Nach Corona: Mit neuem Blick auf die Klimakrise

  • Bringen wir jetzt noch die Kraft auf, uns gegen den Klimawandel zu stemmen?
  • Experten meinen: Ja – notgedrungen.
  • Denn in jüngster Zeit haben wir gelernt, dass uns globale Krisen nicht verschonen.
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An Warnungen hat es nie gemangelt. Expertinnen und Experten haben nie aufgehört, zu betonen: Die Welt darf, während sie mit aller Kraft versucht, ein außer Kontrolle geratenes Virus zu besiegen, den Klimawandel nicht vergessen. Denn die größte Herausforderung, die die Menschheit zu meistern hat, ist nicht der Kampf gegen das Coronavirus. Es ist die Erderwärmung.

Doch haben wir für diese Herausforderung noch die nötige Energie? Oder war die Pandemie schlicht zu anstrengend? Wer nach Monaten wieder ein Geschäft betreten darf, freut sich über die Auswahl und kauft vielleicht mehr ein als nötig. Wer Monate im Homeoffice und Lockdown ausgeharrt hat, sehnt sich womöglich noch stärker nach Palmen, Stränden oder Skipisten als zuvor. Das Gefühl, endlich wieder in der Normalität angekommen zu sein, ist wunderbar. Die Energie, sich mit aufregenden und ungewohnten Themen auseinanderzusetzen, dagegen ziemlich aufgebraucht. War es das jetzt mit dem Kampf gegen den Klimawandel?

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Es sei noch zu früh, um abschließend zu sagen, welchen Effekt die Corona-Krise schlussendlich auf den Klimawandel haben werde, sagt Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. „Wir sehen jedoch keine Indikatoren dafür, dass es einen starken Nachholbedarf beim Konsum gibt, dass Menschen sagen: Jetzt will ich aber wirklich mal über die Stränge schlagen.“

Inlandsflüge sind bei den Menschen out – das ergab eine Umfrage. © Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dp

Auch in Politik und Wirtschaft konnte die Krise den Klimawandel nicht von der Tagesordnung vertreiben. „Es lässt sich nicht erkennen, dass Corona dazu geführt hat, dass die Politik sich weniger um den Klimawandel kümmert“, sagt Ulrich Schmidt, Leiter des Forschungsbereiches Globale Kooperation und gesellschaftlicher Zusammenhalt am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Industrie und Unternehmen sei klar, dass Klimaschutz „unumgänglich“ sei, dass die Vorgaben immer strenger würden, so Schmidt. Viele wollten sich lieber jetzt darauf einstellen, statt weiter abzuwarten.

Der Volkswirt sieht die Herausforderungen daher eher bei den Konsumenten und Konsumentinnen. Zwar weisen erste Tendenzen darauf hin, dass die Menschen in einer postpandemischen Welt tatsächlich weniger beruflich reisen werden. „Dass jemand für einen einzelnen Vortrag aus den USA nach Deutschland fliegt, ist inzwischen fast undenkbar“, sagt Schmidt. Und auch das Homeoffice werde sich viel mehr durchsetzen. Doch die Bereitschaft zum Klimaschutz sei stark an dessen Preis gekoppelt – wie man aktuell an der Diskussion um den Benzinpreis erkennen kann. „Der Widerstand wird geringer, je besser es den Menschen geht“, erklärt Schmidt. Und genau das könnte die Corona-Krise dann – indirekt – doch wieder zum Problem machen, denn: „Corona hat nach derzeitigem Stand zu einer weiteren ungleichen Verteilung der Einkommen geführt.“

Tatsächlich scheint die Bereitschaft, persönlich einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, in Deutschland derzeit eher gering zu sein. Eine Anfang Juni veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) zeigt: Gut zwei Drittel der Menschen wollen nicht auf Fleisch verzichten. Auch die Begeisterung für Elektroautos oder Wind- und Wasserkraftanlagen in der eigenen Wohngegend hält sich in Grenzen. Inlandsflüge sind zum größten Teil out, ein allgemeines Tempolimit von 120 Stundenkilometern dagegen nur für die wenigsten vorstellbar.

Kosten zu hoch – persönlicher Nutzen zu niedrig

Steht der Kampf gegen den Klimawandel also am Ende der Corona-Krise nicht zwingend vor einem neuen, sondern eher vor einem sehr bekannten Problem? Die Fakten liegen auf dem Tisch, aber am Verhalten den Menschen ändert sich wenig? Weil die Kosten zu hoch, der persönliche Nutzen als zu niedrig gilt?

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„Wir haben bei vielen Krisen in der Vergangenheit bemerkt, dass die Menschen sehr viel schneller zum Normalzustand zurückgekehrt sind, als wir das gedacht hätten“, sagt Nachhaltigkeitsforscher Renn. Doch das könnte dieses Mal anders sein. Nicht nur, weil diese Krise länger gedauert hat und sich deshalb Verhaltensänderungen verfestigen können. Die Menschen in Deutschland haben gespürt, dass globale Krisen sie nicht verschonen, sagt Renn. „Auch ich habe zu Beginn der Corona-Pandemie gedacht: Na ja, das wird sich wahrscheinlich so weiterentwickeln wie bei der Vogelgrippe.“ Wieder eine zunächst als bedrohlich angesehene Gefahr, vor der viel gewarnt wird, die man aber mit Instrumenten des Gesundheits- und Katastrophenschutzes in den Griff bekommen werde. „Das hat sich nicht bewahrheitet.“

Es ist eine Lehre, die man auch auf den Klimawandel beziehen kann. Wer bisher glaubte, die Erderwärmung sei vor allem ein Problem der Südseeinseln, dem dämmert nun womöglich: Das Ausmaß des Klimawandels in Deutschland beschränkt sich nicht darauf, dass es im Sommer ein bisschen heißer wird. „Der Klimawandel wird als größere Bedrohung wahrgenommen als vor der Pandemie“, sagt der Potsdamer Forscher.

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Doch das reicht als Motivation nicht. Aus diesem Wissen folgt nicht zwingend ein Handeln. Um die gewonnene Einsicht in langfristige Verhaltensänderungen umzuwandeln, brauche es daher entsprechende Anreize und Kontextbedingungen von staatlicher Seite, sagt Renn. Das heißt zum Beispiel: bessere Radwege in den Städten oder höhere Preise für fossile Energieträger. „Man muss sich klarmachen, dass sich diese Veränderungen lohnen, auch wenn sie am Anfang mühsam sein werden“, sagt der Nachhaltigkeitsforscher. Dass es nicht darum gehe, weit entfernte Eisbären zu retten, sondern das eigene Leben und das der kommenden Generationen lebenswerter zu machen.

Forderungen nach diesem Perspektivwechsel sind nicht neu. Erzählungen über den Klimawandel beschränken sich oft darauf, in grellen Farben die schrecklichen Folgen zu beschreiben, die eintreten, wenn nichts unternommen wird. Das verbreitet Angst und kann lähmen. „Man kann die Menschen nicht dazu bewegen, etwas zu tun, indem man ihnen Angst einjagt“, schreibt auch der US-amerikanische Philosoph Charles Eisenstein. Er plädiert in dem Buch „Klima. Eine neue Perspektive“ dafür, sich im Sinne des Umweltschutzes weniger auf CO₂-Emissionen zu fokussieren und sich mehr um den Schutz regionaler Biotope zu bemühen.

Auch die Corona-Krise kann zu diesem Perspektivwechsel beitragen. Sie habe gezeigt, dass globale Krisen auch globaler Zusammenarbeit bedürfen – und dass diese auch möglich sei, sagt der Kieler Volkswirt Schmidt. „Wenn eine globale ‚Ja, wir schaffen das‘-Stimmung entsteht, dann ist das natürlich positiv für die Bekämpfung des Klimawandels.“

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