US-Trend: Allabendliches Geschrei als Ausgleich für Einschränkungen

  • Jeden Abend setzt das Heulen und Schreien ein:
  • Ob aus Langeweile, aus Freude über die Genesung oder aus Dankbarkeit für die zahllosen Helfer, täglich um 20 Uhr lassen derzeit Tausende Amerikaner ungeniert Schreie aus den Tiefen ihrer Seelen heraus.
  • Für viele von ihnen ist das Ritual weit mehr als bloß ein beiläufiger Zeitvertreib während der Corona-Krise.
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Denver. Es beginnt meist mit einigen zögerlichen Rufen. Nach und nach stimmen Nachbarn ein. Am Ende ist es, als würde ein einziges gewaltiges Jaulen die Monotonie der vom Coronavirus aufgezwungenen Isolation brechen. Von Kalifornien über Colorado bis zum Bundesstaat New York: In vielen Teilen der USA, in denen die Pandemie den Menschen zu schaffen macht, breitet sich das Phänomen fast schneller aus als das Virus selbst. Abend für Abend wird kollektiv geschrien – und damit ein den Umständen angepasstes Zeichen der Solidarität gesetzt.

Die Gründe, warum sich Amerikaner jeweils ab 20 Uhr an dem Ritual beteiligen, sind verschieden. Einige tun es vor allem, um Pflegekräften und anderen Helfern für ihre Arbeit zu danken – ähnlich wie bei den Gesängen oder dem Applaus von den Balkonen in Italien und Spanien. Für andere ist es ein Mittel, um Ängste oder aufgestauten Frust abzubauen. Wieder andere wollen Obdachlosen und anderen besonders gefährdeten Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind.

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Kinder bringen mit ausgelassenem Schreien zum Ausdruck, wie sehr sie ihre Freunde vermissen – und haben oft auch einfach Spaß daran. Nicht selten mischt sich das Jaulen von Hunden in den Klangteppich. Hinzu kommen vereinzelte Hupen, Glocken oder Feuerwerkskörper. In manchen Regionen haben auch Behörden und Politiker die Bedeutung des allabendlichen Lärmens erkannt. Im Staat Colorado rief Gouverneur Jared Polis die Bürger persönlich zur Beteiligung auf.

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Das Ganze erinnert sehr an Western

“Die meisten Leute probieren es aus und finden dann Gefallen daran, dass ihr Rufen von anderen erwidert wird”, sagt der Autor und Aktivist Brice Maiurro, der in dem Krankenhaus National Jewish Health in Denver arbeitet. Das Gejohle erinnere in gewisser Weise sehr an “Western” und komme in Colorado wohl auch deswegen gut an.

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Scott Cypers, Experte für Angst- und Stressforschung an der University of Colorado, sieht in dem Ritual auch den Versuch, einen Teil der Kontrolle zurückzugewinnen, die die Menschen wegen der Pandemie derzeit aufzugeben genötigt seien. "Die Auswirkungen des Virus sind im einzelnen sehr unterschiedlich", betont der Psychologe. Aber durch das Schreien könnten alle ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen – es sei wichtig, "einfach laut brüllen und rufen zu können", und auf diese Art aufgestaute negative Gefühle herauszulassen.

Maiurro und seine Partnerin, die Künstlerin und Aktivistin Shelsea Ochoa, sind die Gründer der Facebook-Gruppe “Go Outside and Howl at 8pm” (“Geht um acht Uhr abends raus und jault”). Die Idee dazu kam ihnen, als im März auch in Colorado Ausgangsbeschränkungen erlassen wurden. Inzwischen hat die Gruppe fast eine halbe Million Mitglieder – und zwar aus allen 50 US-Staaten und aus etwa hundert Ländern.

Falsch Schreien geht nicht

“Wir wollten das vor allem deswegen tun, weil die Leute sich im Moment isoliert fühlen”, sagt die 33-jährige Ochoa, die im Naturkundemuseum von Denver arbeitet. “Ich denke, es hat einen Nerv getroffen.” Und beim Schreien gebe es “keine falsche Art, es zu tun”, betont Ochoa. “Die Leute können dem jede Bedeutung zuschreiben, die sie wollen.”

Auch bei denen, die im Gesundheitswesen der Pandemie die Stirn bieten, kommt das Ritual gut an. Jerrod Milton, der im Children’s Hospital Colorado arbeitet, geht jeden Abend um 20 Uhr vor die Tür, um sich das Gebrüll seiner Mitbürger anzuhören. "Es vermittelt mir nicht nur ein Gefühl von Solidarität und Wertschätzung, sondern es bringt mich jeden Tag auch ein bisschen zum Lachen", sagt er. Oft könne er nicht unterscheiden, welche Rufe von Mitmenschen aus der Umgebung kämen und welche von den instinktiv einstimmenden Hunden.

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Auch in der Innenstadt von Los Angeles wird regelmäßig auf Balkonen oder aus Fenstern heraus gebrüllt, gejubelt und applaudiert. In der Westküsten-Metropole ging die Initiative dazu vor allem von Patti Berman aus. "Ich hätte nie gedacht, dass es auf so großen Anklang stoßen würde", sagt die Leiterin eines Nachbarschaftsrates. Ihre Sorge gelte derzeit den Obdachlosen im Problemviertel Skid Row, aber auch den durch das Coronavirus in Not geratenen kleinen Familienbetrieben. Für Berman geht es bei dem Ritual vor allem darum, diese Menschen "wissen zu lassen, dass wir nicht verschwunden sind – den zwischenmenschlichen Kontakt zu bewahren".

So sehr es eine höchst ungewöhnliche Art des sozialen Kontakts sein mag – das allabendliche Gejohle könnte nach Einschätzung der Initiatoren auch etwas sein, auf das die Teilnehmenden eines Tages, nach Überwindung der Krise, in positiver Erinnerung zurückblicken werden. Die Pandemie beschere den Menschen "so viele traurige Geschichten", sagt Ochoa."Hoffentlich werden sie sich auch an dies als eines der guten Dinge erinnern."

RND/AP

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