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Kunst aus dem 17. Jahrhundert: Rätselhafte Elfenbein-Figuren beim Radiologen

  • Im späten 17. Jahrhundert fertigten Künstler Modelle schwangerer Frauen an.
  • Nun stellt sich heraus: Viele der Figuren bestehen aus echtem Elfenbein.
  • Wofür die Figuren hergestellt wurden, ist nicht klar – vielleicht war es aber Spielzeug für Erwachsene.
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Chicago. Viele der Modelle wurden einer aktuellen Untersuchung zufolge aus echtem Elfenbein hergestellt. Dieses könne den Forschern zufolge etwa auf den etablierten Handelsrouten aus Afrika nach Europa gebracht worden sein. Sie hatten 22 der Figürchen per Computertomographie durchleuchtet und so auf das Material rückschließen können. Ihre Ergebnisse stellten sie am Mittwoch auf dem Kongress der Radiological Society of North America in Chicago vor.

Figuren stellen oft schwangere Frauen dar

Bislang ist recht wenig bekannt über die etwa zehn bis 20 Zentimeter langen Figuren. Viele der heute erhaltenen Modelle zeigen schwangere Frauen. Sie liegen unbekleidet auf dem Rücken, ihr Kopf ist häufig auf ein Kissen gebettet, die Arme sind im Schultergelenk oft beweglich. Der besondere Clou: Die Bauchdecke ist abnehmbar. Im Inneren sind die Bauchorgane zu sehen, die ebenfalls entnehmbar sind. Dann zeigt sich ein Embryo in der Gebärmutter, ein Stofffaden stellt die Nabelschnur dar.

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Mikro-Computertomographie erkennt das Material

An der Duke University of Durham befindet sich nach Angaben der Forscher um Fides Schwartz mit 22 Exemplaren die weltweit größte Sammlung solcher Figuren. Die Wissenschaftler durchleuchteten diese per Mikro-Computertomographie. So konnten sie die Mikrostruktur des Materials untersuchen und damit etwa unterscheiden, ob die Figuren aus „echtem“ Elfenbein gefertigt wurden oder ob es sich um Imitationen aus Hirschgeweih oder Walknochen handelt.

Die meisten Figuren sind aus reinem Elfenbein

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20 der 22 untersuchten Objekte waren demnach aus echtem Elfenbein gefertigt. Obwohl Geweih sehr viel günstiger gewesen sein dürfte, bestand lediglich eines aus diesem Material. Eine weitere Figur war eine Mischung von Bestandteilen aus Hirschgeweih und Walknochen. Elfenbein sei im 17. und 18. Jahrhundert auf feststehenden Handelsrouten von Afrika nach Europa gebracht worden – vermutlich stammte damit auch das Material für die Figuren aus Afrika. „Das hilft vielleicht dabei, den Herstellungszeitraum genauer einzugrenzen“, sagt Schwartz. Wenn man wisse, wann genau Elfenbein nach Europa geliefert wurde, wisse man auch, wann die Figuren frühestens gefertigt wurden.

Die Funktion der Figuren ist immer noch unklar

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Über die Funktion der Figürchen sind sich Experten uneins. Häufig werden sie als anatomische Lehrmodelle bezeichnet, die in der Medizinerausbildung eingesetzt wurden. „Das ist aus meiner Sicht eine falsche Zuschreibung“, sagt Marion Maria Ruisinger, Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt, das zwei dieser Figürchen in seinem Bestand hat. „Vereinfacht gesagt: Die Figuren sind viel zu schlecht dafür.“

Figürchen könnten Spielzeug gewesen sein

Die Anatomie sei im 17. Jahrhundert bereits sehr viel weiter gewesen, wie etwa Vergleiche mit Büchern aus dieser Zeit belegten. Darin fänden sich sehr viel detailreichere und realistischere Abbildungen der weiblichen Anatomie. „Das leuchtet nicht ein, für viel Geld aus wertvollem Material vergleichsweise schlechtere Darstellungen zu fertigen.“ Auch die Miniaturisierung spreche gegen einen Einsatz in der Anatomieausbildung.

Ruisingers Ansicht zufolge waren die Figürchen Kunstkammerobjekte, die von reichen Sammlern zur Schau gestellt und für Freunde oder interessierte Gäste hervorgeholt wurden – edle Spielzeuge für Erwachsene.

Forschung: Methode zur Untersuchung interessant

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Die Untersuchung der US-Forscher bezeichnet sie vor allem aufgrund der eingesetzten Methode als interessant. „Im Museum haben wir selten eine Möglichkeit, solche Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren durchzuführen. Dabei kann man schon mal Überraschungen erleben.“ Im Fall der Elfenbein-Figuren bringe die Untersuchung allerdings wenig neue Erkenntnisse. Elfenbein habe man schon vorher von Imitaten wie etwa Rinderknochen unterscheiden können. Eine Datierungshilfe benötige man im Grunde nicht, weil aus Textquellen recht zuverlässig bekannt sei, in welchem Zeitraum die Figürchen gefertigt wurden.

RND/dpa

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