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Nachhaltiger Konsum: „Gegen die Klimakrise können Einzel­personen nicht viel ausrichten“

  • Biotomaten, faire Klamotten und Ökostrom: Es existieren zahlreiche Produkte, die nachhaltiger sind – oder vorgeben, es zu sein.
  • Doch grüner Konsum wird die Klimakrise nicht lösen, sagt Autorin Thekla Wilkening.
  • „Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir weniger produzieren, konsumieren und wegwerfen müssen“, sagt Wilkening im RND-Interview.
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„Der Kassen­zettel ist ein Stimm­zettel“: So lautet ein beliebter Slogan unter Menschen, die möglichst nachhaltig leben wollen. Beim Einkaufen, so die damit verbundene Aufforderung, solle man möglichst ökologisch produzierte Waren in den Korb legen. Doch gegen die Klimakrise könnten Menschen so kaum etwas ausrichten, sagen Thekla Wilkening und Robin Haring.

Die Expertin für nachhaltige Mode und Mitgründerin des Modeverleihs Kleiderei sowie der Professor für Gesund­heitswissen­schaften haben gemeinsam das Buch „Das Bio-Pizza-Dilemma. Der überraschende Weg zu mehr Nachhaltigkeit“ veröffentlicht. Wie dieser Weg aussieht, wie realistisch er ist und warum sich Menschen wieder mehr miteinander statt mit einem möglichst nachhaltig gefüllten Einkaufs­wagen beschäftigen sollten, erklärt Wilkening im Interview.

Frau Wilkening, die meisten Menschen mögen Pizza sehr gern. Und wenn sie bio ist, dann wurde sie auch noch unter umwelt­freundlichen Bedingungen hergestellt. Wie kann Biopizza da ein Dilemma sein?

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Thekla Wilkening: Zu dem Titel des Buches hat uns eine Pizza inspiriert, die wir im Supermarkt gesehen hatten. Auf ihrem Karton waren viele bunte Siegel gedruckt. Eines davon war „5 Cent für gesunde Böden“. Wir fragten uns, was das überhaupt bedeuten soll. Was sind denn gesunde Böden?

Wenn Nachhaltigkeit einzig als Marketing benutzt wird, kann das die Intuition von Menschen negativ beeinflussen. Viele verbinden das Thema eh schon mit Verzicht, mit Gängelung und mit einem Korsett, in das sie hinein­ge­zwängt werden sollen. Dem ist nicht so, ein nachhaltiger Lebensstil ist auch für uns persönlich sehr gut. Aber darunter verstehen alle etwas anderes – genauso, wie zwar die meisten Menschen Pizza mögen, aber alle ihre eigene Lieblings­pizza haben.

Es gibt wissenschaftliche Fakten, was nötig wäre, um die Klimakrise einzudämmen. Wie kann Nachhaltigkeit da auf Intuition angewiesen sein?

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Die Bürger und Bürgerinnen brauchen einen emotionalen Zugang zu dem Thema, damit sie es in ihrem Alltag umsetzen können. Akteurinnen und Akteure der Wirtschaft hingegen sollten verpflichtet werden, die gesamten Produktions­prozesse und Lieferketten nachhaltiger zu gestalten – die Politik muss dies auf Basis wissen­schaftlicher Fakten einfordern. Die Zukunfts­vision wäre, dass es nur noch biologisch produzierte Produkte gibt, die unter fairen Arbeits­bedingungen hergestellt wurden.

Thekla Wilkening und Robin Haring haben das Buch „Das Bio-Pizza-Dilemma“ geschrieben. Es ist im Redline-Verlag erschienen, kostet 18 Euro und umfasst 272 Seiten, ISBN 978-3-86881-848-2. © Quelle: Wilkening/Haring

Für wie realistisch halten Sie das?

Aktuell leider für sehr unrealistisch. Das Grund­problem ist die Masse. Ein Demeter-Hof etwa kann nicht dieselbe Masse produzieren wie ein konventioneller Hof. Masse steht Nach­haltig­keit entgegen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir weniger produzieren, konsumieren und wegwerfen müssen. Qualität statt Quantität.

Als Mit­begrün­derin der Kleiderei, die Mode verleiht, sind Sie Expertin für nachhaltige Mode. Ob in Online­shops oder in der Innenstadt, das Angebot an nachhaltiger Kleidung wächst stetig. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

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Ich finde das großartig – wenn diese Entwicklung die Menschen auch dazu anregt, sich bewusster mit Mode zu beschäftigen und weniger zu kaufen. Wenn ich alles in derselben Masse und unüberlegt aus Bio­baum­wolle kaufe, ist das keine Transformation. Und Händle­rinnen und Händler sollten sich überlegen, wie sie ohne das Verkaufen von Massen ein gesundes Geschäfts­modell aufbauen. Wenn wir genauso viele ökologische Kleidungs­stücke produzieren wie momentan konven­tionelle, ist das nicht nachhaltig oder besser für die Umwelt.

In Ihrem Buch schreiben Sie in verschiedenen Kontexten, etwa bezüglich der Überfischung der Meere, dass es sich um ein „struk­turel­les Problem“ handele. Kann eine Einzel­person also gar nichts ausrichten gegen die Klimakrise?

Ich glaube, gegen die Klimakrise können Einzel­personen nicht viel ausrichten, nein. Wir können uns lediglich bereit machen für die Folgen, die kommen werden. So sorgen wir dafür, dass die Konse­quenzen der Krise möglichst klein bleiben. Aufhalten können wir sie aber nicht.

Aber es gibt doch diese Auffassung, dass ich als Einzel­person ganz viel tun kann! Dass ich am besten nur Bio­produkte kaufen und möglichst wenig konsumieren soll.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich stehe dahinter, dass ein nachhaltiger Lebens­stil gut für Menschen ist. Es ist gut, Bücher zu lesen, die zum Thema Nachhaltigkeit bilden, genauso wie Bienen­wachs­tücher statt Alufolie zu benutzen und politisch aktiv zu werden. Das tut uns und unserer Erde gut. Wir halten damit allerdings nicht Umwelt- und Klimakrise auf. Warum uns das aber erzählt wird? Weil auch das Verkaufen von nachhaltigen Produkten ein Markt ist, der sehr viel Geld bringt. Außerdem wird so von den wahren Verursachern der Klima­krise abgelenkt. Dazu zählen die fossilen Energieträger und die Massen­tier­haltung.

Wenn es nicht an erster Stelle das Kaufen nachhaltiger Produkte ist: Was empfehlen Sie?

Ich glaube wirklich, Menschen könnten mehr Verbindungen eingehen – mit Freundinnen und Freunden, Nachba­rinnen und Nachbarn oder auch politischen Aktivistinnen und Aktivisten. Es gibt Studien, die beweisen, dass sozial gut einge­bundene Menschen resilienter sind und weniger gestresst. Ich kenne zum Beispiel sehr viele Menschen um die 30, die sehr viel weniger Zeit mit ihren Freundinnen und Freunden verbringen als noch vor zehn Jahren. Jetzt geht es in ihren Leben um Geld, Karriere, Dinge kaufen … Klar, wenn uns die Menschen um uns herum fehlen, dann bleibt nur noch der Konsum. Irgendwo müssen wir schließlich hin mit unserer Neugierde und unserem Interesse.

Apropos Karriere: In der Leistungs­gesellschaft geht so mancher über die eigenen Grenzen. Wenn wir uns selbst ausbeuten, falle es uns leichter, auch das Ausbeuten anderer Menschen oder der Umwelt zuzulassen, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wieso? Man könnte dadurch doch auch sensibler auf Aus­beutung reagieren.

Es wäre total schön, wenn wir das so umsetzen könnten. Dass wir, was wir selbst als unangenehm empfinden, für andere auch nicht wollen. Viele von uns sind aber schon nicht sehr gut darin, in der Arbeitswelt Grenzen zu setzen. Wenn wir nicht für uns selbst einstehen, können wir dies auch nicht für andere Menschen.

Wenn ich ein T‑Shirt kaufe, sehe ich nicht den Menschen, der es genäht hat. Krasse Umwelt­katas­trophen waren hierzulande bis vor ein paar Jahren recht selten. Sind Ausbeutung und Bedrohung durch die Klimakrise vielleicht zu abstrakt für uns?

Ja, total. Eine Anekdote: Wenn ich junge Unternehmen berate, wollen manche, dass auf ihrer Kleidung „handgemacht“ steht. Ich sage dann, alles bis auf minimale Ausnahmen ist handgemacht in der Mode. Das ist, als ob man auf einen Apfel ein Etikett mit „glutenfrei“ klebt. Was ich damit sagen will: Selbst einige Labels, die sich gut auskennen, verdrängen manchmal, dass die Kleidung großer Ketten ebenfalls von Menschen genäht wird.

Wie kann das sein?

Für uns hierzulande ist es unvorstellbar, unter welchen Bedingungen Menschen zum Beispiel in Bang­ladesch Kleidung nähen. Das ist zu weit weg und wir wollen das nicht sehen. Einen Ansatz halte ich aber für umsetzbar. Wir sollten zuerst lernen, für uns selbst einzustehen statt Ausbeutung zu akzeptieren, etwa in unserem Arbeits­leben. Was wir vergessen: Wenn wir einen Teil unserer Wahrnehmung ausblenden, etwa das Ausgebeutet-Werden, haben wir keine Kontrolle mehr darüber. Wir können nicht entscheiden, einen Schmerz für uns nicht zu fühlen, aber für die anderen Mitgefühl zu haben. Das ist fast unmöglich.

Was müsste sich ändern, damit dieses Mitgefühl aufgebracht werden kann?

Ich denke, wir sollten schon unseren Kindern beibringen, gesunde Grenzen zu setzen und diese auch allen anderen Menschen zuzugestehen. Daraus entstehen dann eben die Empathie und Solidarität, die es uns unmöglich machen, uns selbst oder andere auszubeuten. Und diese Fähigkeiten werden wir brauchen in der Welt, die sich durch die Umwelt- und Klimakrise massiv verändern wird. Sie helfen uns, resilient und zuversichtlich zu bleiben.

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