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Nachhaltigkeitsexpertin Maja Göpel: „Ich will eine Bildungsrevolution“

  • Die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Göpel setzt auf neues Wissen und neue Kompetenzen.
  • Im RND-Interview zur Themenwoche „Wie wollen wir leben?“ erklärt sie, wie sich eine neue Wirtschaftsordnung vorstellt.
  • Göpel sagt: „Ich will nicht nur Klimaschutz als Unterrichtsfach, sondern ich will eine Bildungsrevolution.“
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21:52 min
Die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Göpel setzt auf neues Wissen und neue Kompetenzen. Im RND-Interview zur Themenwoche „Wie wollen wir leben?“ erklärt sie, wie sich eine neue Wirtschaftsordnung vorstellt. Göpel sagt: "Ich will nicht nur Klimaschutz als Unterrichtsfach, sondern ich will eine Bildungsrevolution."  © RND
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Frau Göpel, während des Corona-Lockdowns im Frühjahr konnten wir beobachten, dass bei geringerer Wirtschaftsleistung Klima und Umwelt weniger leiden. Brauchen wir eine neue Wirtschaftsordnung?

Ja. Aber ich glaube, die Frage stellt sich gar nicht mehr. Zumindest nicht, wenn ich mit Vertretern und Vertreterinnen der Wirtschaft spreche. Dort begegne ich großer Offenheit. Viele sprechen darüber, dass sich Geschäftsmodelle verändern werden. Dafür ist ja nicht nur die Nachhaltigkeitsdebatte eine Ursache, sondern auch die Digitalisierung. Ich finde es sehr ermutigend, dass aus der Wirtschaft immer mehr Stimmen zu hören sind, die einen Green Deal und klimapolitische Begleitung für notwendig erachten.

Was bedeutet denn konkret eine neue Wirtschaftsordnung?

Dass sich der Ordnungsrahmen, in dem sich wirtschaftliche Akteure verhalten, in dem sie investieren, innovieren und produzieren können, verändern wird. Es müssen Voraussetzungen geschaffen werden, damit es nachhaltige Produkte und Dienstleistungen leichter haben, im Markt Verbreitung zu finden. Aktuell drückt der Ordnungsrahmen Richtung Externalisierung ökologischer Kosten, Steigerung sozialer Ungleichheit und Kurzfristigkeit bei der Kapitalrendite.

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Wir erleben seit dem Beginn der Corona-Pandemie einen starken Staat, der allerlei Regeln und Verbote erlässt. Fordern Sie diesen starken Staat auch beim Klimaschutz?

Es geht gar nicht anders. Wer sonst soll die aktuelle Ordnung durch eine andere ersetzen? Ich weiß nur nicht, ob ich es „starken Staat“ nennen würde. Wir haben 2011 beim WBGU (dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, d. Red.) vom „gestaltenden Staat“ geschrieben. Aber egal, wie man dazu sagt. Es ist doch absurd, in Zeiten, in denen wir darüber diskutieren, dass Digitalkonzerne keine Steuern zahlen und Finanzkonzerne ganze Volkswirtschaften bedrohen oder dass eine Handvoll Agrarrohstoffkonzerne 70 Prozent des Welthandels kontrollieren, zu sagen: „Der Staat darf den Markt nicht stören.“

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Worum geht es dabei genau?

Es geht in vielen Bereichen mittlerweile um die Rettung der marktwirtschaftlichen Ordnung. Und um ein Verhindern von zu starker Macht in den Händen privater Akteure. Ein Wiedererstarken der öffentlichen Hand und gemeinwohlorientierter Instanzen – da hat Corona den Beweis gebracht – ist sinnvoll. Die Corona-Krise war in den Ländern einfacher zu parieren, in denen Elemente der Daseinsfürsorge noch öffentlich organisiert sind.

Maja Göpels Buch "Unsere Welt neu denken" (208 Seiten, 17,99 Euro) ist bei Ullstein erschienen. © Quelle: Ullstein

Wünschen Sie Ihren zwei kleinen Töchtern, dass sie einmal das Schulfach „Klimaschutz“ haben werden?

Wir Transformationsforscherinnen und Transformationsforscher sind ja bekannt dafür, groß und weit zu denken. Ich will nicht nur Klimaschutz als Unterrichtsfach, sondern ich will eine Bildungsrevolution.

Was heißt das konkret?

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Es geht um die Frage, welche Bildung den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entspricht. Es geht nicht nur um Wissen, sondern um Kompetenzen: Wie kann ich mit Multiperspektivität umgehen? Wie kann ich Kritik äußern, ohne gleich jemanden fertigzumachen? Wie kann ich es durchhalten, wenn Dinge nicht sofort funktionieren? Es ist also nicht nur entscheidend, was wir uns als Wissen aneignen, sondern auch, wie wir uns dieses Wissen aneignen und wie wir es dann nutzen, um selbst kreativ zu werden. Der Learning Compass 2030 der OECD hat dazu den schönen Slogan „Learn, Unlearn, Relearn“. Wir müssen bestimmte Aspekte, wie wir auf die Welt schauen, wieder verlernen, damit wir die Zusammenhänge, das Systemische und die Frage, warum das Soziale und das Ökologische miteinander verbunden sind, wieder verstehen können.

Wie ist es mit der Digitalisierung?

Dort sind ganz ähnliche Kompetenzen wie bei der Nachhaltigkeit gefordert, um mit der schnell veränderlichen komplexen Welt gut umgehen zu können. Ich habe das mal nebeneinandergelegt: Der einen Seite fehlt ein wenig das Grüne, der anderen ein wenig das Digitale. Aber sonst ist da eine Riesenübereinstimmung zwischen Konzepten der Bildung für nachhaltige Entwicklung und der für digitale Intelligenz. Deshalb: Lasst uns eine ganzheitliche Bildungsrevolution daraus machen, ein Update, um beide Transformationen zusammen angehen zu können. Also bitte nicht nur auf Whiteboards und Tablets setzen: Wir wollen nicht nur Anwenderinnen, sondern Gestalterinnen der digitalen Durchdringung unserer Gesellschaft sein.

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In unserer Serie „Wie wollen wir jetzt Leben?“ stellen wir Ihnen vom 7. bis zum 14. November Ideen für eine nachhaltige Welt vor.


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