Forscher Fereidooni: Kein Mensch ist frei von Rassismus

  • Deutschland brauche ein neues Verständnis von Rassismus, fordert der Rassismusforscher Karim Fereidooni von der Ruhr-Universität Bochum.
  • Ein Mensch könne niemals frei von Rassismus sein, höchstens rassismussensibel.
  • Im RND-Gespräch erklärt der Wissenschaftler, was das Ganze mit erlernten Machtstrukturen zu tun hat, wieso es keinen Rassismus von Schwarzen gegenüber Weißen geben kann und warum es bei Debatten weniger darum gehen sollte, einen Schuldigen zu finden.
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Der Tod des Schwarzen George Floyd führt in den USA und weltweit zu Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Könnte dieser Protest auch in Deutschland rassistische Denkmuster aufbrechen?

Erst wenn Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten solidarisch miteinander sind, verändert sich etwas. Demonstrationen führen dazu, dass sich Politikerinnen und Politiker damit beschäftigen müssen. Politik reagiert immer auf Druck. Alle Menschen müssten Rassismus als ihr persönliches Thema begreifen, unabhängig davon, ob sie persönlich davon betroffen sind oder nicht.

Genauso wie der Klimawandel ein Thema für alle geworden ist, muss ein Verständnis von Rassismus entstehen, das seine Beseitigung nicht nur als etwas Positives für Ali, Mohammed und Aische wertet. Sondern etwas Positives für alle Bürgerinnen und Bürger in unserer Gesellschaft.

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Prof. Dr. Karim Fereidooni ist Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Rassismuskritik in pädagogischen Institutionen, Schulforschung und politische Bildung in der Migrationsgesellschaft und diversitätssensible Lehrerinnen und Lehrerbildung. © Quelle: Privat

Wie definieren Sie Rassismus?

Rassismus ist eine Spielart von Diskriminierung, die sich nur auf einen Aspekt bezieht – nämlich die Abwertung der zugeschriebenen oder faktischen Herkunft von Personen. Rassismus braucht eine Machtstruktur, die asymmetrisch in der Gesellschaft verläuft. Also wer hat die gesellschaftliche Macht, andere Menschen aufgrund der faktischen oder zugeschriebenen Herkunft von wichtigen gesellschaftlichen Teilbereichen wie Arbeits-, Wohnungsmarkt und Bildung systematisch auszuschließen?

Es sind auch Stimmen zu hören, die sagen, sie hätten als weiße Menschen Rassismus erlebt.

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Es gibt zwar weiße Menschen, die situativ von Schwarzen diskriminiert werden. Aber weil Weißsein eine globale Norm ist, kann es keinen Rassismus von Schwarzen gegenüber weißen Menschen geben. Und es gibt auch keine systematische Deutschenfeindlichkeit in Deutschland.

Rassismus konstruiert biologische Rassen, um sagen zu können, die Weißen stehen auf der Entwicklungsstufe über den schwarzen Menschen. In seiner Entstehung ging es darum, den Genozid an afrikanischen Menschen während des Kolonialismus rechtfertigen zu können. Deshalb gibt es keinen umgekehrten Rassismus. Bis heute gilt Weißsein überall auf der Welt als Schönheitsideal. Das ist uns über 500 Jahre so beigebracht worden.

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Tausende Menschen gehen gegen Rassismus auf die Straße
0:42 min
  © Saskia Bücker/Reuters

Struktureller Rassismus in der Gesellschaft

Wie verstehen Sie in diesem Zusammenhang die Begriffe „Weiß“ und „Schwarz“?

Wenn ich über weiße Deutsche, Deutsche of Color oder schwarze Deutsche spreche, meine ich damit nicht die biologistische Reproduktion von Rassen. Ganz im Gegenteil: Das ist ein rassismuskritischer Sprachgebrauch, um eben nicht auf den sogenannten Migrationshintergrund zurückzugreifen. Die meisten Menschen, die in Deutschland leben, denen dieser Zusatz angedichtet wird, haben keine primäre Migrationserfahrung gemacht. Deutschsein hat sich verändert. In einer Migrationsgesellschaft kann man nicht vom Aussehen des Menschen auf seine Staatsbürgerschaft schließen.

Mit diesen Begrifflichkeiten verweisen wir auf die Existenz von Ungleichheitsstrukturen, die sich ganz konkret im Alltag von uns allen niederschreiben. Es gibt keinen Raum ohne Rassismus. Schwarze Deutsche und People of Color haben nicht dieselben Privilegien wie weiße Deutsche in Bezug auf die Ungleichheitsstruktur Rassismus.

Haben Sie dafür ein Beispiel aus dem Alltag?

Ich merke, dass ich nicht als deutscher Mann wahrgenommen werde, wenn ich ständig gefragt werde, wo ich herkomme. Wenn ich dann sage aus Bochum, kommen beim Gesprächspartner immer wieder die Zweifel. Nach dem Motto: Du kommst doch eigentlich woanders her, wo liegen deine Wurzeln? In solchen Momenten merke ich, dass ich nicht das Privileg habe, als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft zu gelten. Ich muss mich immer wieder erklären. Weiße Deutsche müssen das nicht.

Jeder hat rassistische Strukturen verinnerlicht

Wenn ich weiß geprägt wurde, habe ich dann automatisch rassistische Denkmuster verinnerlicht?

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Ein Mensch kann niemals frei von Rassismus sein, höchstens rassismussensibel. Wir alle – egal ob weiß oder schwarz – haben rassismusrelevante Wissensbestände verinnerlicht. Rassismus bringt einigen Leuten bei, zu denken, dass sie mehr wert sind als andere. Und einigen, dass sie weniger wert sind als andere. Schwarze Deutsche und People of Color internalisieren die ihnen vermittelten negativen Bilder. Etwa, wenn jemand zum fünfzehnten Mal gehört hat, Terrorist zu sein, einen zu komplizierten Namen zu haben, um diesen korrekt auszusprechen oder in schicken Wohngegenden nicht willkommen zu sein.

Welche Annahmen zum Rassismus in der Gesellschaft in Deutschland sind weit verbreitet, stimmen aber gar nicht?

Dass es hierzulande ein Problem mit Rassismus gibt, leugnen viele. Es wird dann argumentiert, das alles sei doch nach dem Zweiten Weltkrieg beendet worden, es gebe keine Konzentrationslager und Nürnberger Rassengesetze mehr, und somit habe sich das Thema erledigt. Neben staatlichem Rassismus, welches in der Nazi-Zeit Staatsräson war, gibt es aber natürlich auch den Alltagsrassismus, der viel subtiler ist.

Eine zweite Annahme ist, Rassismus gebe es nur am rechten Rand der Gesellschaft und bei ungebildeten Menschen. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass jeder Mensch rassismusrelevante Wissensbestände in sich trägt. Das hat weder etwas mit dem Einkommen, dem Bildungshintergrund, noch mit dem Stadt-Land-Gefälle zu tun.

Gewalterfahrung durch Phantasmen über die eigene Person

Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf rassistischen Strukturen in Bildungseinrichtungen. Erlernen wir sie dort?

Man kommt nicht als Rassist auf die Welt. Wir wissen aus Studien, dass Kinder mit drei Jahren unterscheiden können, wer so aussieht, dass er oder sie mehr oder weniger Macht hat in unserer Gesellschaft. Das Problem ist, dass in all unseren Wissensbeständen ein Stück Rassismus steckt. Darauf greifen wir im Alltag immer wieder zurück. Nicht nur schwarze, auch weiße Menschen erleben eine Form von Gewalt im Laufe ihrer Sozialisation. Sie erlernen bestimmte Phantasmen und Bilder über schwarze Menschen, die nicht der Realität entsprechen.

Ein Beispiel: Mohammed macht im Zweifel den gleichen Quatsch im Kindergarten wie Tobias. Aber die Kindergärtnerin hat bestimmte Bilder über Mohammed gelernt und wendet die auch an, sie markiert Mohammed als Macho, was für ihn eine Gewalterfahrung ist. Das macht sie nicht, weil sie besonders bösartig ist. Sondern weil sie das Bild unbewusst als scheinbar normal wahrnimmt und nicht problematisiert. Somit hat auch die Kindergärtnerin Gewalt erlebt, weil sie denkt, dass die Fiktion über Mohammed der Realität entspricht. Diese verschobene Wahrnehmung hat sie zum Beispiel durch Bücher, Filme, Gespräche in der Familie gelernt.

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Seibert zu Demos - Bekenntnis gegen Rassismus ist gut
1:01 min
Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung hat sich am Montag in Berlin zu den Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt geäußert.  © Saskia Bücker/Reuters

Bringt es etwas, beim Austausch über strukturellen Rassismus Schuldige zu suchen?

Wenn ich rassismuskritische Seminare für Lehrer anbiete, verzichte ich bewusst auf eine Täter-Opfer-Sprache, das bringt uns nicht weiter. Wir sitzen alle im selben Boot und deshalb müssen wir eine verständnisvolle Sprache finden, um über diese Machtstrukturen zu sprechen. Die wichtigste Frage, die sich dabei jeder stellen sollte: Was hat Rassismus mit meinem Leben zu tun, wie hat er mich beeinflusst?

Und wie könnte so eine verständnisvolle Sprache konkret aussehen?

Mein Traum ist, dass alle Menschen lernen, über Rassismus zu sprechen, ohne sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Ich kann beispielsweise über die Erfahrung sprechen, dass man mir weniger zugetraut hat in der Schule. Lehrer haben mich ausgelacht, als ich gesagt habe, ich will Abitur machen.

Wenn Sie eine weiße Person sind, können Sie beispielsweise darüber sprechen, wie sich auf Tante Ernas 80. Geburtstag manche Verwandte verständnisvoll für die AfD ausgesprochen haben. Haben Sie in der Schule mal das N-Wort gesungen? Wie wurden Menschen, die so aussehen wie ich, in Ihren Kinderbüchern dargestellt und wie wurden sie gesellschaftlich positioniert? Was haben Sie über muslimische Männer und die sexuelle Potenz von schwarzen Männern gelernt? Wir sollten damit anfangen, uns Geschichten darüber zu erzählen, was uns Rassismus angetan hat. Das ist der erste Schritt für eine friedliche Gesellschaft.

Eltern und Lehrer können Kinder auf Rassismus in Deutschland vorbereiten

Welche Rolle kommt Eltern und Lehrern zu, wenn es um eine Verständigung über Rassismus in unserer Gesellschaft geht?

Es ist schwierig, alle gesellschaftlichen Problemlagen nur auf die Schule abzuwälzen. Auch Eltern sollten ihre Kinder auf Rassismus vorbereiten, können beispielsweise Kinderbücher mit stereotypen Bildern aussortieren. Schwarze Eltern reden regelmäßig mit ihren Kindern über Rassismus, weil sie genau wissen, welche Erfahrungen sie selbst gemacht haben. Weiße Eltern tun hingegen häufig so, als ob sie nichts mit Rassismus zu tun haben. Dabei sollten Eltern, Freunde, alle Menschen regelmäßig über Rassismus sprechen.

Die Kritik an rassistischen Denkmustern sollte aber auch als ganz normale Kompetenz von angehenden Lehrkräften betrachtet werden. Also was passiert Rassismusrelevantes im Unterricht und wie wird im Schulbuch eigentlich Migration verhandelt?

Rassistische Tendenzen haben in den letzten Jahren in Deutschland zugenommen. Stimmt Sie das pessimistisch?

Die Bundesrepublik Deutschland ist im Jahr 2020 so rassistisch wie noch nie in ihrer Geschichte. Gleichzeitig ist sie so rassismuskritisch wie noch nie. Seit dem Einzug der AfD haben sich viele Sagbarkeitsfelder nach rechts verschoben. Vor zehn Jahren war es undenkbar, von einem “Mahnmal der Schande” zu sprechen. Es war undenkbar, dass ein Politiker danach seine Karriere fortsetzen kann. Heute ist das möglich.

Auf der anderen Seite gab es seit 2015 eine Bürgerrechtsbewegung für geflüchtete Menschen. So eine breite Solidarisierung haben wir vorher noch nicht so gelebt. Ich bin also nicht deprimiert, aber ich würde von Gleichzeitigkeiten sprechen. Wir haben eine kleine laute Minderheit, die sich radikalisiert. Aber wir haben auch ganz viele Menschen, die sich zum Beispiel für Geflüchtete einsetzen, für die Umbenennung von Straßen mit rassistischer Konnotation, die auf die Straße gehen und demonstrieren. Ich bin optimistisch. Wir sollten uns alle dafür einsetzen, dass in unserer gemeinsamen Heimat die Würde jedes Menschen respektiert wird und daran mitwirken zu dürfen macht Spaß.

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