Wie am Schnürchen: Saudi-Arabiens neue Stadt

  • Saudi-Arabien hat den Bau einer komplett autofreien Stadt mit einer Million Einwohnern am Roten Meer angekündigt.
  • In dem 170 Kilometer langen Ort namens The Line soll es weder Fahrzeuge noch Straßen oder CO₂-Ausstoß geben.
  • Das Land kämpft seit Monaten mit dem niedrigen Ölpreis.
Johannes Sadek
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Eine Stadt ohne Autos, ohne Straßen – und ohne Abgase? Mit diesem ehrgeizigen Ziel soll im März ausgerechnet in Saudi-Arabien begonnen werden, einem Land, das durch die Erdölförderung zu Reichtum gelangt ist. The Line, die Linie, ist der Name dieses Projekts: Der Ort wird sich wie eine Schnur über 170 Kilometer von der Straße von Tiran im Roten Meer bis in die Berge und oberen Täler im Nordwestens des Landes ziehen – angereichert mit lauter autofreien Siedlungen, in denen alles im Alltag mit einem Fußweg von maximal fünf Minuten erreicht werden kann. Auf den 170 Kilometern steht also nicht durchgehend Haus neben Haus, sondern es soll zahlreiche Siedlungen geben.

„Im Laufe der Geschichte wurden Städte gebaut, um ihre Bürger zu schützen – nach der industriellen Revolution gaben Städte Maschinen, Autos und Fabriken den Vorrang gegenüber Menschen“, erklärte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman bei der Präsentation des Projekts. The Line, so die Vorstellung der Entwickler, gibt dem Menschen wieder die Oberhand in ihrer Stadt. „Moderne Städte sind schadstoffbelastet, verstopft, laut und nicht mit der Natur verbunden, was die Qualität unserer Leben beeinträchtigt“, schrieben die Entwickler bei Twitter. Die Ziele sind ehrgeizig: Im Jahr 2030 soll The Line eine Million Einwohner zählen und fünf Millionen Touristen locken.

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Grüne Bäume und bestehende Natur

Im Projektvideo sieht alles modern und einladend aus: Grüne Bäume sind zu sehen, Gebäudesiedlungen ohne Verkehr. Zudem ist geplant, 95 Prozent der Natur entlang von The Line unangetastet zu lassen.

Die Stadt ist Teil des Megainfrastrukturprojekts Neom, das für „neue Zukunft“ steht. Neom – mit 26.500 Quadratkilometern Fläche laut Planungen etwas größer als Mecklenburg-Vorpommern – soll die sogenannte Vision 2030 der saudischen Regierung in Stein meißeln. Mit diesem Reformprogramm will das Land seine Wirtschaft umbauen und sich unabhängiger vom Öl machen. Das Megaprojekt Neom soll im äußersten Nordwesten des Landes an den Grenzen zu Ägypten und Israel entstehen und schätzungsweise 500 Milliarden Dollar kosten. Im Jahr 2025 wird die erste Bauphase laut Planungen abgeschlossen sein. Finanziert wird das Projekt mit dem saudischen Staatsfonds PIF. Allein durch The Line sollen 380 000 neue Jobs entstehen.

The Line sei das erste Mal seit 150 Jahren, dass eine Stadt um Menschen herum und nicht um Straßen gebaut werde, erklären die Entwickler. Alle Orte des täglichen Lebens – etwa Schulen, Gesundheitszentren, Freizeitanlagen und Grünflächen – sollen in höchstens fünf Minuten zu Fuß erreichbar sein. Für längere Strecken werde ein komplett automatisiertes Verkehrsnetz entstehen. Dank Hochgeschwindigkeitszügen, die unter der Erde fahren, sollen auch weite Wege in The Line in maximal 20 Minuten bewältigt werden können. Die Entwickler versprechen auch den Einsatz von künstlicher Intelligenz, um Anwohnern das Leben leichter zu machen. So sollen auf der Zugebene unter der Erde auch autonom fahrende Autos unterwegs sein. The Line soll nach Fertigstellung vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt werden. Ausgerechnet Saudi-Arabien wendet sich damit von fossilen Brennstoffen ab.

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Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman spricht während der Eröffnung des Projekts The Line in Neom. Die High-Tech-Stadt ist eine geplante grenzüberschreitende Stadt in der Provinz Tabuk im Nordwesten von Saudi-Arabien. © Quelle: -/Saudi Press Agency/dpa

Ein Kronprinz mit Visionen

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Der Kronprinz gab sich zum Projektauftakt als Mann mit Visionen: „Warum sollten jedes Jahr sieben Millionen Menschen an den Folgen der Umweltverschmutzung sterben?“, fragte er. „Warum sollten wir jedes Jahr eine Million Menschen durch Verkehrsunfälle verlieren? Und warum sollten wir es akzeptieren, Jahre unseres Lebens damit zu verschwenden, zu pendeln?“

Saudi-Arabien hat sich mit der futuristischen Megastadt in der Wüste hohe Ziele gesteckt. Das Projekt weckt teils Erinnerungen an das Bauprojekt King Abdullah City, das 2005 angekündigt wurde und das 1,3 Millionen Jobs schaffen sollte. Von den sechs geplanten Städten wurde nur eine gebaut, statt der geplanten zwei Millionen Einwohner leben dort heute 10.000.

Huwaitat-Stamm sieht sich vertrieben

Protest am Megaprojekt Neom gab es bereits im vergangenen Jahr: Ein Teil des Gebietes ist die Heimat des Huwaitat-Stammes, der seit Generationen in Teilen Saudi-Arabiens, Jordaniens und der Sinai-Halbinsel lebt. „Für den Huwaitat-Stamm wird Neom auf unserem Blut und unseren Knochen aufgebaut“, mahnte die Aktivistin Alia Hayel Aboutiyah al-Huwaiti im britischen „Guardian“. Mindestens 20.000 Mitglieder ihres Stammes würden durch das Projekt vertrieben. „Es ist definitiv nichts für die Menschen, die bereits dort leben! Es ist für Touristen, Leute mit Geld.“

Der Baubeginn für The Line beginnt nach einer Phase tiefer Einschläge in Saudi-Arabien. Das Land erlebte durch den sehr niedrigen Ölpreis und die Corona-Pandemie eine Krise an zwei Fronten: Rund 370.000 Menschen haben sich dort bislang mit dem Virus infiziert. Weil wegen Corona Flugzeuge am Boden blieben und der Warenverkehr im Notbetrieb lief, sank die Nachfrage nach Rohöl deutlich – dem Rohstoff also, der den Wüstenstaat zu einem der reichsten Länder der Welt machte.

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Für einen ausgeglichenen Haushalt benötigt Saudi-Arabien nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds eigentlich einen Ölpreis von etwa 80 US-Dollar pro Barrel. Derzeit steht er jedoch zwischen 55 und 60 Dollar. Im vergangenen April war der Preis für US-Öl teils unter die Marke von 11 Dollar gesackt und sogar in den Negativbereich gerutscht.

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