Thema nichts mehr hören möchte. „Doch Verunsicherung durch Bedrohung kann auch ein konstruktives Element sein“, sagt die Hamburger Philosophin Ina Schmidt, Autorin des Buches „Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds“. Jetzt könne die Gelegenheit sein, sich dem Gedanken an die eigene Sterblichkeit und das Sterben anzunähern.

Lebenserwartung deutlich gestiegen

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Der Endlichkeit unseres Lebens sind wir uns in unseren Wohlstandsgesellschaften selten bewusst, auch dank der modernen Medizin. Ganz anders als der Mensch des Mittelalters, dem die Allgegenwart des Todes klar war. Die Kindersterblichkeit im Mittelalter war extrem hoch, und die durchschnittliche Lebenserwartung einer Frau lag bei gerade einmal 30 Jahren; heute werden Frauen in Deutschland im Durchschnitt 83 Jahre alt.

Damals aber hatten die im christlichen Weltbild fest verankerten Menschen Symbole und Rituale, um Sterben und Tod besser zu bewältigen und sich in gewisser Weise darauf vorzubereiten. Der Tod war somit „gezähmt“, wie der französische Historiker Philippe Ariès das in seinem Buch „Geschichte des Todes“ nannte.

Sterben und Trauer aus Öffentlichkeit weitgehend verschwunden

Solche Rituale haben wir kaum noch. Bei der Begegnung mit einem Sterbenskranken oder mit Hinterbliebenen verfallen viele aus Unsicherheit in ein beklommenes Schweigen oder manchmal auch in eine überdrehte Geschwätzigkeit.

„Unser Bild eines guten Lebens spart das Leiden aus, das haben wir gelernt“, sagt Ina Schmidt. „Nicht unbedingt, weil wir da etwas verdrängen, sondern weil wir es gewohnt sind, dass nahezu alles geheilt werden kann.“ Wenn man mit dem Tod konfrontiert wird, empfindet man es als ein quasi privates Schicksal, das im engen Familien- oder Freundeskreis zu bewältigen ist.

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Zwar gibt es vielfältige, nicht mehr unbedingt an die Kirche gebundene Abschiedsrituale, doch Leichenzüge oder Trauerkleidung sehen wir kaum noch. Sterben und Trauer sind aus dem öffentlichen Raum weitgehend verschwunden.

Mehrheit der Deutschen will im Kreis seiner Liebsten sterben

Laut Schmidt ist niemand moralisch verpflichtet, sich mit seinem Sterben auseinandersetzen, „aber die Frage ist, ob wir uns nicht selbst einen Gefallen tun können, wenn wir uns damit beschäftigen“. Die Erfahrung zeige, „dass die Gedanken an den Tod sich nicht vertreiben lassen“. Jeder, der sich frage, was er eigentlich im und vom Leben wolle, lande irgendwann beim Thema Tod. Wer eine „Bewusstheit der eigenen Endlichkeit“ entwickle, stelle sich Fragen, meint auch Palliativmediziner Alt-Epping, vor allem die: „Was ist mir wichtig im Leben?“

Für das Ende des Lebens haben die meisten Deutschen denselben Wunsch. 73 Prozent wünschen sich, im Kreis ihrer Liebsten zu sterben. Das ergab eine jüngst veröffentlichte Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die vor Ausbruch der Corona-Krise erarbeitet wurde. Laut Studienautor Adrián Carrasco Heiermann gibt es ein „Idealbild vom Sterben“: Die Menschen möchten gut versorgt, schmerzfrei, selbstbestimmt, sozial eingebunden und nahe am Gewohnten sterben.

Kontakt zur Familie ist in Corona-Zeiten eingeschränkt

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Gerade das aber ist im Moment schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Wegen des Infektionsrisikos sind Besuche in Hospizen, Pflegeheimen und Krankenhäusern weitgehend verboten. Sterbenskranke können eventuell via Smartphone oder Tablet Kontakt zu Angehörigen oder Freunden halten; viele jedoch sterben einsam. Das ist weit von dem würdigen Tod entfernt, den man jedem Mitmenschen wünscht.


Viele Menschen, die in diesen Tagen einen Angehörigen verlieren, empfinden auch die Reglementierungen und Kontaktverbote bei Bestattungen als traurig. „Alleinsein in einer Trauersituation schmerzt doppelt“, sagt Eva-Maria Will, Referentin für Bestattungskultur im Erzbistum Köln, in einem Interview.

Gedanken um letzten Lebensabschnitt machen

Doch selbst wenn einem die Unausweichlichkeit des Todes halbwegs klar ist: „Darauf vorbereiten können wir uns nicht wirklich“, meint Ina Schmidt, „aber wir können darüber nachdenken, wie diese letzte Reise aussehen kann, was wir hinterlassen wollen, welche Dinge unsere Angehörigen wissen sollten und welche Erinnerungen wir ihnen noch mit auf ihren Weg geben möchten.“

Durch den tendenziell medizinisch-technisch Umgang mit dem Sterben von Infizierten, der einen persönlichen Abschied von Angehörigen aus hygienischen Gründen oft nicht zulässt, hat derzeit aber vor allem die Frage, was ein würdiger Tod ist, wieder an Bedeutung gewonnen. Ob wir diese Diskussion führen werden? Gar nach dem Abklingen der Pandemie? Da sind Zweifel angebracht.

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