Texel – wo der Krieg nicht enden wollte

  • Der Zweite Weltkrieg endete in Europa am 8. Mai 1945 – so lernen es schon die Schulkinder.
  • Auf der niederländischen Ferieninsel Texel ging das Morden allerdings noch bis zum 20. Mai weiter.
  • Deutsche und georgische Soldaten fochten unvermindert einen grausamen Racheakt aus.
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Mehr als eine Million Urlauber besuchen jährlich die niederländische Nordseeinsel Texel, nur vier Autostunden von Köln entfernt. Sie wirbt mit dem Slogan “Ruhe, Raum und Natur”. Auch während des Zweiten Weltkriegs schien es lange Zeit so, als bliebe das Nordseeidyll vom Grauen des Völkermordens verschont.

Doch kurz vor Kriegsende wurde die größte der Westfriesischen Inseln von einer für die Westfront beispiellosen Gewaltorgie heimgesucht: Ein Aufstand georgischer Soldaten gegen die mit ihnen verbündeten Deutschen endete in einem Blutbad.

Wer als Wehrmachtssoldat Anfang April 1945 auf Texel stationiert war, glaubte, das große Los gezogen zu haben: Die Insel, im “strategischen Niemandsland” gelegen, schlummerte dem Ende des Krieges entgegen, das nur noch eine Frage von Tagen schien. Zwar war auch Texel mit seinen Bunkern und Befestigungsanlagen einst ein wichtiger Teil des Atlantikwalls gewesen, der Hitlers Eroberungen vor dem Ansturm der Alliierten schützen sollte.

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Ein Leuchtturm in Texel. Die größte der Westfriesischen Inseln gilt als beliebtes Urlaubsziel.

Im Westen hatten Briten und Amerikaner jedoch längst den Rhein überquert, stießen schnell Richtung Mitteldeutschland vor. Und die Russen holten gerade zum Schlag gegen die Seelower Höhen aus – der finale Stoß gegen Berlin stand bevor. Der Krieg, so die Hoffnung auf Texel, war wie ein grollendes Unwetter an der Insel vorbeigezogen.

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Als die Rote Armee in Berlin eintraf
2:50 min
Am 8. Mai 1945 war Günther Böhm 15 Jahre alt und lebte in Berlin. Der 90-Jährige berichtet vom Kriegsende in Europa und zieht auch Parallelen zu heute.  © Harald Stutte/Reuters

Der erste Eindruck ließ das Blut gefrieren

Die Motivation der auf Texel stationierten Deutschen – zumeist ältere oder sehr junge Soldaten ohne Fronterfahrung – war alles andere als kämpferisch. Die etwa 2000 Soldaten auf der Insel – zumeist Bunkerbesatzungen – hofften auf baldige Heimkehr. Auch Klaus Borgmann, damals 18 Jahre jung, rechnete nicht mit einem Höllenkommando, als seine Einheit, das 163. Marineschützenregiment, am Mittag des 7. April 1945 vom holländischen Festland kommend in Oudeschild, dem Inselhafen, landete. “Es war ein schöner, milder Frühlingstag”, erinnert sich Borgmann, der in Güstrow lebt.

Am Morgen hatten die jungen Rekruten den Marschbefehl erhalten. Ziel und Kampfauftrag waren unbekannt geblieben – vorerst. Doch bereits der erste Eindruck auf Texel ließ ihnen das Blut gefrieren. “Auf einer großen Wiese nahe dem Inselzentrum Den Burg lagen schätzungsweise 45 tote deutsche Offiziere und Unteroffiziere aufgereiht, sie waren überwiegend mit Messern erstochen worden. Uns sagte man, das hätten die russischen Untermenschen getan, die wir jetzt bekämpfen müssten”, so Borgmann zum RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Georgische Soldaten auf Texel. © Quelle: Nationaal Archief

Was war geschehen? Texel, das während der ersten fünf Kriegsjahre eher einem großen Wehrmachtssanatorium glich, hatte sich über Nacht in ein Schlachthaus des “Totalen Krieges” verwandelt. Doch es waren nicht alliierte Soldaten, die den deutschen Besatzern zusetzten: Der Krieg kam nach Texel als Folge des Zerfallsprozesses in Hitlers multinationaler Söldnerarmee. Im 422. Georgischen Bataillon, das seit Mitte Januar 1945 auf Texel stationiert war, hatte es in der Nacht auf den 6. April 1945 einen Aufstand gegen die Deutschen gegeben. Die meisten Kaukasier waren als Sowjetsoldaten 1942 in deutsche Gefangenschaft geraten. Dass sich Sowjetsoldaten bereit erklärten, auf Seiten der Wehrmacht zu kämpfen, war keine Seltenheit.

Georgischer Kriegsfriedhof auf Texel. © Quelle: Flickr/inyucho
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Bis zu einer Million ehemaliger Rotarmisten trugen während des Krieges Wehrmachtsuniformen. Teils waren es Deserteure, überwiegend aber Gefangene, die so dem wahrscheinlichen Tod in den deutschen Kriegsgefangenenlagern zu entgehen versuchten. Sie hatten die Wahl zwischen Pest oder Cholera: Die Behandlung in den Lagern war menschenunwürdig, der Tod der “russischen Untermenschen” erklärtes Ziel. Überlebten sie dennoch die Gefangenenlager, drohten später in der Sowjetunion Arbeitslager oder Hinrichtung, denn sie hatten sich Stalins Befehl widersetzt, dem Befehl, bis zur letzten Patrone gegen die Faschisten zu kämpfen. Und so verhieß ihnen der Dienst in deutschen Uniformen immerhin eine menschenwürdige Behandlung.

Wahl zwischen Pest oder Cholera

Heinz Hlawatschek, der erste Quartiermeister der Deutschen auf Texel, beschrieb das Klima zwischen den 800 georgischen und den 400 deutschen Soldaten des 422. Bataillons als “durchaus kameradschaftlich”. Kommandeur Klaus Breitner sagte später gar, “das Verhältnis zwischen Georgiern und Deutschen war herzlich”: Die Georgier bekamen die gleichen Rationen wie ihre deutschen Kameraden, hatten die gleichen Urlaubsregelungen. Nur Munition erhielten die Georgier nicht, außer wenn sie Wache hielten oder ein Einsatz bevorstand. Denn die Überläufer galten als “unsichere Kantonisten”, weswegen sie auch nie an entscheidenden Frontabschnitten eingesetzt wurden.

Die sich abzeichnende Niederlage der Deutschen hatte dazu geführt, dass sich unter den Georgiern ein zu allem entschlossener Widerstandskern bildete. Denn es war allgemein bekannt, dass sich die Westmächte in Jalta dazu verpflichtet hatten, gefangen genommene Sowjetbürger an Stalin auszuliefern. Und der kannte gegenüber Verrätern keine Gnade. Für die Georgier ging es also in jedem Fall um Leben und Tod.

Das Unheil auf Texel – es begann mit einer verhängnisvollen Entscheidung des deutschen Bataillonskommandeurs Klaus Breitner: Er ließ am 5. April Waffen und Munition an die Georgier verteilen, denn 500 von ihnen sollten am Folgetag auf dem Festland gegen die Alliierten kämpfen. Umgehend begann unter den Georgiern eine hektische Betriebsamkeit: Sie mussten die vielleicht letzte Chance ergreifen, durch einen Aufstand den an ihrer Heimat begangenen Verrat zu kompensieren.

Der beschädigte Leuchtturm von De Cocksdorp auf Texel nach heftigen Gefechten zwischen georgischen und deutschen Truppen. © Quelle: Nationaal Archief
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Keine Gnade auf beiden Seiten

Um ein Uhr nachts begann ein für die Westfront beispielloses Blutbad: Da es galt, jedes verräterische Geräusch zu vermeiden, überfielen die Georgier ihre deutschen Bataillonskameraden mit ihren spitzen Dolchen, die sie sonst zum Rasieren benutzten. Vielfach war zuvor Wodka an die Deutschen verteilt worden, um sie betrunken zu machen. Auch einige niederländische Untergrundkämpfer beteiligten sich am Aufstand. Henk de Bloois, einer von ihnen, übergab den Georgiern zehn deutsche Offiziere, die sich im Hauptquartier, dem Hotel “De Lindeboom” in der Inselhauptstadt Den Burg, freiwillig ergeben hatten. Die Georgier erschossen sie sofort, was De Bloois “ziemlich roh” fand. “Das waren wir nicht gewohnt”, sagte er später. Nur eine Handvoll der 400 deutschen Soldaten des Bataillons überlebte, darunter Kommandeur Breitner.

Borgmann und die vom Festland entsandten Hilfstruppen hatten enorme Mühe gegen die verzweifelt kämpfenden Georgier. “Man sagte uns nur, wir sollten uns in Acht nehmen, uns gegenüber lägen Scharfschützen”, so Borgmann. Auf Seiten der kriegsunerfahrenen Deutschen, die im Abstand von fünf Metern die Insel durchkämmen mussten, gab es große Verluste. Beide Seiten kannten keine Gnade, Gefangene wurden nicht gemacht. Da es den Georgiern nicht gelungen war, die Deutschen aus den schwer befestigten Batteriestellungen im Norden und im Süden der Insel zu vertreiben, wendete sich das Blatt. Von diesen beiden befestigten Standorten aus beschossen die Deutschen die Insel und gingen, nachdem Verstärkung eingetroffen war, in die Offensive. Es begann ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich über Wochen hinzog.

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Getrieben von Rachegelüsten

Viele Texelaner versteckten Georgier. Wer dabei erwischt wurde, bezahlte das mit dem Leben. Selbst als am 5. Mai die Wehrmacht in den Niederlanden kapitulierte, ging das Morden auf Texel unvermindert weiter. Die Deutschen waren entschlossen, jeden Georgier für den Verrat zur Rechenschaft zu ziehen. Für die Georgier, die überlebt hatten, ging es darum, sich so lange zu verstecken, bis die Alliierten eintrafen. Doch die ließen sich Zeit, obwohl sie längst wussten, was auf Texel passiert war, denn die Insulaner und Georgier hatten ein Boot nach England geschickt, um Hilfe zu holen.

Die Situation war absurd: Getrieben von persönlichen Revanchegelüsten, meuchelten sich Wehrmachtssoldaten, deren Führung längst kapituliert hatte, und Georgier, die als Sieger des Krieges längst hätten heimkehren können. Die Situation war so verfahren, dass schließlich die niederländische Inselrésistance eine Art Gentleman’s Agreement vermittelte. Ergebnis: Tagsüber patrouillierten die Deutschen auf der Insel, nachts durften sich die Georgier frei bewegen.

Erst am 20. Mai kam Texel endlich zur Ruhe, nachdem das 1. kanadische Armeekorps auf der Insel gelandet war. Erst am 16. Juni verließen 228 Georgier, die den Aufstand überlebt hatten, die Insel. Sie wurden in Wilhelmshaven der Sowjetarmee übergeben. Als Helden wurden sie in ihrer Heimat dennoch nicht gefeiert, doch immerhin drohte ihnen nicht das Todesurteil – im Unterschied zu vielen Soldaten, die in Hitlers Wlassow-Armee gedient hatten. Einige Georgier mussten für Jahre ins Arbeitslager, andere durften bereits 1946 in ihre Heimat zurück. Vollständig rehabilitiert wurden die Texel-Überlebenden erst 1956 im Zuge der Entstalinisierung.

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