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Ranga Yogeshwar: „Corona ist die erste Krise, die wir in Zeiten sozialer Netzwerke erleben“

  • Krisen offenbaren die Schwächen im System, mahnt Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.
  • Im RND-Gespräch erklärt der bekannte Fernsehmoderator unter anderem, wieso Corona-Gegner derzeit besonders stark Gehör finden.
  • Corona bringe aber auch Chancen für die Zukunft: Weil wir in der Kommunikation ehrlicher werden und zugeben, nicht sofort auf alles eine Antwort zu haben.
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Die letzten Monate waren eine große Schulstunde, sagt Ranga Yogeshwar. Kaum einer verkörpert die Begeisterung für Forschung so sehr wie der bekannte Wissenschaftsjournalist, der unter anderem das Fernsehformat „Quarks und Co." moderierte.

Der 61-Jährige gibt sich im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland überzeugt: Bei Corona sind wir alle Zeugen eines beschleunigten wissenschaftlichen Fortschritts. Die große Herausforderung: Das zu kommunizieren und auch mit Ungewissheiten statt klarer Statements leben zu können. Das sei in sozialen Netzwerken aber derzeit kaum möglich.

Sie sind ein berühmter Wissenschaftsjournalist und dafür bekannt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Warum lohnt sich das?

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Wir leben in einer Welt des rasanten Wandels. Das zeigt gerade die Wissenschaft mit ihren Entdeckungen. Schauen wir beispielsweise auf die Genschere Crispr/Cas9. Das klingt für den ein oder anderen vielleicht abstrakt. Aber die Entdeckung aus dem Jahr 2012, für welche die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna zuletzt den Chemienobelpreis verliehen bekommen haben, hat schon heute enorme Auswirkungen. Denn diese Genschere wird bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs genutzt.

Sie sagten einmal in einem TV-Gespräch: „Es gibt Dinge, die auf den ersten Blick ziemlich langweilig aussehen. Aber wenn man sich damit detailliert befasst, öffnen sich Türen.“ Würden Sie diesen Satz auch beim Coronavirus unterschreiben?

Ja, gerade beim Coronavirus ist das offensichtlich. Unsere Generation erlebt derzeit eine der größten Krisen in Deutschland seit langer Zeit. Da ist ein neues Virus und es gibt tausende Fragen. Es gilt genau zu verstehen, wie sich dieser Erreger repliziert, ob sich eine langfristige Immunität bildet, wo die Rezeptoren im Körper anbinden. Wir müssen auch schauen: Welche Optionen gibt es für die nächsten Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre? Die letzten Monate waren eine große Schulstunde und sind Ergebnis von Reflexionsprozessen. Damit werden wir alle Zeugen eines unglaublichen wissenschaftlichen Fortschritts.

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Grautöne statt klare Statements in der Pandemie

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Es ist weiterhin unklar, wie sich die Pandemie weiter entwickelt. Wie gehen Sie mit dieser Ungewissheit um?

Ungewissheit ist die Basis der Wissenschaft. Sie sucht auf der Grundlage von Hypothesen nach sich ständig verändernden Erkenntnissen. Das sind sehr dynamische Prozesse, die auch überraschend sein können. Der normale Bürger und die Politik wollen hingegen sehr schnell sehr klare Statements fassen. Da gibt es keine Grautöne dazwischen. Die große Herausforderung in dieser Phase ist, dass auf der Basis von Ungewissheiten reflektierte Entscheidungen gefällt werden müssen. Das kann auch eine Chance sein: Weil wir in der Kommunikation ehrlicher werden und zugeben, nicht sofort auf alles eine Antwort zu haben.

Wird die Ungewissheit in Pandemiezeiten seitens der Politik gut kommuniziert?

Bei einer großen Mehrheit kommen die Botschaften offenbar an. Es ist uns gelungen, durch Maßnahmen und AHA-Regeln immer wieder Infektionsherde auszutrocknen. Das große Problem liegt meines Erachtens vielmehr in der Irritation durch Scheinwissenschaftler. Im Moment erleben wir in den Medien häufig Einzelpersonen, die in der Öffentlichkeit ohne adäquate Basis Dinge behaupten, die nicht korrekt sind. Das verunsichert die Menschen dann wieder.

Was entgegnen Sie, wenn jemand die Existenz von Corona verneint oder verharmlost?

Es ist sehr wichtig, den Blick in andere Länder zu werfen, wo die Lage um einiges dramatischer ist. Deutschland hatte bislang das Glück, dass vergleichsweise wenige Menschen am Coronavirus gestorben sind. Die konkrete Gefahr erleben viele hierzulande derzeit nicht im persönlichen Umfeld. Gleichzeitig gibt es aber extreme Maßnahmen wie Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen.

Corona-Krise über soziale Medien kommunizieren

Epidemiologen und Virologen nennen das Präventionsparadox.

Genau, es ist ein Dilemma: Wir versuchen uns mit drastischen Mitteln vor einer Gefahr zu schützen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Dieses Problem begegnet uns in der modernen Medizin häufiger. Ich erinnere nur an die Impfmüdigkeit. Das ist heute ganz anders als in meiner Kindheit in Indien. Damals konnte jeder sehr gut sehen, was es bedeutet, sich nicht gegen Polio oder Pocken impfen zu lassen, weil es Erkrankte im eigenen Umfeld gab. Heute sprechen wir bei Masern von einer Kinderkrankheit – und verharmlosen die Gefahr damit völlig.

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Woher kommt das Auseinanderdriften der Gesellschaft – in diejenigen, die die Corona-Krise verharmlosen, und diejenigen, die alles sehr ernst nehmen?

Corona ist die erste Krise, die wir in Zeiten der sozialen Netzwerke erleben. Die Kommunikationsgrammatik ist also eine komplett andere geworden. Auf den Plattformen finden plötzlich Corona-Gegner unglaubliches Gehör. Das hat auch damit zu tun, dass soziale Netzwerke ein ökonomisches Betriebssystem haben. Das heißt, sie verdienen mehr Geld, wenn Leute etwas anklicken und ständig dranbleiben.

Diese Aufmerksamkeit führt ironischerweise zu mehr Fake News, Abschottung und Polarisierung. Meinungen Einzelner kommen plötzlich so rüber, als wären sie wissenschaftlich belegbar. Eine gute Demokratie braucht Räume, in denen kontrovers, aber fair miteinander umgegangen wird. Um den Pluralismus in einer offenen, transparenten Gesellschaft zu erhalten, braucht es wieder mehr Orientierung an Fakten.

Bessere Lösungen finden für die Zukunft

Sehen Sie denn Chancen durch die Corona-Krise?

Veränderungen bedeuten auch immer, nach einer besseren Lösung zu suchen. Es gibt jetzt die Chance, sich zu fragen: Muss das alles weiter so laufen wie bisher? Krisen offenbaren die Schwächen im System. Beispielsweise bei der Digitalisierung in Schulen, da stehen wir weit hinter anderen Ländern. Plötzlich wird sehr klar, dass wir da aufholen müssen.

Ein persönliches Beispiel: Früher war ich oft unterwegs, morgens im Flieger nach Berlin, zwei Stunden Meeting und wieder zurück. Da sage ich inzwischen, das ist doch ziemlicher Schwachsinn. Warum muss ein Mensch eine Reise machen, enorme Ressourcen und Zeit verbrauchen, nur um in einer Besprechung zu sitzen? Durch Corona habe ich definitiv gelernt, dass das auch elektronisch geht. Ich sehe dabei allerdings auch die Gefahr, dass die Gesellschaft durch Homeoffice in digitale Inseln verfallen könnte. Es braucht weiterhin Orte, wo wir uns direkt austauschen und eine Meinung bilden können.

Was macht Ihnen Mut, den Corona-Winter zu überstehen?

Das ist eine echte Krisenzeit, die nicht spurlos an uns vorbeiziehen wird. Was von uns gefordert ist, kann existenzbedrohlich, schwierig und nervig sein. Es wird Gewinner und Verlierer der Krise geben. Da braucht es Fairness innerhalb der Gesellschaft. Wir sollten uns sagen: Das stehen wir jetzt gemeinsam durch. Es braucht auch die Hoffnung, dass sich die Situation irgendwann wieder entspannen wird. Bis dahin lassen sich bei all den Einschränkungen auch schöne Dinge im Kleinen entdecken.

Über Herausforderungen und Chancen in der Corona-Krise spricht Ranga Yogeshwar auch bei der Digitalkonferenz der Apothekerkammer Niedersachsen – am Donnerstag, 22. Oktober, ab 9.30 Uhr. Das ausführliche Programm ist auf der Website der Apothekerkammer Niedersachsen zu finden. Den Vortrag gibt es im Livestream unter: https://www.apothekerkammer-niedersachsen.de/digitalkonferenz_livestream.php.

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