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Studie: Werden die Auswirkungen der Justinianischen Pest überschätzt?

  • Die Justinianische Pest gilt als eine der großen Katastrophen am Übergang zum Mittelalter.
  • Einer aktuellen Studie der Hebräischen Universität Jerusalem zufolge gibt es für die dramatischen Auswirkungen allerdings kaum Belege.
  • Ein deutscher Experte widerspricht der Studie und kritisiert das Vorgehen des Teams.
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Jerusalem/Tübingen. Die Folgen der Justinianischen Pest vom 6. bis 8. Jahrhundert werden einer Studie zufolge überschätzt. Behauptungen, die Pandemie habe die Population im Mittelmeerraum und in Europa deutlich dezimiert, seien kaum belegt, schreibt ein internationales Forscherteam in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS). „Anhand der vorhandenen Daten war ein plötzlicher und dramatischer Bevölkerungseinbruch fast eindeutig die Ausnahme und nicht die Regel“, schreiben die Wissenschaftler um Lee Mordechai von der Hebräischen Universität Jerusalem. Ein deutscher Experte widerspricht und kritisiert das Vorgehen des Teams.

Historiker unterscheiden drei große Pest-Pandemien

  • Die Justinianische Pest mit der ersten Welle in den Jahren 541 bis 544, auf die bis Mitte des 8. Jahrhunderts mehr als ein Dutzend weitere Wellen in Europa und im Mittelmeerraum folgten
  • Der Schwarze Tod, der Europa, Vorderasien und Nordafrika im 14. Jahrhundert heimsuchte
  • Die Dritte Pandemie, die ab Ende des 19. Jahrhunderts in Süd- und Ostasien wütete und sich auch nach Madagaskar und Lateinamerika ausbreitete (Dritte Pandemie)
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Welche Folgen hatte die Pest wirklich?

Verursacht wird die Pest vom Bakterium Yersinia pestis, das vor allem über Insekten wie etwa Flöhe verbreitet wird. Schätzungen von Experten zufolge habe die Justinianische Pest zwischen 15 und 100 Millionen Todesopfer gefordert, was etwa 25 bis 60 Prozent der damaligen Bevölkerung des Römischen Reichs entspreche, wie die Autoren in ihren Artikel ausführen. Nach gängiger Einschätzung habe die Pest zum Niedergang des Oströmischen Reichs und dem Ende der Antike beigetragen. Sie sind der Ansicht: „Solche außergewöhnlichen Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege“.

„Wenn die Pest ein Schlüsselmoment der Menschheitsgeschichte war und angeblich binnen weniger Jahre zwischen einem Drittel und der Hälfte der Population des Mittelmeerraums tötete, sollten wir dafür Belege haben“, wird Mordechai in einer Mitteilung zur Studie zitiert. „Aber unsere Datenanalyse fand nichts.“ Viele Historiker, so seine Kritik, hätten ihre Annahmen bisher aus den aufrüttelndsten Berichten abgeleitet und andere Quellen ignoriert.

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Vermeintlich dramatische Auswirkungen nur bedingt dokumentiert

Zu den wichtigsten Quellen zählt der griechische Historiker Prokop, der die Seuche in Konstantinopel beschrieb. Dieser beschreibe die Pest in weniger als 1 Prozent seines Werkes, bei dem Geschichtsschreiber Gregor von Tours seien es höchstens 1,3 Prozent. Das sei wenig angesichts der vermeintlich dramatischen Auswirkungen der Pest, so die Forscher.

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Generell, so betonen sie, gingen schriftliche Quellen nur vereinzelt auf Pestausbrüche ein. Die Auswertung von Papyri und von Inschriften gäben keine Hinweise etwa auf deutliche Abnahmen der Bevölkerung. Auch die Produktion und Zirkulation von Münzen deute nicht auf gravierende Veränderungen hin. Ferner belegten auch Pollenanalysen keine Abnahme der landwirtschaftlichen Produktion infolge der Pest.

Pest: Gelten Massen- oder Mehrfachgräber als Beweis?

Selbst die mitunter angeführten Massengräber aus jener Epoche lassen die Forscher nicht gelten. „Nicht alle Massen- oder Mehrfachgräber sind das Resultat einer Krankheit“, betonen sie. Bestattungen im selben Grab würden eher soziale Verbindungen oder Verwandtschaftsbeziehungen widerspiegeln.

Die Pestmortalität sei in verschiedenen Regionen unterschiedlich hoch gewesen, betont das Team. „Manche Regionen erlitten vielleicht zeitweilig eine höhere Sterblichkeit, wie etwa Konstantinopel beim ersten Ausbruch, aber wir können nicht davon ausgehen, dass das für alle gilt.“ Künftig solle man die Folgen der Pest lokal untersuchen, anstatt vom „Niedergang der Römer“ oder von einem Bevölkerungseinbruch zu sprechen, schreiben sie.

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Deutscher Historiker kritisiert die Studie der Wissenschaftler

Der Historiker Mischa Meier von der Universität Tübingen hält die Kritik für unangemessen und die Methodik der Forscher für problematisch. Vom Niedergang des Römischen Reiches sprechen Historiker demnach nicht mehr, sondern von einer Transformation. Auch dass die damalige Bevölkerung um 60 Prozent geschrumpft sei, behaupte – im Gegensatz zu den Ausführungen der Autoren – heutzutage niemand mehr, betont der stellvertretende geschäftsführende Direktor des Instituts für Alte Geschichte. Er selbst schätzt, dass die Bevölkerung von Mitte des 6. bis Mitte des 8. Jahrhunderts grob um etwa 25 Prozent sank, betont jedoch, dass man letztlich über Mutmaßungen nicht weit hinauskomme.

Grundsätzlich bemängelt Meier an der Studie, dass sie auf rein quantitativen Auswertungen etwa von Erwähnungen der Pest in schriftlichen Quellen basiere, ohne diese Quellen selbst qualitativ zu prüfen. Demnach bieten etwa die Texte des Kirchenhistorikers Euagrios Scholastikos durchaus Einblicke in lokale Auswirkungen der Pest. Generell sei die Quellenlage insbesondere für das 7. und 8. Jahrhundert dürftig, so Meier. Umso problematischer sei es, vorhandene Informationen zu ignorieren.

RND/dpa

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