Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Studie untersucht Bergwerk auf Madagaskar

Bergbau und Umwelt: Kann Rohstoff-Abbau nachhaltig sein?

Bei Umweltgruppen genießen Bergbauunternehmen nicht den besten Ruf – obwohl sich immer mehr Betreiber zu Nachhaltigkeit bekennen.

Antananarivo/Berlin/Hannover. Bei Umweltgruppen genießen Bergbauunternehmen nicht den besten Ruf. „Verantwortungslose Abbaupraktiken im Bergbau sind zu einer der größten Umweltbedrohungen unserer Zeit geworden“, schreibt etwa der WWF. Als Beispiele nennt die Organisation gerodete Wälder, vergiftete Flüsse und zerstörte Ökosysteme.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Damit bezieht sich der WWF nicht nur auf Umweltkatastrophen wie etwa im November 2015 in einem Eisenerzbergwerk in Brasilien. Nach dem Bruch eines Rückhaltebeckens hatte eine Schlammlawine den Ort Bento Rodrigues zerstört: 19 Menschen kamen ums Leben, Berichten zufolge verseuchten rund 35 Milliarden Liter Rückstände den 650 Kilometer langen Lauf des Rio Doce bis zur Mündung in den Atlantik.

Doch auch im regulären Betrieb gehen industrielle Bergwerke – ihre Zahl geht laut WWF in die Zehntausende – mit Naturzerstörung einher. „Bergbau ist immer ein Eingriff in die Umwelt“, sagt Gudrun Franken von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Der Abbau verbrauche Land, Wasser und Energie und verursache Abwässer und Emissionen. Demnach sind Bergbauaktivitäten für etwa 7 Prozent der globalen Entwaldung verantwortlich. Auch 4 bis 7 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen gingen auf das Konto des Rohstoffabbaus.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Nun bekennen sich immer mehr Unternehmen zu einem nachhaltigen Bergbau, der ökologische und soziale Probleme möglichst vermeiden will. Ob das gelingen kann, haben Wissenschaftler am größten Bergwerk von Madagaskar geprüft. Ambatovy, betrieben von zwei Konzernen aus Japan und Südkorea, ist ein mächtiger Wirtschaftsfaktor auf der Insel: Die Mine stellt die größte Auslandsinvestition dar, sie beschäftigt mehr als 9000 Menschen, jährlich fließen umgerechnet etwa 50 Millionen US-Dollar aus Steuern und Nutzungsgebühren an den Staat.

Das Bergwerk liegt im Osten der Insel inmitten einer tropischen Berglandschaft. Berichten zufolge werden hier pro Jahr fast 60.000 Tonnen Nickel und 5600 Tonnen Cobalt erzeugt. Beide Metalle sind wichtig etwa für den zunehmenden Bedarf an Batterien. Abgebaut werden sie an der Oberfläche im besonders flächenintensiven Tagebau.

Das Fördergebiet liegt in einer der artenreichsten Regionen der Erde. Viele der dort lebenden Tier- und Pflanzenarten kommen nur auf Madagaskar vor – unter anderem die mehr als 200 Arten der Madagaskarfrösche (Mantellidae), die igel- bis spitzmausähnlichen Tenreks (Tenrecidae) und die Primatengruppe der Lemuren (Lemuriformes) mit Dutzenden Arten wie dem Indris.

Inmitten dieser einzigartigen Natur wollen die Ambatovy-Betreiber erklärtermaßen die Artenvielfalt bewahren. Dazu haben sie für die rund 2100 Hektar Wald, die direkt durch den Tagebau zerstört wurden, Ausgleichsflächen eingerichtet. Insgesamt vier nahegelegene Areale hat das Unternehmen unter Schutz gestellt. Das soll die Entwaldung bremsen – denn in Madagaskar schwindet viel Wald zugunsten der zunehmenden Landwirtschaft.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Spotify Ltd., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Inwieweit das Ziel erreicht wurde, beschreibt das Team um Katie Devenish von der walisischen Bangor University im Fachblatt „Nature Sustainability“. Dazu untersuchte es anhand von Luftbildern die Entwicklung der Waldflächen und kalkulierte anhand der früheren Entwicklung, wieviel Entwaldung durch die Schutzmaßnahmen abgewendet wurde.

Für eines der vier Ausgleichsareale konnte das Team den Effekt nicht bestimmen, in einem zweiten war keine Auswirkung erkennbar. In den beiden übrigen Arealen sei die Entwaldung jedoch pro Jahr um durchschnittlich 96 Prozent und 66 Prozent verringert worden, schreiben die Forschenden.

Das entsprach bis Januar 2020 vermutlich 1644 Hektar, 79 Prozent der direkt durch den Tagebau zerstörten Fläche. Bei weiterhin ähnlicher Entwicklung wäre bis Ende 2021 der Waldverlust ausgeglichen worden, schätzen die Forschenden. Allerdings verweisen sie auf ein mögliches Spektrum von 674 bis 3122 Hektar. Im ungünstigsten Fall könne es noch bis zum Jahr 2033 dauern, bis die zerstörte Fläche ausgeglichen worden sei. Insgesamt sei das Unternehmen auf einem guten Weg, bilanziert das Team.

Fazit mit vielen Fragezeichen

Allerdings versieht es dieses Fazit mit vielen Vorbehalten: Eventuell seien Dorfbewohner beim Erschließen landwirtschaftlicher Flächen auf Gebiete jenseits der Schutzzonen ausgewichen, heißt es. Ohnehin gebe es Hinweise, dass die Maßnahmen des Unternehmens zu Lasten der ländlichen Gemeinden gegangen seien. Darauf deuten den Forschern zufolge Klagen von Anwohnern hin, sie hätten mit den Schutzgebieten Zugang zu Ressourcen verloren, ohne angemessen entschädigt worden zu sein. Ferner habe das Bergwerk Tausende Menschen in die Region gelockt und so den Druck auf die natürlichen Ressourcen erhöht.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zudem sei unklar, ob die Waldfläche tatsächlich Aussagen zum Erhalt der Artenvielfalt zulasse, denn die wurde nicht direkt erfasst. Ferner könne es auch in den Schutzgebieten Eingriffe in die Natur gegeben haben, etwa Kleinbergbau oder Rodung von Bäumen zur Gewinnung von Nahrung, Brennstoff oder Baumaterial.

Angesichts der vielen endemischen und bedrohten Arten auf kleinem Raum bestehe „ein reales Risiko, dass große Entwicklungen wie Ambatovy zum Aussterben von Arten führen könnten“, heißt es. Ob die Ausgleichsflächen dies verhindert haben, könne die Studie letztlich nicht klären.

Ein letzter Punkt: Offen sei, was nach dem Ende des Tagebaus in den 2040er Jahren passiere, wenn die Ausgleichsflächen voraussichtlich ihren Schutzstatus verlieren. Unklar sei auch das Schicksal der Abbaufläche selbst, die Ambatovy nach eigener Ankündigung wieder renaturieren will.

„Die Restaurierung tropischer Wälder ist notorisch schwierig“, schreiben die Autoren. „Falls die Restaurierung scheitert und die Ausgleichsflächen nicht länger geschützt werden, wird eine künftige Beschleunigung des Artenverlusts das Bekenntnis von Ambatovy zu Nachhaltigkeit aufs Spiel setzen.“

Jan Börner von der Universität Bonn hält die Studie für methodisch aufwendig und rigoros durchgeführt. „Vor 20 Jahren hätte man eine solche Untersuchung nicht machen können“, sagt der Experte für nachhaltige Landnutzung. Inzwischen sei dies durch bessere Methoden der Fernerkundung möglich.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Vergleichsweise wirksame Maßnahme“

Die Studie enthalte zwar viele Unsicherheiten. „Aber wenn man annimmt, dass das Resultat so stimmt, ist das eine vergleichsweise wirksame Maßnahme gewesen.“ Allerdings sei Entwaldung vor allem in einem der vier Areale verhindert worden. „Das Problem dieser Methode ist, dass man nicht genau weiß, welche anderen Faktoren die Landnutzung in diesem Areal beeinflusst haben könnten.“

BGR-Expertin Franken verweist darauf, dass Bergbauunternehmen inzwischen zunehmend Umweltstandards einführen. „Schwarze Schafe der Bergbauindustrie sind nicht im Interesse der großen Unternehmen, denn sie schaden dem Ruf und der Akzeptanz des Bergbaus generell“, sagt sie.

Der WWF-Experte Tobias Kind-Rieper bestätigt das. In den vergangenen Jahren habe sich viel verändert im Bergbau. „Die Unternehmen stehen von Seiten der Verbraucher unter Druck“, sagt er und nennt ein Beispiel: Im Mai 2020 sprengte der Bergbaukonzern Rio Tinto zur Gewinnung von Eisenerz in der australischen Juukan-Schlucht heilige Stätten der Aborigines, die 46.000 Jahre alt waren. Der Sturm der Empörung war so groß, dass mehrere Konzernmanager ihren Hut nahmen, darunter der Vorstandsvorsitzende. „Was in Juukan passiert ist, war falsch“, räumte der Konzern ein.

Wie stark manche Unternehmen inzwischen auf den Druck reagieren, zeigt die Initiative IRMA (Initiative for Responsible Mining Assurance), die Rohstoffabbau nach verschiedenen Kriterien wie Artenschutz oder Treibhausgasemissionen zertifiziert. Zu ihren Mitgliedern zählen nicht nur Bergbauunternehmen, sondern auch Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie etwa Human Rights Watch. Zudem sind einige namhafte Industrieabnehmer vertreten, darunter Microsoft und die Automobilkonzerne BMW, Daimler, Ford und General Motors.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Die Abnehmer der Rohstoffe müssen sich Nachfragen der Verbraucher zu ihren Umweltstandards und Lieferketten stellen“, erläutert Kind-Rieper. „Das ist ein Risiko.“ IRMA zertifiziert nach 40 Grundkriterien, wobei die einzelnen Kammern wie Industrie, Gewerkschaften oder NGOs ein Vetorecht haben.

Hohe Energiepreise: Länder fordern mehr Entlastungen

Angesichts der steigenden Energiepreise haben Bundesländer die Bundesregierung zu weiteren Entlastungen für Verbraucher und Firmen aufgefordert.

In einem anderen Schritt haben kanadische Bergbauunternehmen die Initiative „Towards Sustainable Mining“ (TSM) gegründet. Ihr haben sich inzwischen Bergbaubetreiber aus rund zehn Ländern angeschlossen, darunter Spanien, Australien, Argentinien, Kolumbien, Brasilien, Botsuana und die Philippinen.

„Die Folgen des Ressourcenabbaus für den Planeten abzumildern ist eine Verpflichtung, die die Bergbauindustrie sehr ernst nimmt“, heißt es auf der TSM-Website. Ab 2022 solle die Einhaltung der Ziele extern überprüft werden. Kind-Rieper hält das zwar für einen „guten Weg“, den Erfolg könne man aber erst in einigen Jahren abschätzen. Skeptisch bewertet der Experte jedoch die Lage in Ländern wie etwa Brasilien, dessen Regierung weder der Umwelt noch den Menschenrechten große Beachtung beimesse.

Umweltauswirkungen sind nicht rückgängig zu machen

Wie nachhaltig kann Bergbau eigentlich sein? „Wenn beste Praktiken angewendet und eine geordnete Schließung und Rekultivierung der Flächen erfolgt, kann dieser temporäre Eingriff des Menschen auch nachhaltig gestaltet sein“, sagt BGR-Expertin Franken. Kind-Rieper meidet das Wort „nachhaltig“. „Die Umweltauswirkungen von Bergbau sind so massiv, dass man sie nicht rückgängig machen kann.“ Er spricht lieber von „verantwortungsvollem Bergbau“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auf Bergbau verzichten könne man nicht, betonen beide Experten. Aber: „Grundsätzlich muss das Ziel sein, insgesamt weniger Ressourcen zu brauchen und die vorhandenen Rohstoffe über Recycling möglichst lange im Kreislauf zu lassen“, betont Franken. Kind-Rieper stimmt zu: „Derzeit liegt die Recyclingrate von Lithium weltweit unter einem Prozent. Der Einkauf aus China ist derzeit billiger als das Recycling in Deutschland.“

Das könnte sich aber angesichts der aktuell rapide steigenden Rohstoffpreise schnell ändern: Dies werde den Bergbau in Europa ankurbeln, glaubt Kind-Rieper, vor allem aber das Recycling. „Wir können es uns nicht mehr leisten, Rohstoffe einfach wegzuwerfen.“

RND/dpa

Mehr aus Wissen

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.