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Corona und die Infektionszahlen – das ist jetzt anders als im Juni

Niedersachsen, Langenhagen: Reiserückkehrer warten am Eingang zum Corona-Testzentrum am Flughafen Hannover-Langenhagen.

Am 19. März vermeldete die Branchenseite fleischportal.de: “Corona-Krise: Tönnies versorgt weiter mit Fleisch und Wurst”. Zitiert wird unter anderen der Geschäftsführer Andres Ruff: “Wir leisten unseren Beitrag zur Verlangsamung der Corona-Ausbreitung bei unseren Mitarbeitern und deren Familien.” Und der geschäftsführende Gesellschafter, Clemens Tönnies, ergänzt: “Diese Krise zeigt für die Lebensmittelkette in Deutschland, wie wichtig eine einheimische Produktion auf unserem deutschen Standard ist.”

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Gut drei Monate später, am 22. Juni, hatten sich nach Angaben des Kreises Gütersloh 1553 Tönnies-Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert – rund 22 Prozent der insgesamt etwa 6650 Arbeiter. Die Zahl der Neuinfektionen im Kreis Gütersloh pro 100.000 Einwohner war innerhalb von sieben Tagen auf 263 gestiegen – und lag damit empfindlich über dem Grenzwert von 50.

RKI korrigiert sich: Doch keine Hoffnung auf Impfstoff im Herbst

Am Dienstag hatte Russlands Präsident Wladimir Putin verkündet, in seinem Land werde der erste Impfstoff gegen das Corona-Virus zugelassen.

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Die Implikationen, die zu den Massenausbrüchen geführt haben, sind noch nicht mit letzter Sicherheit entschlüsselt, allerdings scheinen die gigantischen Luftumwälzanlagen und die sehr beengten Lebensverhältnisse der südosteuropäischen Leiharbeiter wesentlich zur Clusterbildung beigetragen zu haben.

Zahl der Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner lag am 22. Juni bei 4,4

An diesem 22. Juni allerdings, dem Tag mit dem bis dato höchsten Tönnies-Infektionszahlen, meldet das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem täglichen Lagebericht 148 Landkreise, die in den vergangenen sieben Tagen keine neuen Corona-Fälle gemeldet hätten. Die durchschnittliche Zahl der Erkrankungen pro 100.000 Einwohner – etwas sperrig mit “kumulative Inzidenz” bezeichnet – lag danach bei 4,4. Der Anteil der Verstorbenen am Infektions-Gesamtaufkommen wurde mit 4,7 Prozent beziffert.

Bundesregierung warnt vor neuer Dynamik der Corona-Infektionen

Wenn jetzt nicht alle wachsam seien, könne die Entwicklung eine neue Dynamik erreichen, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert.

Am 11. August waren es 6,7 Neuerkrankungen auf 100.000 Bewohner

Ein Blick in die Gegenwart: Für den 11. August meldet das RKI durchschnittlich 6,7 Neuerkrankungen auf 100.000 Einwohner während der Vorwoche. Nur 46 Landkreise blieben im Bemessungszeitraum ohne Neuinfektionen. In weiteren 215 Landkreisen lag die 7-Tages-Inzidenz unter 5,0/100.000 Einwohner. Das RKI fasst die Lage so zusammen: “Der in den vergangenen Wochen gemeldete Zuwachs in den Fallzahlen ist in vielen Bundesländern zu beobachten. Der steile Anstieg in Hamburg beruht nicht nur auf einem Ausbruch in einer Werft; auch unter Einreisenden finden sich vermehrt Fälle.”

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Hamburg hatte mit einem Wochenschnitt von 10,9 das einzige zweistellige Ergebnis pro 100.000 neben Nordrhein-Westfalen (13,1 Prozent). Stand 22. Juni hatte der Durchschnittswert der Vorwoche in der Hansestadt noch bei 1,4 Neuerkrankungen pro 100.000 Bewohnern gelegen.

Das RKI weiter: “Bundesweit gibt es viele kleinere Ausbruchsgeschehen in verschiedenen Landkreisen, die mit unterschiedlichen Situationen in Zusammenhang stehen z.B. größeren Feiern im Familien- und Freundeskreis, Freizeitaktivitäten, an Arbeitsplätzen, aber auch in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen. Hinzu kommt, dass COVID-19-Fälle zunehmend unter Einreisenden identifiziert werden.”

“Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend “

Die Zahl der täglich neu übermittelten Fälle sei seit der Kalenderwoche 30 angestiegen: “Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend und wird vom RKI weiter sehr genau beobachtet. Eine weitere Verschärfung der Situation muss unbedingt vermieden werden.”

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Das klingt zunächst einmal recht alarmistisch – zumal der Anteil Verstorbener, Stand 11. August, auf 4,2 pro 100.000 gesunken ist. Auch der Hospitalisierungsanteil, das heißt die Zahl der Patienten mit bestätigter Infektion, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, hat in den vergangenen Wochen abgenommen: Er lag mit insgesamt 31.200 Personen bei 17,1 Prozent.

Der Altersdurchschnitt der Sterbefälle beträgt derzeit 81 Jahre. Von den bislang 9201 Todesfällen waren 7864 Personen 70 Jahre und älter. Das sind 85 Prozent aller Todesfälle. Allerdings beträgt die Zahl der über 70-Jährigen am Covid-19-Gesamtaufkommen nur 17 Prozent. Drei Todesfälle gab es in der Altersgruppe unter 20 Jahren, alle litten unter Vorerkrankungen.

Die Anzahl der Neuerkrankungen am 11. August allerdings ist mit 1226 neuen Fällen so hoch wie seit Mai 2020 nicht. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte die während der vergangenen Woche auf über 1000 Fälle pro Tag angestiegene Zahl der Neuerkrankungen noch nicht als dramatisch eingestuft. Auch zur aktuellen Zahl klingt seine Reaktion wenig eskalierend. Spahn sagte am heutigen Mittwoch im Deutschlandfunk, mit jeder weiteren Zunahme werde es für die Gesundheitsämter schwieriger. Es gelte, “sehr, sehr wachsam” zu sein. Das Gesundheitssystem könne die derzeitigen Infektionszahlen jedoch noch gut bewältigen.

Generell leichte Anstiege summieren sich zu einem Effekt

Anders als Mitte Juni ist der jetzige Anstieg allerdings nicht hauptsächlich auf einzelne Brennpunkte zurückzuführen. Auf Landkreisebene sind die Zahlen oft nur leicht gestiegen. Doch über alle Kreise hinweg summiert sich dieser Effekt. Experten fürchten eine solche Entwicklung, weil sie sich nicht mit einigen wenigen harten Maßnahmen auf rein lokaler Ebene eindämmen lässt. Als Ursache für den Anstieg hatte RKI-Präsident Lothar Wieler Nachlässigkeit bei der Einhaltung der Verhaltensregeln genannt.

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Reiseeffekte scheinen hingegen noch keine große Rolle zu spielen – bis auf wenige regionale Minicluster, wie etwa die Gruppe erkrankter Abiturienten, die aus einem Kroatienurlaub mit elf Infizierten zurückkam. In Nordrhein-Westfalen ist ein erster Effekt schon zu sehen: Etwa jede vierte Corona-Neuinfektion ist hier auf Reiserückkehrer zurückzuführen.

Sicher wird aber die wieder zunehmende Fluktuation auch innerhalb des Landes die Zahlen perspektivisch beeinflussen. Es scheint also noch nicht der Zeitpunkt gekommen, um “Alarm” zu schreien – eine Rückkehr der Gesamtbevölkerung zur vormaligen kollektiven Disziplin allerdings, die scheint geboten.

0,77 Prozent der deutschen Intensivbetten sind derzeit durch einen Corona-Patienten belegt

Für den Fall der Fälle sind Deutschlands Krankenhäuser allerdings gut gerüstet. Nach Daten aus dem sogenannten Divi-Intensivregister (Divi: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) sind an den darin erfassten 1274 Klinikstandorten derzeit 71 Prozent der insgesamt 30.390 Intensivbetten belegt, rund 8800 stünden für Covid-19- und andere Patienten noch zur Verfügung. Derzeit werden demnach 234 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt, 139 von ihnen werden beatmet. Das heißt, nur 0,77 Prozent der deutschen Intensivbetten sind derzeit durch einen Corona-Patienten belegt. Intensivmedizinisch ist Covid-19 – derzeit – also kein Problem.

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