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Als ob jemand Angehörige verloren hätte – Falsches Pathos für Primaten

  • Keine Frage, was in Krefelds Zoo passiert ist, das ist furchtbar.
  • Beinahe ebenso schlimm wie die Feuertragödie sind allerdings die Reaktionen darauf.
  • Es kann nicht sein, dass die allgemeine Aufgeregtheit im Lande aus der tierischen eine menschliche Katastrophe macht, meint Daniel Killy.
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Es geht hier nicht darum, dass das Leben jeglicher Kreatur wertvoll und wichtig ist. Es geht auch nicht darum, dass Zoos oder Tiergärten für viele einsame Menschen ein Ort sind, an dem emotionale Ersatz-Bindungen geknüpft werden – kurz: das Schicksal der Krefelder Primaten ist bedauernswert.

Falsche Empathie gilt Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans

Worum es geht ist die Tatsache, dass mediale wie Social-Media-Öffentlichkeit kein anderes Thema mehr zu kennen scheinen. Aufmacher in jeder Nachrichtensendung im Radio, ob öffentlich-rechtlich oder nicht, war das Feuer im Affenhaus. Inhalt und Form der Nachricht entsprachen – jenseits der Begriffe "Affen" oder "Menschenaffen" – exakt denen über eine Katastrophe mit vielen menschlichen Opfern. Da wurden weinende Menschen zitiert, die einen Angehörigen verloren zu haben schienen, es wurde über Kerzen und Blumen berichtet, die vor dem Zoo niedergelegt wurden. Und der Boulevard bildete gar die Feueropfer in einer Galerie ab – inklusive ihrer Biographie. Die falsche Empathie galt allerdings nicht Menschen, die bei einem Terroranschlag oder Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, sondern Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans.

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Jegliches Maß verloren

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Es scheint, dass uns jedes Maß für Emotion und Einordnung abhanden gekommen ist. Das Ableben von Primaten wird massenhysterisch betrauert, während zeitgleich zum Krefelder Brand Menschen in Kriegen, bei Terror oder der Flucht vor Chaos und Verfolgung ihr Leben ließen – im Jemen, in Syrien, auf dem Mittelmeer – oder schlicht verhungerten: 24.000, das ist die Zahl derer, die täglich Hungers sterben.


Die Hysterie, mit der wir in sozialen Medien auf andere Meinungen losgehen und jener Erlebnishunger, der nur noch von Superlativen gestillt werden kann, haben im Fall Krefeld zu einer kompletten Verkehrung von Trauer und Perspektive geführt. Und scheinheilig ist die öffentliche Betroffenheit obendrein: Wo bleiben eigentlich die Blumen und Kerzen für die Millionen Schlachtsäue, die eng eingepfercht, ohne jemals Sonnenlicht gesehen haben, der maschinellen Tötung entgegen dämmern? Und wo bleibt die Tierliebe bei dem "Problemwolf", der das tut, was die Natur für ihn vorgesehen hat, nämlich Schafe reißen? Es ist wirklich höchste Zeit, den moralischen Kompass neu zu justieren.

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