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Stark durch die Krise: Frauen lassen sich auch in Corona-Zeiten nicht unterkriegen

  • Häufig kam in den letzten Wochen die Frage auf, inwiefern die Corona-Pandemie die Gleichstellung der Geschlechter zurückwirft.
  • Zahlreiche Beispiele – auch in politischen Spitzen – zeigen, dass sich Frauen auch in solchen Krisenzeiten nichts gefallen lassen.
  • Denn Frauen zeigen, was sie besonders ausmacht: ihre Resilienz.
Daniel Dettling
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Opfer des Coronavirus sind in den meisten Ländern vor allem Männer. Zwei von drei Corona-Toten sind männlichen Geschlechts. Nicht nur Alter und Vorerkrankungen erhöhen das Risiko, an Corona zu erkranken oder zu sterben. Es ist auch das Geschlecht, sagen Immunologen. Hormone und das X-Chromosom machen den Unterschied. Das weibliche Hormon Östrogen stimuliert das Immunsystem, das männliche Hormon bewirkt dagegen oft den gegenteiligen Effekt: Testosteron unterdrückt die Immunantwort des Körpers. Dass nicht noch mehr Männer in diesen Tagen an Corona sterben, liegt aber nicht an den Hormonen, sondern an den Frauen.

Länder, die von Frauen regiert werden, kommen besser durch die Krise

Am besten kommen bislang jene Länder durch die Krise, die von Frauen regiert werden. Dänemark (Mette Frederiksen), Island (Katrin Jakobsdottir), Finnland (Sanna Marin), Neuseeland (Jacinda Ardern), Norwegen (Erna Solberg), Taiwan (Tsai Ing-wen) und Deutschland (Angela Merkel) haben im internationalen Vergleich die niedrigsten Infektionsraten und weniger Todesfälle. Regierungschefinnen haben schneller und konsequenter auf den Ausbruch der Pandemie reagiert als ihre männlichen Kollegen. Chinas Staatschef Xi Jinping hat den Ausbruch der Pandemie zu verheimlichen versucht, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, US-Präsident Donald Trump und der britische Premier Boris Johnson haben das Virus anfangs wahlweise als “Hype” oder als “chinesisches Virus” abgetan.

Auch in Stil und Sprache heben sich die Frauen ab. Wo sich der französische Präsident Emmanuel Macron als Feldherr im “Krieg” gegen Corona inszeniert und Donald Trump sich als Amerikas höchster Arzt aufführt, kommuniziert Merkel naturwissenschaftlich nüchtern und hört auf den Rat der Wissenschaftler.

Um 30 Jahre zurückgeworfen

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Die große Frage indes ist: Bremst die Pandemie die weitere Gleichstellung in der Arbeitswelt aus? “Plötzlich sind alle Frauen weg”, stellt die Chefin des Verlagshauses Gruner + Jahr, Julia Jäkel, fest. “Zurück in der Männerwelt” ist ihr Essay in der Wochenzeitung “Die Zeit” überschrieben. Um 30 Jahre würde Corona die Gleichstellung der Geschlechter zurückwerfen, klagt Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums, und fürchtet eine Retraditionalisierung: “Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen wird noch größer, der Knick in weiblichen Karrieren wird heftiger ausfallen und die Abhängigkeit der Frauen von ihren Partnern zunehmen.” Und die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken sieht sogar einen “Rollback in die Rollen der Fünfziger”.

Hausarbeit statt Homeoffice

Die neue Arbeitsteilung ist plötzlich die alte: Frauen stehen am Herd und betreuen die Hausaufgaben der Kinder, Männer machen Videokonferenzen und basteln weiter an ihrer Karriere. Homeoffice und Homeschooling heißt für Frauen viel Home und wenig Office. Jede vierte Frau hat ihre Arbeitszeit in der Corona-Krise reduziert, von den Männern ist es nur jeder sechste. Dabei arbeiteten bereits vor Corona deutsche Mütter mehrheitlich in Teilzeit. Die Betreuung der Kleinsten zu Hause ist überwiegend die Aufgabe von Frauen. Während Autohäuser und Baumärkte inzwischen jeden Tag offen sind, bleiben Kitas und Schulen überwiegend geschlossen. Krippen, Kindergärten und Grundschulen öffnen, um junge Familien und vor allem Frauen zu entlasten? Das passiert erst sehr langsam.

Die partnerschaftliche Aufteilung der Care-Arbeit hat in den vergangenen Jahren nur funktioniert, weil die Kinderbetreuung ausgelagert wurde. Nicht Frauen und Männer, sondern der Staat hat die Gleichstellung befördert. Fällt er aus, fällt die Gesellschaft in alte Muster zurück.

Fürsorge und Vorsorge im Staat der Zukunft

Die aktuelle Debatte um mögliche Lockerungen in der Krise zeigt, wer im Merkel-Deutschland den Ton angibt: die Männer als Ministerpräsidenten, Virologen, Verbandsvertreter und Vertreter der Ärzteschaft. Frauen in Deutschland sind zwar sozial systemrelevant, ökonomisch jedoch irrelevant. In Gesundheitsberufen, in Supermärkten und im Reinigungsgewerbe arbeiten mit großer Mehrheit Frauen. In der Krankenpflege sind es 80, in der Altenpflege 84 Prozent. Frauen achten auf Menschen und die Umwelt, Männer auf die Ökonomie.

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Macht die Pandemie kaputt, was sich Frauen erkämpft und erarbeitet haben? Nein. Gegen die Momentaufnahme spricht die Macht des Wandels. Nach Corona starten wir nicht im Jahr 1990. Corona wird auch in der Geschlechterfrage zum Game Changer, zum Erneuerer. In der Zukunft geht es um den richtigen Umgang mit Gesundheits-, Umwelt- und Wirtschaftskrisen, um ein Sowohl-als-auch und nicht um ein Entweder-oder. In der Politik wie in der Wirtschaft. Der Staat der Zukunft setzt auf Fürsorge und Vorsorge. Innovative und nachhaltige Unternehmen verbinden Prävention und Produktion. Aus Wertschöpfung wird Werteschöpfung.

Flexibel und robust auf Veränderungen reagieren

Die Mehrheit der Unternehmen hat längst verstanden, dass sie grüner und weiblicher werden müssen. Sie werden ihre Büroarbeitsplätze und Reisebudgets auch aus Kostengründen radikal kürzen. Tägliche Großveranstaltungen und Konferenzen sind Folklore einer untergegangenen Arbeitswelt. In der “neuen Normalität” wird Homeoffice die Regel sein, stundenlange Präsenzsitzungen werden jedoch zur Ausnahme.

Zum wichtigsten Wert in der Post-Corona-Arbeitswelt wird nicht Effizienz, sondern Resilienz. Gemeint ist die Fähigkeit, in wechselnden und sich ändernden Situationen flexibel und robust reagieren zu können. Gefragt sind Kulturtechniken wie emotionale Intelligenz, Kommunikations- und Netzwerkintelligenz. Frauen beherrschen die Fähigkeit zur Selbstdisziplin und Selbstorganisation, den selbstbewussten Umgang mit Unsicherheit und Komplexität besser als Männer. Darum sind sie auch die besseren Digitalisierer. Frauen machen nicht, was die Maschinen ihnen sagen, sondern stellen sie infrage und nutzen ihre künstliche Intelligenz, um die eigene zu vergrößern.

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Vor Corona hat das World Economic Forum ausgerechnet, dass sich der Gendergap erst in 99 Jahren schließen wird, wenn alles so bleibt, wie es ist. Corona wird diesen Zeitraum radikal verkürzen. Spätestens in 20 Jahren verdienen Frauen mehr als Männer, weil ihre Berufe krisenresistenter sind. Wetten?

“Staat, Sex, Amen”
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