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Physiker Harald Lesch zur nächsten Krise: „Der Klimawandel ist eine Corona-Pandemie über Jahrzehnte“

  • Harald Lesch beobachtet als Wissenschaftler die Welt der Forschenden mit kritischem Blick.
  • Der Fernseh­moderator und Autor des Buches „Denkt mit!“ zieht im RND-Interview ein Fazit zur Pandemie.
  • Der Wissenschaftler fordert aber auch Konsequenzen, die sich aus den Corona-Erfahrungen für die Zukunft ergeben sollten.
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Welche Lehren gilt es aus der Pandemie und dem Umgang mit ihr aus wissenschaftlicher Sicht zu ziehen? Der Wissenschaftler Harald Lesch, der sich in einer eigenen Fernsehsendung mit der eigenen Zunft auseinandersetzt, schaut im RND-Gespräch auf die vergangenen Monate zurück. Doch Lesch schaut auch nach vorn und schildert, was jetzt oberste Priorität haben sollte: die Energiewende.

Herr Lesch, Sie sind selbst Wissenschaftler, berichten in Ihrer Sendung „Leschs Kosmos“ über neueste Erkenntnisse aus der Welt der Forschenden und haben gerade ein mahnendes Buch mit dem Titel „Denkt mit!“ veröffentlicht. Wie lautet Ihr persönliches Krisenfazit in dieser Phase der Pandemie, also im Juni 2021?

Harald Lesch: Wir sind noch einmal davongekommen. Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Das klingt jetzt etwas zynisch, angesichts der fast 90.000 Toten und all der Kollateralschäden. Allein schon, wenn ich daran denke, was die Krise mit Kindern und Jugendlichen gemacht hat. Aber wenn man sich einmal überlegt, wie schnell wir mit Impfstoffen darauf reagiert haben, muss man sagen: Da haben wir wirklich noch einmal Glück gehabt. Es ist der Wissenschaft zu verdanken, dass die Zukunft wahrscheinlich wieder ähnlich aussehen kann wie vor Corona.

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Pandemien sind tückisch, niemand weiß wirklich, wie sich die Lage entwickelt. Neben den Impfstoffen hat die Wissenschaft deshalb auch immer wieder Szenarien berechnet und Strategien zur Eindämmung empfohlen. Wurde das ernst genug genommen?

Die Politik war während der ersten Welle im Frühjahr 2020 am erfolgreichsten, als sie den wissenschaftlichen Empfehlungen noch vollständig gefolgt ist. Auch die Bevölkerung stand am Anfang quasi einstimmig dahinter. Im Herbst vergangenen Jahres gab es dann aber plötzlich eine Abkehr vom Konsens unter Forschenden. Ich hatte das Gefühl, dass die Entscheiderinnen und Entscheider nach dem ziemlich guten Sommer gedacht haben: Jetzt ist es vorbei, wir haben das Schlimmste hinter uns.

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Nun wissen wir, dass dem nicht so war. Welche Lehre nehmen Sie aus dieser Erfahrung mit?

Dieses merkwürdige Zerwürfnis zwischen Politik und Wissenschaft kann man nicht gutheißen. Das zeigt, dass noch nicht verstanden worden ist, wie wichtig die Vorhersagen aus der Forschung sind. Es wäre uns viel erspart geblieben, wenn man sich im November noch einmal für einen richtig harten Lockdown wie im Frühjahr entschieden hätte – statt für einen mittelstarken, der sich über fünf Monate zieht. Diese Erfahrung zeigt, dass man sich für die Zukunft besser überlegen muss, wie ein Masterplan aussieht, um in solchen Krisen schnell und effizient agieren zu können.

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Harald Lesch (60) ist Astrophysiker, Fernsehmoderator und Autor. Er ist Professor für Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. © Quelle: Isabell Grubert/Random House

Eine weitere Krise läuft parallel, auch wenn die Bedrohung dabei eher schleichend kommt. Was können wir aus der Corona-Zeit für die Herausforderungen des Klimawandels mitnehmen?

Wir müssen begreifen, dass es hier um globale Naturkatastrophen geht. Ich glaube, dass dafür die Klarheit von wissenschaftlichen Tatsachen in Gesellschaft und Politik mehr Relevanz braucht. Seit 50 Jahren läuft die Klimaforschung, alle Tatsachen dazu liegen auf dem Tisch, werden aber oft verdreht oder verschoben. Wenn wir aber jetzt nichts machen, dann war es das. Weder mit Viren noch mit dem Klima kann man Kompromisse schließen. Das lässt sich mit einem riesengroßen und sehr langen Vulkanausbruch vergleichen. Mit dem kann man auch nicht lange verhandeln.

Macht Ihnen das Klima mehr Angst als Corona?

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Ich bin inzwischen geimpft, weshalb Corona für mich persönlich wieder mehr in den Hintergrund tritt. Ich muss mich glücklicherweise nicht mehr vor einer schweren Erkrankung fürchten. Das Klima und die globale Erwärmung sind für mich der Elefant in der Küche der Katastrophen. Der Klimawandel ist eine Corona-Pandemie über Jahrzehnte. Dafür braucht die Politik endlich einen Plan.

Wird in diesem Plan auch der Verzicht wieder zum Alltag gehören müssen?

Beim Coronavirus mussten wir unser Verhalten kurzfristig ändern, auf Kontakte verzichten zum Beispiel. Beim Klimawandel wird aber das ganze Land von Grund auf neu strukturiert werden. Wir werden uns anders fortbewegen, auf andere Weise Energien freisetzen, sogar die Ernährungsweise verändern. Und wenn ich mir anschaue, was wir schon jetzt für Widerstände beim Masketragen und Abstandhalten erleben mussten, mag ich mir gar nicht vorstellen, welche gesellschaftlichen Kämpfe es geben wird, wenn wir wirklich in die Energiewende einsteigen. Das wird eine noch viel größere Herausforderung als die Corona-Pandemie.

Gibt es auch Dinge aus der Corona-Zeit, die Sie positiv stimmen, dass wir auch die Herausforderungen der Klimakrise meistern werden?

Corona hat gezeigt, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung dem wissenschaftlichen Fortschritt und neuen Technologien großes Vertrauen entgegenbringt. Wir haben also quasi den Test bestanden. Ich glaube deshalb auch, dass wir eine Menge darüber gelernt haben, dass es ein Fehler sein kann, wenn Skeptikerinnen und Skeptikern, Verschwörungsideologien oder einzelnen Politikern, die wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel ziehen, zu viel Raum gegeben wird. Diejenigen, die am lautesten schreien, sind nicht unbedingt diejenigen, die eine Mehrheitsmeinung präsentieren.

Angst, Skepsis und Unsicherheit können auch auftreten, wenn Fachleute in der Öffentlichkeit unterschiedliche Dinge sagen. Woran erkenne ich als Laie echte Expertinnen und Experten?

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Das ist eine schwierige Sache. Am wichtigsten ist es, sich Zeit zu nehmen. Meinungsbildung geht ja in diesen Zeiten sehr schnell. Aber Erkenntnisbildung dauert deutlich länger. Ich empfehle da, nicht auf jede Leimspur aufzuspringen, sondern sich lieber zu fragen, was Hysterie in Krisen eigentlich nutzen soll. Beschreiben wir die aktuelle Situation einmal als Notfall. Was nützt Ihnen im Notfall ein Arzt, der womöglich schreiend davonläuft, weil er das Gefühl hat, da lässt sich gar nichts machen? Also lieber erst mal ruhig bleiben, sich orientieren, nach und nach einordnen.

Das kann für Menschen ohne große Corona- oder Klima-Expertise auch anstrengend und fordernd sein. Wie kann die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen Spaß bringen?

Wie wir kommunizieren, arbeiten, leben, unsere Freiheitsrechte nutzen – das ist alles das Ergebnis von wissenschaftlicher Forschung. Deshalb muss man gar nicht auf den Spaßfaktor abzielen. Wissenschaft ist der dominierende Teil unseres Lebens. Wenn Sie ein Smartphone anwerfen, den Computer, zum Arzt gehen – da ist überall Wissenschaft, Wissenschaft, Wissenschaft. Alle Freiheiten, die wir Menschen in diesem Land haben, haben etwas mit Wissenschaft und Technologien zu tun. Das dürfte doch schon Anreiz genug sein. Wenn wir uns dem nicht stellen, bekommen wir unter Umständen auch gar nicht mit, welche Grenzen und Nachteile das Ganze hat.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen auch aufpassen, dass Wissenschaft und Technik sich nicht einfach so vor sich hin entwickeln. Sonst ist die Verwunderung am Ende groß, was zum Beispiel mit den Algorithmen angestellt wurde. Beim Thema künstliche Intelligenz läuft im Moment eine Menge, alle reden davon, aber niemand schaut wirklich hin und weiß, wohin diese Entwicklung am Ende führen wird. Es müssen da endlich Rahmenbedingungen und Wertvorstellungen klar formuliert werden. Ich kritisiere, dass wir das Internet nicht regulieren. Dadurch bleiben wesentliche Ungerechtigkeiten bestehen.

Debatten werden dazu, auch unter Fachleuten, teils sehr emotional geführt und enden oft im Streit.

Wenn es um Werte geht und die Frage, wie wir leben wollen, kann man sich natürlich streiten. Aber was die Tatsachen betrifft, dabei sollte man ruhig bleiben und die Dinge so nehmen, wie sie sind. Es gibt da auch ganz klar ein Spannungsverhältnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Die einen schreien nach Freiheit, die anderen wollen wissen, wie das überhaupt funktioniert.

Fällt Ihnen etwas ein, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt?

Am Ende hilft es nur, wenn sich alle an einen Tisch setzen und sich auch intern als eine wissenschaftliche Community begreifen. Also manierlich und mit Stil miteinander sprechen – noch bevor die Öffentlichkeit daran teilnimmt, die dann oft gar nicht wirklich versteht, worum es beim Streit zwischen Fachleuten denn nun eigentlich geht. Das ist sowieso das Allerwichtigste: Es darf nicht so sein, dass sich Hysterie und Hass in den wissenschaftlichen Diskurs einschleichen. Wissenschaft muss immer cool bleiben, darf nichts persönlich nehmen. Es muss immer darum gehen, der Sache zu dienen.

Zeigt der bisherige Umgang mit Themen wie der Pandemie­bekämpfung, der Digitalisierung, dem Klimaschutz, dass die Wissenschaft eine größere Lobby bräuchte?

Wenn ich mir anschaue, wie stark die Wirtschaft von wissenschaftlichen Erkenntnissen und technologischen Entwicklungen abhängig ist, ist es mir immer wieder ein Rätsel, dass zwar Wirtschaftsleute einen unglaublichen Einfluss auf die Politik nehmen, aber diejenigen, die dafür sorgen, dass es überhaupt die Produkte gibt, die man verkaufen kann, treten quasi nicht auf. Ökonomische Beraterinnen und Berater gibt es zuhauf, aber viel zu wenig Naturwissen­schaftlerinnen und Naturwissenschaftler. Eigentlich ist das ein Witz und auch etwas merkwürdig.

Glauben Sie denn, dass durch die Krisenerfahrung neuer Schwung in die Gesellschaft kommen wird? Stichwort Bildung zum Beispiel.

Schauen wir mal. Jetzt ist die große Chance dafür. Und die sollte auf jeden Fall wahrgenommen werden, gerade um Schulen, Unterricht und Universitäten innovativer zu gestalten, neue Dinge auszuprobieren und auch mal wieder etwas zu riskieren. Ich hoffe, dass da nach dieser Pandemie richtig viel los ist.

Und wenn doch alles so bleibt wie zuvor?

Es wäre wirklich fatal, wenn alles so bliebe, wie wir es von vor der Krise kennen. Das Gute ist ja, dass selbst wenn beim Ausprobieren Fehler passieren, diese durch die Krisenerfahrung in unserer Gesellschaft wahrscheinlich großzügiger behandelt werden als noch vor Corona. Der berühmte spahnsche Satz „Wir werden einander viel verzeihen müssen“ steht da sinnbildlich für unsere neue Fehlerkultur.

Wie stellen Sie sich die Welt in zehn bis zwanzig Jahren vor?

(lacht) Keine Ahnung. Vieles fällt und steht mit dem Frieden auf der Welt. Wenn die Voraussetzungen dafür da sind, dass Menschen friedlich und gerecht miteinander leben können, haben wir eine goldene Zukunft vor uns. Wenn uns das nicht gelingt und die Ungleichgewichte global wie national immer größer werden, dann steht uns eine Zeit voller Konflikte und Krisen bevor. Das zu verhindern ist die große Aufgabe – und da kann Wissenschaft eine wichtige Rolle bei spielen. Zentral ist aber auch die Stärkung von Kooperationen statt dem Wettbewerbsgedanken.

Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Denkt mit!: Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann, Penguin, 128, Seiten, ISBN: 978-3-328-60221-7, 14 Euro. © Quelle: Random House/Penguin

Haben Sie ein Beispiel?

Die Energiewende funktioniert meines Erachtens zum Beispiel nur als Genossenschafts­modell. Es wird nicht funktionieren, das einzelnen Unternehmen zu überlassen. Alle Menschen müssen beteiligt werden, damit auch alle davon profitieren. Auch wenn es um Mobilität geht, werden wir uns wieder mehr teilen, wenn ich zum Beispiel an Ansätze wie Carsharing denke. Anders wird uns der Klimaschutz nicht gelingen.

Jetzt ist erst mal das Virus auf dem Rückzug, ein vorläufiger Erfolg, der wieder einen entspannteren Alltag zulässt. Worauf freuen Sie sich in diesem Sommer am meisten?

Ich will bald alle Freunde sehen, die ich monatelang nicht besucht habe. Und natürlich freue ich mich auf die vielen Feste, die in den letzten Monaten verschoben werden mussten und demnächst nachgefeiert werden.

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