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Rückblick: Das Jahrzehnt, als soziale Medien Alltag wurden – Internetriesen unter Druck

  • Die Giganten aus dem Silicon Valley sind fester Bestandteil unseres Alltags geworden.
  • An ihnen kommt niemand vorbei.
  • Doch am Ende des Jahrzehnts stehen Google, Amazon und Facebook so sehr in der Kritik wie nie zuvor.
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Für Facebook-Investor Roger McNamee hat das Jahr 2016 alles geändert. Zehn Jahre zuvor hatte er sich das erste Mal mit Mark Zuckerberg getroffen. Er hatte früh Geld in die damals noch junge Plattform gesteckt und den Facebook-Gründer bei einigen wichtigen Entscheidungen beraten. Jahrelang war McNamee überzeugt von Facebook gewesen. Doch nun, einen Tag nachdem Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, saß McNamee wieder bei Facebook – dieses Mal war er sehr wütend. „Die Russen haben Facebook genutzt, um die Wahl zu kippen“, lautete einer der Vorwürfe, die McNamee seitdem öfter wiederholt hat. Den Wandel vom überzeugten Anhänger zum Kritiker von Facebook, Google und Co. hat in diesem Jahrzehnt nicht nur er durchgemacht.

Die 2010er-Jahre waren keine Zeit der großen Gründungen. Natürlich gab es Newcomer: Tinder (Erscheinungsjahr 2012) etwa hat die Art, wie wir daten, durch ein einfaches Nach-rechts-oder-links-Wischen auf den Kopf gestellt. Mit Tiktok (2016) wird aktuell erstmals eine App aus China auf den amerikanischen und europäischen Märkten richtig groß.

In diesem Jahrzehnt wurden die sozialen Medien Alltag

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Aber Google, Facebook, Amazon, die großen Softwaregiganten, gab es schon, bevor das Jahrzehnt begann. Im Fall von Amazon und Google wurden sie sogar gegründet, bevor das neue Jahrtausend überhaupt begonnen hatte. Und selbst Twitter (2006), Whatsapp (2009) und Instagram (2010) haben inzwischen einige Jahre auf dem Buckel. Trotzdem war es ihr Jahrzehnt. Das Jahrzehnt, in dem soziale Medien vollständig Teil des Alltags wurden, ein enorm wichtiger Teil der Lebenswirklichkeit. Gleichzeitig war es gerade für die sozialen Netzwerke, so fasst es „The Verge“ zusammen, an der Zeit, erwachsen zu werden. Niemand hat das mehr zu spüren bekommen als Facebook.

Männer, die auf Rechner starren: Jesse Eisenberg (links, als Mark Zuckerberg) und Joseph Mazzello als Dustin Moskovitz in dem Hollywoodfilm „The Social Network“.

2010 kam „The Social Network“ in die Kinos. Der Spielfilm zeigt die Entstehungsgeschichte von Facebook und ist ein Höhepunkt der öffentlichen Obsession mit dem „Gründer“. Mit dem Verlangen, wissen zu wollen, was Typen wie Mark Zuckerberg, Twitter-Chef Jack Dorsey oder Apple-Chef Steve Jobs antreibt. Was wollen sie? Was macht sie so besonders?

In diesem Umfeld löste der Tod von Steve Jobs im Oktober 2011 noch die Frage aus, ob Apple weiter innovativ bleiben würde – so ganz ohne das Genie Jobs. Doch inzwischen ist die Zeit der Genies vorbei. Der Abgang der Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page im Dezember 2019 verlief geräuschlos. Und auch wenn Tesla-Chef Elon Musk weiter fleißig für Schlagzeilen sorgt – eine gewisse Gründermüdigkeit ist spürbar.

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Soziale Netzwerke müssen Verantwortung übernehmen

Der Großteil der Geschichten, die man gerade gegen Ende dieses Jahrzehnts über Google, Facebook oder Amazon erzählt und hört, handeln deshalb auch nicht mehr von den Erfolgen der Unternehmen aus dem Silicon Valley, ihren fantastischen Ideen, die die Welt verändern werden. Nein, sie sind politisch geworden.

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Das liegt auch am 8. November 2016. Der Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump fand bereits in einer Welt statt, in der soziale Netzwerke selbstverständlich zum Alltag dazugehörten. Eine Trennung zwischen dem Leben offline und dem Leben online hatte da schon keinen Sinn mehr. Das Smartphone – obwohl streng genommen ein Produkt des vorherigen Jahrzehnts – holte die Welt des Internets endgültig in die Hosentasche. Damit finden Kommunikation, Meinungsbildung, Partizipation nun immer mehr in sozialen Netzwerken statt. Mark Zuckerberg mag die Vorstellung, dass die Präsidentschaftswahl auch von russischer Propaganda auf Facebook und Twitter beeinflusst wurde, zunächst „verrückt“ gefunden haben. Inzwischen kann Facebook sich eine solche Gleichgültigkeit gegenüber diesen Vorwürfen nicht mehr leisten.

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Griechenland in der Schuldenkrise: Seit das Land 2010 die Zahlen zu seiner Staatsverschuldung nach oben korrigiert hat, folgt eine Hiobsbotschaft auf die andere. Zwei milliardenschwere Rettungspakete der EU sollen helfen, sehr schnell aber gerät die ganze Euro-Zone in den Strudel der Finanzkrise.  @ Quelle: EPA/Oretis Panagiotou/dpa

Stattdessen haben die Zehner-Jahre deutlich gemacht: Soziale Netzwerke müssen Verantwortung für Inhalte und deren reale Konsequenzen übernehmen. Sie müssen verhindern, dass sie dazu missbraucht werden, Terror zu verbreiten oder Anschläge in die Welt zu streamen (wie etwa im Fall des Christchurch-Anschlags im März 2019). Sie dürfen Verbreitern von Falschinformationen kein Megafon in die Hand drücken. Sie müssen ihre Nutzer vor Hass, Gewalt oder Kinderpornografie schützen. Die Fragen, wie effektive Moderationsregeln aussehen, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen und wer sie ziehen darf, sind noch nicht ausdiskutiert. 2020 soll etwa bei Facebook dazu ein unabhängiges Gremium die Arbeit aufnehmen.

Am Ende des Jahrzehnts stehen die Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley unter Druck. So sehr, dass es dafür inzwischen sogar einen Begriff gibt: „Techlash“ („technology backlash“). Während die Unternehmen lange Zeit relativ freie Hand hatten und wie etwa im Fall von Facebook erst Instagram (2012) und dann Whatsapp (2014) kaufen konnten, zieht nun nicht nur die Politik die Daumenschrauben an. Google, Facebook und Amazon stehen im Zentrum von Wettbewerbsermittlungen des US-Justizministeriums. Den Unternehmen drohen schärfere Regulierungen, sogar ihre Zerschlagung ist in den USA inzwischen ein Wahlkampfthema.

Denn was in der öffentlichen Wahrnehmung oft untergeht: Amazon ist mittlerweile viel mehr als ein Versandhandel, Google mehr als nur eine Suchmaschine. So gehört Google seit 2015 offiziell zu Alphabet, einem Konzern, der unter anderem auch selbstfahrende Autos entwickelt oder künstliche Intelligenz erforscht.

Wichtig ist es für die Firmen, an Daten zu kommen

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Die Größe der Unternehmen und ihre damit verbundene Macht sind vielen Menschen unheimlich. Nicht nur, weil sie ihre Position ausnutzen können, um sich lästige Konkurrenz vom Leibe zu halten, sondern auch, weil die Frage im Raum steht: Was machen Amazon, Google oder Facebook eigentlich mit all den Informationen, die sie über ihre Nutzer haben? Der Fall Cambridge Analytica wurde 2018 nicht nur zum Skandal, weil eine Datenanalysefirma unrechtmäßig an Facebook-Nutzerdaten gelangt war. Sondern auch, weil sie behauptete, mithilfe dieser Daten Wahlen beeinflussen zu können.

Kommt mit ihren Thesen in Deutschland gut an: Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Buchautorin Shoshana Zuboff. © Quelle: AP

„Überwachungskapitalismus“ nennt Shoshana Zuboff die Logik der großen Tech-Unternehmen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin findet mit ihren Thesen nicht zuletzt in Deutschland großen Anklang. Sie argumentiert: Die großen Tech-Firmen nutzen ihr gesammeltes Wissen, um Vorhersagen über uns zu machen: Wann ist wer bereit, ein bestimmtes Produkt zu kaufen? Je mehr Daten sie haben, desto präziser würden diese Vorhersagen und desto eher könne man sie dazu verwenden, Nutzer in eine bestimmte Richtung zu schubsen, argumentiert Zuboff. Je mehr Bereiche des Lebens die Unternehmen daher zur Datengewinnung nutzen können, desto besser für sie.

Folgt man dieser Logik, ist es nicht überraschend, dass Google, Amazon und Facebook ihre Nutzer nicht mehr nur durch das Internet begleiten, sondern auch im realen Leben. 2015 kam Amazons Echo in den USA auf den Markt. Auch Google ist im Bereich Smarthome aktiv, hat 2014 zum Beispiel Nest gekauft oder 2019 die Fitnesstracker-Firma Fitbit.

Gegen Ende des Jahrzehnts sind die großen Tech-Unternehmen also einerseits so mächtig wie nie zuvor. Doch die Frage lautet: Bleibt das im nächsten Jahrzehnt auch so?

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