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Neue Forschungen: Neandertaler waren keine einfältigen Kraftprotze

  • Lange galten Neandertaler als primitive Eiszeitjäger, gerade einmal klug genug, um ein Mammut zu töten.
  • Doch mit jedem Fund ändert sich das Bild unserer engsten Verwandten, deren Gene wir bis heute in uns tragen.
  • So konnten die Neandertaler mit ziemlicher Sicherheit auch sprechen.
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Neandertaler waren zähe Zeitgenossen. Mit kaum 1,70 Meter zwar eher klein gewachsen, dafür aber kräftig und geschickt im Umgang mit dem Speer. Um diese Jäger machten auch die urzeitlichen, knapp 100 Kilogramm schweren Hyänen lieber einen Bogen. Tot waren die Neandertaler offensichtlich schmackhaft genug. Zeugnisse davon fanden italienische Archäologen gerade tief in der Guattari-Höhle, knapp 100 Kilometer von Rom entfernt: Schädelknochen, Kiefer, Mittelknochen eines Daumens, einen Unterschenkel. Vermutlich zogen Raubtiere ihre Beute in die Höhle, um ungestört zu fressen.

Des einen Leid, des anderen Freud. Für die Forscher ist der Fund ein Glückfall, lagen die Knochen doch 50.000 Jahre durch Geröll vor Umwelteinflüssen geschützt. Damit stehen die Chancen gut, dass Erbgutreste erhalten sind. Und das verspricht neue Erkenntnisse über die Lebensbedingungen im Südeuropa vor gut 70.000 Jahren und die steinzeitlichen Verwandtschafts­verhältnisse. So zeigten ähnliche Erbgutanalysen, dass Neandertaler sehr mobil waren und in kleinen Gruppen große Strecken zurücklegten. Diese Gruppen waren verhältnismäßig eng miteinander verwandt. Vermutlich lebten selbst zur Hochzeit kaum mehr als 10.000 Neandertaler gleichzeitig, gut verstreut vom kalten Norden bis weit in den Mittelmeerraum. Doch wer waren eigentlich unsere nächsten Verwandten, die immerhin mehr als 350.000 Jahre die Welt durchstreiften?

Genetische Analyse veränderte unser Neandertaler-Bild

Genau dieser Frage widmet sich Ralf Schmitz vom Landesmuseum Bonn seit fast 30 Jahren. In den Neunzigerjahren war er als Doktorand an der ersten Genanalyse beteiligt, und zwar an dem namensgebenden Skelett aus dem Neandertal, bis heute in Bonn zu bewundern. „Die Analyse des Erbguts war nicht weniger als eine Zeitenwende in der Wissenschaft. Die Archäologie steckte damals in Sachen Neandertaler in der Sackgasse“, erinnert sich Schmitz. Zwar hatte man in ganz Europa, dem Nahen Osten, Asien und dem westlichen Sibirien Spuren der Urzeitmenschen gefunden. Über ihre Lebensweise wusste man trotzdem wenig. Die Neandertaler galten als einfältige Kraftprotze, gut angepasst an die Eiszeit und die Mammutjagd, dem modernen Homo sapiens aber heillos unterlegen.

„Neuere Forschung hat uns eines Besseren belehrt. Unsere engsten Verwandten haben sich im Laufe der Jahrtausende weiterentwickelt und waren sozial, beherrschten das Feuer und konnten sogar feine Steinwerkzeuge herstellen“, sagt Schmitz. Ein paar Beispiele für diese moderne Forschung: 2018 untersuchten Senckenberg-Wissenschaftlerin Katerina Harvati und ihre Kolleginnen Handknochen und fanden heraus, dass die Neandertaler im Alltag viele präzise Griffe ausführten. Auch sprechen konnten die Neandertaler mit ziemlicher Sicherheit. Das hat eine Analyse eines 60.000 Jahre alten Neandertaler-Schädels ergeben. Die Bänder und Sehnen am Zungenbein sorgten für die notwendige Beweglichkeit der Zunge. Erbgutanalysen zeigen außerdem, dass einige Eigenschaften des für Sprache wichtigen sogenannten FOXP2-Proteins ebenfalls vorhanden waren. Nur wie komplex die Sprache der Neandertaler war, lässt sich nicht genau sagen. Es muss aber gereicht haben, um Wissen über Feuer oder Werkzeuge an Gruppenmitglieder und Kinder weiterzugeben.

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Der Neandertaler als soziales Wesen

Wie sozial die Neandertaler waren, zeigen Funde aus dem heutigen Irak. Hier wurden Skelette gefunden, die offensichtlich begraben wurden. Für sie wurden einen Meter tiefe Gräber ausgehoben und ihre Körper, teils auf dem Rücken liegend, teils in gehockter Stellung, wurden hineingelegt. Die spezielle Ausrichtung des Leichnams ist aus Sicht der Forscher ein Indiz dafür, dass es sich um eine Bestattung mit Absicht gehandelt habe. Ein weiterer, sehr spannender Fund stammt aus der Krapina-Höhle bei Zagreb. Dort wurde ein Mensch entdeckt, der vermutlich bei der Jagd einen halben Unterarm verloren hatte. Seine Wunden waren gut verheilt, verstorben ist er erst Jahre nach der Verletzung.

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„Das spricht dafür, dass man sich in der Gruppe umeinander kümmerte und Mitglieder mit Handicap versorgt wurden, obwohl sie vielleicht bei der Jagd nicht mehr nützlich waren“, erklärt Herve Bocherens, Paläontologe vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment. Auch andere bisherige Abgrenzungen zum modernen Menschen geraten wissenschaftlich ins Wanken. Inzwischen weiß man, dass Neandertaler nicht gebückt gingen, sondern sehr wohl aufrecht.

Außerdem wurden sie auch nicht schneller erwachsen als die heutigen Schimpansen, sondern genossen wie wir eine ausgeprägte Kindheit. Vielleicht kannten sie sogar Kunst und Musik. Erste Hinweise darauf gibt es bereits. Nicht einmal die These einer fast ausschließlich fleischlichen Ernährung hat sich bestätigt. Die Zähne aus der Guattari-Höhle deuten auf vegetarische Nahrung hin, auch Fisch und Pflanzen standen neben Fleisch auf dem Speiseplan. „Die Neandertaler waren vermutlich ziemlich flexibel und anpassungsfähig“, sagt Bocherens.

Wir tragen das Erbe der Neandertaler in uns

Doch wenn sie uns so ähnlich waren, warum verschwanden sie? Auf diese Frage kennt die Wissenschaft noch keine abschließende Antwort. Nur eines ist sicher. Etwa 10.000 Jahre vor dem Verschwinden tritt der Homo sapiens in Europa auf den Plan. Mit welchen Folgen, ist unklar, Theorien gab es schon viele. Vielleicht brachte der moderne Mensch neue Krankheiten aus Afrika mit oder vielleicht gab es kriegerische Auseinandersetzungen. Stichhaltige Beweise für diese Thesen wurden bisher nicht gefunden.

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Auch ein sich wandelndes Klima und mehr Konkurrenz um die Nahrung könnten eine Rolle gespielt haben. „Am Ende brauchte es vermutlich nur einen kleinen Schubs. Es gab nicht sehr viele Neandertaler, und schon ein leichter Anstieg der Sterblichkeit genügte wohl, um über 10.000 Jahre für ihr Verschwinden zu sorgen“, sagt Schmitz. Von einer sehr spannenden, ebenfalls nicht abschließend geklärten These berichtet sein Tübinger Kollege, und zwar der „Assimilation“. So könnten die Neandertaler im modernen Menschen „aufgegangen“ sein, sagt Bocherens. Für die Fortpflanzung zwischen beiden gibt es inzwischen einige Belege. Die Neandertaler-Gene könnten im Laufe der Zeit zurückgedrängt worden sein, der Homo sapiens war allein zahlenmäßig hier klar im Vorteil.

Ganz ausgestorben sind die Neandertaler nie

Nur eines ist sicher: Ganz ausgestorben sind die Neandertaler nie. So zeigten Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, dass rund 40 Prozent der Neandertaler-Gene die Jahrtausende überlebt haben. Bis heute trägt jeder von uns einen kleinen Anteil davon in sich. Etwa 1,5 bis 2,2 Prozent unseres Genoms geht auf die Urmenschen zurück. Das mag wenig klingen, hat aber durchaus Auswirkungen auf unser Leben. So zeigten aktuelle Untersuchungen des Evolutionsbiologen Svante Pääbo, dass bestimmte Gene das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung senken oder erhöhen können.

Neu sind solche Erkenntnisse nicht. Schon 2014 fanden Forscher der Harvard University heraus, dass die genetischen Überreste der Neandertaler möglicherweise die Wahrscheinlichkeit für Typ-2-Diabetes, Morbus Crohn und die Autoimmunerkrankung Lupus steigern. „Wir beginnen erst zu verstehen, welche Auswirkungen der Kontakt zwischen Homo sapiens und Neandertalern auf unser heutiges Leben hat. Für die Behandlung von Krankheiten ist das immens wichtig“, sagt Bocherens. So lernen wir mit jedem neuen Fund nicht nur mehr über das urzeitliche Leben der Neandertaler, sondern verstehen auch, welchen Einfluss unsere Wurzeln bis heute haben.

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