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Neophytenexperte: Einwandernde Pflanzen sind eher Bereicherung als Problem

  • Rund 2000 pflanzliche „Neubürger“ gibt es in Mitteleuropa, sagt Norbert Griebl.
  • Im Interview erklärt der Kräuterpädagoge und Buchautor, warum diese Pflanzen aus seiner Sicht eher Bereicherung als Problem sind.
  • Außerdem liefert er Denkanstöße, wieso wir Neophyten für das sich ändernde Klima brauchen könnten.
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Stainz/Österreich. Neophyten, das sind Pflanzen, die sich an Orten ausbreiten, wo sie eigentlich nicht heimisch sind. Hin und wieder landen einige Arten in den Schlagzeilen – weil sie den Menschen oder das Ökosystem gefährden. Ob der schlechte Ruf der Neophyten gerechtfertigt ist, kann der Kräuterpädagoge Norbert Griebl einordnen. Der Österreicher hat den „Naturführer Neophyten” (Kosmos, 40 Euro, 496 Seiten) geschrieben, in dem er – laut Aussage des Verlages – alle nicht heimischen Arten im deutschsprachigen Raum beschreibt. Im RND-Interview bricht Griebl eine Lanze für die botanischen Einwanderer.

Herr Griebl, Menschen mit Allergien fürchten Ambrosia, der Riesenbärenklau kann einem die Haut verbrennen. Wenn Neophyten Schlagzeilen machen, dann meist negative. Sind sie denn grundsätzlich gefährlich?

Norbert Griebl: Nein. Ich würde Neophyten keinesfalls grundlegend als negativ bewerten. Rund 2000 pflanzliche Neubürger gibt es in Mitteleuropa, neben den Neophyten auch Adventive. Zur Erklärung: Neophyten sind Pflanzen, die in einer Region ursprünglich nicht heimisch waren, sich dann aber über mehrere Generationen selbstständig vermehrten. Adventive Arten sind ebenfalls nicht heimisch. Sie schaffen es aber – anders als die Neophyten – nicht, sich längerfristig zu behaupten. Meist verschwinden sie nach einigen Jahren wieder.

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Norbert Griebl ist Gärtner, Neophyten-Experte und Kräuterpädagoge. © Quelle: Norbert Griebl

Warum beurteilen Sie Neophyten nicht als grundlegend negativ?

Sie siedeln in Mitteleuropa an vielen Orten, die sonst kahl und grau wären. Man denke nur an die Autobahnränder: Mittlerweile wachsen dort salzliebende Pflanzen, die das im Winter verteilte Streusalz vertragen. In einigen stillgelegten Industriegebieten wachsen Amarant und Büschelrose, wo sonst nichts wachsen würde. Das ist eine Bereicherung, weil sie diese Standorte ökologisch aufwerten. Sie spenden den Insekten Nektar und Pollen. Für andere Tiere bieten sie Früchte.

Aber wie kommt es dann, dass Neophyten so einen schlechten Ruf haben?

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Wenn von Neophyten die Rede ist, geht es meist nur um die invasiven Arten. Das sind jene, die sich unbändig ausbreiten und dadurch eine mögliche Gefahr für beispielsweise die heimische Vegetation darstellen. Davon gibt es in Österreich zurzeit etwa 20, für Deutschland sind die Zahlen ähnlich.

Was für Probleme bringen diese invasiven Arten in Deutschland mit sich?

Manche invasiven Neophyten sind tatsächlich problematisch. Etwa der Staudenknöterich: Durch seine monotonen Uferbewüchse kann er zu Verklausungen (Verstopfungen von Fließgewässern, Anm. d. Red.) führen und dadurch Überschwemmungen verursachen. Ein anderes Beispiel ist die Robinie – ein sehr schöner, aber giftiger Baum. Die Dornen verursachen monatelang starke Ausschläge und Schmerzen. Außerdem nimmt die Robinie Stickstoff aus der Luft aus und lagert ihn im Boden ein. Das ist ein Problem für immer seltener werdende Magerwiesen. Steigt der Stickstoffgehalt im Boden, verdrängen andere Pflanzen die eigentlich dort wachsenden. Die Artenvielfalt verringert sich dadurch extrem.

Bei anderen Arten wie der Herkulesstaude ist es wichtig, dass wir Menschen den Umgang mit diesen Pflanzen lernen. Wir sollten wissen, dass sie bei Sonnenschein möglichst nicht berührt und schon gar nicht gemäht werden darf, weil sie gefährliche, phototoxische Stoffe enthält. Das können Menschen aber lernen. Dieses Wissen wird mit der Zeit genauso selbstverständlich werden, wie dass wir keine Tollkirschen essen dürfen.

Einer der in Deutschland am häufigsten vorkommenden Neophyten: das Drüsige Springkraut. © Quelle: Norbert Griebl
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Welche Neophyten sind in Deutschland besonders häufig?

Zu den häufigsten Arten zählen sicher Staudenknöterich, Goldrute und Drüsiges Springkraut. Alle drei wurden als Zierpflanzen und Bienenweiden eingeführt. Sie fühlen sich in Deutschland so wohl, dass sie bereits riesige Flächen einnehmen. Ambivalent ist teilweise auch unser Umgang mit Neophyten. So wird etwa der Blauglockenbaum als invasive Art verteufelt, andererseits als Holzlieferant der Zukunft gefördert.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Neophyten?

Ja, es ist deutlich erkennbar, dass vor allem wärmeliebende, nährstoffliebende Arten bei uns neu siedeln. Es werden auch immer schneller und häufiger neue Arten an Orten gemeldet, wo sie vorher nicht wuchsen. Wenn sich das Klima ändert, dann ändert sich auch automatisch die Pflanzenwelt. Das ist ganz normal und völlig natürlich.

Deutschland und Österreich profitieren insoweit von den Neophyten, als dass sie immer artenreicher werden. Außerdem verwildern auch Kulturpflanzen. An vielen Standorten, selbst in Norddeutschland, kann man wilde Tomaten finden. An einigen Stellen wachsen sogar kleine, wilde Wassermelonen oder wilde Kiwis.

Wirken sich einige Neophyten schon jetzt positiv auf das Klima aus – und können sie vielleicht sogar dabei helfen, Klimaziele umzusetzen?

Naja, das kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber allein dadurch, dass sie Orte besiedeln, wo vorher nichts gewachsen ist, schützen solche Pflanzen den Boden vor Erosionen, etwa durch Starkregen. Jede Art von Bepflanzung ist gut für das Klima, den Boden und den ganzen Naturhaushalt. Man sollte sich auch die Frage stellen, ob in fernerer Zukunft vielleicht nicht gerade Arten wie der als invasiv geltende Blauglockenbaum in der Lage sind, mit den neuen Klima- und Standortbedingungen klarzukommen.

Vielleicht sollten wir dankbar sein für diese Arten, auch wenn wir sie jetzt noch mehr oder weniger bekämpfen. Wir wissen nicht, wie das Klima in 50 Jahren ausschaut – und auf welche Pflanzen wir dann angewiesen sind.

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