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Forschende sorgen sich um Projekte

Wie der Krieg in der Ukraine die Wissenschaft weltweit beeinflusst

Auf dem Arktischen Ozean am Nordpol schwimmen Eisplatten. Ohne Russland sei die Forschung in der Arktik extrem schwierig, sagen Forschende.

Paris. Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler sorgen sich, wie sie ohne russische Hilfe ihre wichtige Arbeit fortsetzen können, die Erwärmung in der Arktik zu dokumentieren. Die Europäische Raumfahrtorganisation ESA muss darüber nachdenken, wie der geplante Marsrover ohne seine russische Heizvorrichtung eiskalte Nächte auf dem Roten Planeten überleben könnte. Und was ist mit dem Streben nach einer kohlenstofffreien Energie, wenn 35 Länder, die an einem experimentellen Fusionskraftreaktor in Frankreich arbeiten, keine Schlüsselkomponente aus Russland beschaffen können?

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Wladimir Putins Krieg in der Ukraine hat auch auf dem Feld der Wissenschaft zu einer schnellen Verschlechterung von Beziehungen und der Beeinträchtigung von Projekten geführt, die Moskau und den Westen verbanden. Diente die Wissenschaft nach dem Kalten Krieg als so etwas wie ein Brückenschlag, löst sich diese Klammer jetzt zusehends im Zuge der westlichen Sanktionen, die darauf abzielen, den Kreml zu isolieren - das auch dadurch, indem die Unterstützung für Wissenschaftsprogramme mit russischer Teilnahme versiegt.

Von Klimawandel, Atomkraft bis zum Marsrover

Der Preis könnte hoch sein, für beide Seiten, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen. Die Bekämpfung des Klimawandels und Lösung anderer globaler Probleme wird ohne Zusammenarbeit schwieriger werden und wertvolle Zeit verloren gehen. Russische und westliche Forschende sind im Zuge ihrer gemeinsamen Arbeit bei der Bewältigung von Herausforderungen wie dem entwickeln der Atomkraft oder dem entsenden von Raumsonden ins All abhängig von den Erfahrungen beider Seiten geworden. Das enge Netzwerk von Beziehungen auseinander zu reißen wird kompliziert werden.

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Der geplante ESA-Marsrover ist ein Beispiel. Russische Sensoren, die durch Wasser erzeugte Vertiefungen ausmachen und die Umwelt auf dem dem Planeten studieren sollen, müssen vielleicht ersetzt werden und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach einer nicht-russischen Startrakete suchen, sollte das Aussetzen der Zusammenarbeit zu einem dauerhaftem Bruch führen. Kommt es dazu, könnte der bereits für dieses Jahr gestrichene Start nicht vor 2026 erfolgen.

ESA-Direktor: Stabilität und Vertrauen verloren

„Wir müssen all diese Kooperation, die wir hatten, entwirren, und das ist ein sehr komplexer Prozess, und wie ich Ihnen auch sagen kann, ein schmerzhafter“, so ESA-Direktor Josef Aschbacher in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. „Abhängigkeit von einander schafft natürlich auch Stabilität und, in einem gewissen Ausmaß, Vertrauen. Und das ist etwas, was wir durch Russlands Invasion in der Ukraine verlieren werden und verloren haben.“

Internationale Empörung und Sanktionen gegen Russland machen förmliche Kooperationen schwierig oder unmöglich. Forschende, die Freunde geworden sind, stehen informell in Kontakt, aber ihren Projekten, groß oder klein, wird der Hahn zugedreht. Die EU schließt russische Einrichtungen aus ihrem 95 Milliarden Euro schweren Hauptbudget für Forschung aus, Zahlungen werden ausgesetzt und keine neuen Verträge abgeschlossen. In Deutschland, Großbritannien und anderswo werden die Finanzierung und Unterstützung von Projekten, die Russland involvieren, ebenfalls gestoppt.

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Russische Forschende starten Petition gegen den Krieg

In den USA hat das Massachusetts Institute of Technology seine Verbindungen mit einer Forschungsuniversität in Moskau gekappt, deren Aufbau es einst gefördert hatte. Die älteste und größte Universität in Estland lässt keine neuen Studentinnen und Studenten aus Russland und dessen Verbündeten Belarus zu. Die Auflösung der Verbindungen sei nötig, aber schmerzhaft, sagte der Präsident der estnischen Akademie der Wissenschaften, Tarmo Scomere, der AP. „Wir laufen Gefahr, viel von dem Schwung zu verlieren, der unsere Welt in Richtung einer besseren Zukunft treibt.“

Russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereiten sich auf eine schmerzhafte Isolation vor. Eine Online-Petition russischer Forschenden und wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeiter gegen den Krieg weist eigenen Angaben zufolge mittlerweile 8000 Unterschriften auf. Die Unterzeichner warnen, dass ihre normale Arbeit als Wissenschaftler „ohne vollständige Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen“ nicht mehr möglich sei.

Lew Selenji ist ein führender Physiker am Raumforschungsinstitut in Moskau, der an dem jetzt ausgesetzten ExoMars-Roverprojekt mitgearbeitet hat. Er spricht von einer „tragischen“ Situation.

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Projekte zur Fusionsenergie und Kernforschung

Die Zukunft mehrerer größerer Gemeinschaftsprojekte ist noch unklar. Die Arbeit an dem 35-Nationen umfassenden Fusionsenergieprojekt Iter in Frankreich geht weiter, Russland ist weiter unter den sieben Gründern, die Kosten und Ergebnisse des Experiments teilen. Zu den grundlegenden Komponenten, die von Russland beigesteuert werden, zählt ein massiver supraleitender Magnet, der vor der Auslieferung in mehreren Jahren in St. Petersburg getestet werden soll.

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Forschende auf der Suche nach dunkler Materie hoffen, dass sie die mehr als 1000 russischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht verlieren, die zu Experimenten bei Cern, der Europäischen Organisation für Kernforschung, beitragen. Forschungsdirektor Joachim Mnich sagte der AP, die Strafen wegen der Invasion sollten der russischen Regierung gelten, nicht russischen Wissenschaftskollegen und -kolleginnen. Cern hat Russlands Beobachterstatus bei der Organisation ausgesetzt, aber „wir schicken niemanden nach Hause“, sagt Mnich.

Zusammenarbeit in der Arktis auf Eis gelegt

Auch in anderen Feldern wird Russlands Expertise vermisst werden, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen. Der deutsche Klima- und Polarforscher Markus Rex etwa sagt, dass die von ihm geführte Mission im Arktischen Ozean 2019-2020 ohne die eisbrechenden russischen Schiffe, die ihr Forschungsschiff unter anderem mit Nahrung und Treibstoff versorgt hätten, nicht möglich gewesen wäre.

Die Invasion in die Ukraine stoppe diese „sehr enge Zusammenarbeit“ und blockiere künftige gemeinsame Bemühungen, die Auswirkungen des Klimawandels zu studieren, sagt Rex im Gespräch mit AP. Ohne Russland sei eine bedeutende Forschung in der Arktik extrem schwierig. Und das sei wirklich ein Albtraum, „denn die Arktik wandelt sich rapide. Sie wird nicht warten, bis wir alle unsere politischen Konflikte oder Ambitionen beilegen, einfach andere Länder zu erobern.“

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RND/AP

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