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“Das passiert normalerweise nicht”: Welche Erklärungen haben Forscher für die mysteriösen Orca-Angriffe?

  • Seit einigen Wochen kommt es vor den Küsten Spaniens und Portugals zu mysteriösen Attacken: Immer wieder greifen Orcas Boote an.
  • Die Vorkommnisse stellen auch Experten vor ein Rätsel.
  • Ein Meeresbiologe und ein Zoologe sprechen über mögliche Gründe für die Attacken.
Johanna Apel
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Wie aus heiterem Himmel tauchen die Wale auf und rammen Boote vor der Atlantikküste. Erst kürzlich gelang es Seglern, eine der Attacken per Video festzuhalten. Es ist nicht der einzige Zwischenfall dieser Art: Seit Wochen wirft das Verhalten von Orcas vor den Küsten Spaniens und Portugals Rätsel auf.

Dass die Schwertwale andere Tiere – sogar Wale und Haie – angreifen, ist nicht ungewöhnlich. Wegen ihrer mitunter brutalen Vorgehensweise haben sie von Fischern sogar einst den Namen “Killerwale” bekommen. Doch dass freilebende Tiere auch Menschen attackieren – das war bislang unbekannt.

“Das ist etwas ganz Ungewöhnliches”

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“Das ist etwas ganz Ungewöhnliches, was da gerade passiert”, sagt Karsten Brensing. Der Meeresbiologe und Verhaltensforscher steht ebenfalls vor einem Rätsel. Denn bisher seien freilebende Orcas Menschen gegenüber immer friedfertig gewesen. Zwar sei durchaus bekannt, dass Orcas in Gefangenschaft schon Menschen angegriffen hätten – bei Schwertwalen in freier Wildbahn kenne er dieses Verhalten jedoch nicht. “Soweit mir bekannt ist, gab es keinen einzigen Fall.”

Brensing, der bereits mehrere Bücher über das Verhalten von Tieren geschrieben hat, kann über die Gründe nur spekulieren. Er kennt die verschiedenen Theorien, die das Verhalten der Tiere erklären sollen. So wird etwa spekuliert, dass die Orcas Rache nehmen wollten für von Harpunen verletzte Verwandte. “Darüber mag man vielleicht lachen oder das als übertrieben ansehen, aber wenn man die kognitiven Fähigkeiten von Orcas bedenkt, wäre das absolut denkbar." Orcas hätten eine Biografie, seien in der Lage in Dimensionen wie Vergangenheit und Zukunft zu denken, so Brensing.

Spielt die Corona-Krise eine Rolle?

Hinzu komme, dass sie ihre eigene Kultur pflegten, in denen Individuen eine wichtige Rolle spielen. “Sie kennen sich, so wie wir uns auch kennen," sagt er. Wird ein naher Verwandter brutal behandelt, könne das die Tiere traumatisieren. “Menschen würde man dann therapieren, das können wir bei Orcas nicht. Wir können nur darauf setzen, dass die Zeit diese Wunden heilt”, so der Verhaltensforscher.

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Die ersten Attacken durch Wale auf Boote wurden bereits im Juli gemeldet, mittlerweile hat die spanische Regierung ein Verbot für Segelboote verhängt. Noch immer ist unklar, was die Schwertwale antreibt. Als ein weiterer möglicher Auslöser wird – wie so vieles in diesem Jahr – die Corona-Krise genannt. Die Annahme: Wochenlang kam der Schiffsverkehr zum Erliegen, Meeresbewohner erlebten eine für sie ungewohnte Stille. Nun kehren Menschen und Schiffe wieder aufs Wasser zurück – und mit ihnen der Lärm.

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Lärm unter Wasser als Stressfaktor für Meeresbewohner

“Das war mit mein erster Gedanke”, sagt Brensing. Dass der Geräuschpegel im Meer heruntergefahren sei, das habe es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. “Marine Säuger, die auf die Akustik angewiesen sind, waren in den letzten Monaten sehr überrascht und empfanden das als angenehm”, erklärt Brensing. Und auch wenn sich viele Tiere an den Geräuschpegel gewöhnt haben, wenn dieser plötzlich wieder zurückkomme, “ist er im ersten Moment wieder ein starker Stressor”, so der Verhaltensforscher.

Ob es einen ursächlichen Zusammenhang zu den Angriffen gebe, könne er aber nur schwer beurteilen. Fakt sei jedoch, dass viele Tiere auf diesem Planeten derzeit erlebten, “dass der Lärm wieder zurückkommt”.

Das undatierte Foto, das vom spanischen Ministerium für Verkehr, Mobilität und städtische Agenda zur Verfügung gestellt wurde, zeigt drei Schwertwale, die neben einem Seenotrettungsboot schwimmen. © Quelle: Ministerium für Verkehr, Mobili

Verhaltensforscher rät zur Deeskalation

Um die derzeitige Situation zu entschärfen, rät Brensing daher zur Deeskalation. Deshalb stehe er auch hinter der Maßnahme, die Segelschifffahrt zu verbieten. “Damit man dieses Verhalten, dass sich in der Gruppe vielleicht als Kultur etablieren kann, aussetzt – und keine Reize schafft, es noch einmal auszulösen.”

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Michael Dähne kommt zu einer ähnlichen Einschätzung. Der Zoologe und Ingenieur ist Kurator für Meeressäugetiere am Deutschen Meeresmuseum Stralsund. “Niemand kann sagen, warum sie genau angreifen”, so Dähne. “Vielleicht sollte man den Tieren ihren Lebensraum noch ein bisschen weiter überlassen – und auf keinen Fall aggressiv ihnen gegenüber werden.”

Stress durch Angst?

Auch Dähne ist von den Angriffen überrascht. “Was da vor Ort passiert, scheinen ja gezielte Attacken zu sein. Das ist eine Sache, die normalerweise nicht passiert”, so der Zoologe. “Es sind schon sehr, sehr ungewöhnliche Dinge, die da vor sich gehen”, sagt er.

Anders als Karsten Brensing denkt er allerdings nicht, dass der durch die Corona-Krise zunächst leiser gewordene und nun wieder erstarkte Geräuschpegel eine potenzielle Ursache sein könnte. “Wale sind diesen Stress ja relativ gewöhnt”, sagt Dähne. Zudem seien die angegriffenen Boote eher klein und geräuschärmer gewesen. “Eigentlich wissen sowohl Delfine als auch Orcas, dass es, wenn es laut ist, besser ist, aus dem Gebiet zu verschwinden.”

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Doch Stress wird für Tiere nicht nur durch Geräusche erzeugt. “Es wurde ja auch berichtet, dass einige Fischer die Orcas nicht gut behandelt haben”, sagt Dähne. Da Schwertwale intelligente Tiere seien, sei es möglich, dass sie den Schatten des Bootes mit einer erlernten Angst assoziieren.

Krankheit als Ursache für die Angriffe?

Der Zoologe stellt sogar noch eine weitere Vermutung auf: “Was man nicht ausschließen kann, ist eine Verhaltensauffälligkeit durch Krankheit”, so Dähne. Allerdings sei in dem Fall nicht klar, warum die Tiere Boote angreifen würden. Schließlich könnten sie sich so selbst gefährden. “Dass sie sich selbst einer Gefahr aussetzen – das machen Tiere normalerweise nicht.” Er plädiert dafür, die Situation weiter zu beobachten.

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