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  • Restaurants wieder offen: Gefahr durch Aerosole wird unterschätzt, meint Christian Drosten

Aerosole: Warum in Restaurants jetzt öfter gelüftet werden sollte

  • Restaurants dürfen mittlerweile unter strengen Auflagen wieder öffnen - Virologe Christian Drosten hält das für keine gute Idee.
  • Er fürchtet, die Übertragung über die Luft, durch Aerosole, wird unterschätzt.
  • Als “sichere Zone” sieht er jedoch die Außenbereiche an.
Alice Mecke
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Im Zuge der Lockerungensmaßnahmen in der Corona-Krise dürfen in Deutschland die ersten Restaurants wieder öffnen. Dabei müssen strenge Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden, wie das Einhalten des Mindestabstands zwischen den Gästen von anderthalb Metern oder mehr. Doch einige Experten sehen Restaurantöffnungen äußerst kritisch. Dazu gehört auch Virologe Christian Drosten. Im NDR-Podcast (12. Mai 2020 , Folge 40) machte er erneut über die Gefahr von Aerosolen aufmerksam und erläutert, wie diese sich eindämmen ließen - außerdem stärkt er einem Politiker den Rücken.

Viren für mehrere Stunden in der Luft

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Laut Studien und seinem “Bauchgefühl” resümiert Drosten, dass die Hälfte der Übertragungen des Coronavirus durch Tröpfchen und fast genauso oft durch Aerosole geschehen. Auch das Robert Koch-Institut führt nach der Tröpfcheninfektion, Aerosole als häufigen Übertragungsweg an.

Doch was macht Aerosole so gefährlich? Aerosole sind Flüssigkeitstropfen, die beim Atmen und Sprechen in die Luft gelangen. Anders als Tröpfchen sind Aerosolpartikel noch leichter und kleiner als fünf Mikrometer und schrumpfen durch Verdunstung. Je kleiner sie werden, desto mehr nehme ihr Gewicht ab. Die Partikel seien dadurch leichter als Wasser und könnten so sehr lange in der Luft stehen bleiben. In den Aerosol-Partikeln könnten sich infektiöse Viren “tatsächlich für mehrere Stunden” halten, erklärt Drosten.

Tröpfchen hingegen sind größer als fünf Mikrometer und fallen durch ihr Gewicht rund anderthalb Meter nach der Ausscheidung zu Boden. Aus dieser Erkenntnis resultieren auch die aktuellen Abstandsregeln, in Restaurants beispielsweise, erklärt Drosten.

Dicht an dicht im Restaurant “gefährlich”

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Weil der Großteil der Infektionen auf Tröpfchen und Aerosole zurückzuführen sei und nur ein geringer Teil auf Kontaktinfektionen, hält Drosten “das ständige Hinweisen auf Händewaschen und Desinfektion, die man auf Oberflächen sprüht, für total übertrieben". Daher könne man auch nicht sagen, wir machen jetzt hier alles auf, “weil wir ja jede Menge Desinfektionsmittel versprühen und uns immer schön die Hände waschen". Wenn Leute im Restaurant dicht an dicht säßen, halte er das auch für gefährlich, so Drosten weiter. Er sei der Meinung, dass erfahrene Hygieniker die Situation ähnlich einschätzten.

Studien zeigen unsichtbare Gefahr

Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte und selbst Epidemiologe hatte in der Vergangenheit vor Infektionen durch Aerosole in Innenräumen gewarnt und dafür Kritik geerntet. Für Drosten unverständlich, er stellt sich hinter den Politiker und seine These, dass Aerosole problematisch sind: “Was der so in sozialen Medien von sich gibt, das ist Stand der Dinge. Der geht in die Öffentlichkeit und informiert mit richtigen Inhalten.”

Auch die von Drosten angesprochenen Studien zeigen die lange Überlebensdauer von Aerosolen. Eine amerikanische Studie, veröffentlicht im “New England Journal of Medicine” kommt zu dem Ergebnis, dass SARS-CoV-2 Viren mindestens drei Stunden in Aerosolen lebensfähig sind. In der Praxis können Aerosole somit zu rasend schnellen Übertragungen führen, wie es etwa in einem Call Center in Südkorea der Fall war.

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Im “EID-Journal” berichten Wissenschaftler von einem 19-stöckigen Hochhaus, in dem es einen bestätigten Corona-Fall gab. Alle 1143 Menschen, die in dem Haus leben oder arbeiten, wurden daraufhin getestet. Die Behörden zählten 97 Corona-Positive - von diesen arbeiteten 94 im Callcenter auf der elften Etage, in dem selben Büro wie der erste bestätigte Infizierte.

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Der Außenbereich als “sichere Zone”

Doch für Gastronomen gibt es auch gute Nachrichten. Problematisch sind Aerosole vor allem in geschlossenen Räumen, “der Außenbereich ist zunächst einmal als eine relativ sichere Zone einzustufen”, sagt Drosten. Er ermutigt Gastronomen, so oft wie möglich die Außenbereiche zu nutzen. Wenn es kalt sei könne man draußen auf Decken ausweichen, wie es im Frühling oder Herbst eh oft der Fall ist.

Für Drosten sind Außenbereiche sogar so sicher, dass die Sicherheitsabstände nicht eingehalten werden müssten: “Ich würde hier auch so weit gehen, zu sagen, im Außenbereich ist ein Zwei-Meter-Abstand wahrscheinlich gar nicht notwendig, denn das Virus, das über Aerosol-Übertragung verbreitet wird, weht eh weg, wenn man draußen ist.”

Da Gastronomen bereits jetzt mit hohen Umsatzeinbußen zu kämpfen haben, sollte man ihnen durch folgende Überlegung helfen: “Warum erlaubt man nicht Gastronomien, auch die Bürgersteige mitzubenutzen?”, fragt Drosten. Solange dies nicht massiv störe und Passanten gefährde, könnten die Kommunen da für die Krisenzeit auch mal Ausnahmen machen, fordert Drosten.

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Ventilatoren und Stoßlüften

Wenn die Gastronomie nicht die Möglichkeit hat, die Gäste in die “Sicherheitszone” zu schicken, sollte regelmäßig gelüftet werden, vor allem im Sommer. Im Innenbereich ist es laut Drosten auch nach wie vor sinnvoll, mit Abstandsregeln zu arbeiten und im Notfall weniger Gäste zu bedienen, als üblich. Darüberhinaus hat der Experte einen weiteren Tipp: “Man kann da auch gute kreative Lösungen finden. Ich hatte das schon mal für Schulen angesprochen: Das Fenster aufmachen und ins Fenster einen großen Ventilator stellen, der die Luft nach draußen befördert, sodass drinnen ein dezenter Luftstrom entsteht. Das ist eine gute Methode, um einen gewissen Umsatz zu schaffen.”

Kneipen, die einen Deckenventilator besitzen, sollten diesen auch nutzen: “Die kann man auch langsam, also nicht so, dass einem der Hut wegweht, anschalten, sodass ein gewisser Luftumsatz passiert und Luft nach draußen gezogen wird”, erklärt Drosten.

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Dehoga: Häufiges Lüften generell vorgesehen

In der Branche ist das natürlich längst Thema: Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga Bundesverbandes, erklärt: „Unabhängig von den unterschiedlichen Bewertungen in der Wissenschaft empfiehlt der Dehoga, die Räumlichkeiten häufig zu lüften und Luftbefeuchter zu nutzen.“ Und auch die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe mit Sitz in Mannheim hat den Aspekt in Arbeitsschutzstandards extra zur Corona-Wiedereröffnung in der Gastro aufgenommen: „Es ist sicherzustellen, dass Arbeits-, Sanitär- und Pausenräume regelmäßig gereinigt und gelüftet werden.“

Die Lüftungsanlagen seien fachkundig zu betreiben, Filter sollten regelmäßig gereinigt beziehungsweise getauscht werden, heißt es weiter. „Es empfiehlt sich die Aufstellung eines Reinigungs- und Lüftungsplans. Bei natürlicher Lüftung ist der erforderliche Luftwechsel durch ausreichend häufiges Stoßlüften zu realisieren.“

Expertenrat folgen - und nicht attackieren

Erneut appelliert Drosten an die “Alltagsvernunft” der Deutschen. “Irgendwo muss man einfach sagen, es lässt sich nicht alles behördlich regeln, nicht durchs Gesundheitsamt, nicht durchs RKI. Da muss irgendwann auch mal ein bisschen mitgedacht werden”, fordert der Experte im Podcast. Dafür bedarf es richtiger Arbeitshypothesen - die Deutschland besitzt, die nur die falsche Beachtung erhalten würden: “Dann muss man diesen Experten auch folgen und sie nicht in der Tageszeitung attackieren”, kritisiert Drosten.

RND/Alice Mecke/dpa


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