• Startseite
  • Wissen
  • Mundschutz: Warum im Westen weniger Menschen Atemmasken tragen als in Asien

Sind wir alle Egoisten? Warum in Asien so viele Menschen Mundschutz tragen und bei uns nicht

  • In Japan, China und Korea tragen viel mehr Menschen Masken als bei uns.
  • Das hat auch kulturelle Gründe. Das Gemeinwohl ist wichtiger als die individuelle Freiheit.
  • Der Westen sollte schleunigst umdenken – und lernen, den Egoismus zurückzustellen.
|
Anzeige
Anzeige

Nein, es ist kein gutes Gefühl. Etwas ist im Weg. Es kitzelt, es reibt auf der Haut, die Wärme staut sich, das Atmen fällt schwerer. Und dennoch: Wir sollen Masken tragen. Möglichst alle.

“Besorgen Sie sich einfache Schutzmasken oder basteln Sie sich selbst welche und tragen Sie diese im öffentlichen Raum”, fordert Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer. Es sei “ein Signal der Höflichkeit und des Engagements”, draußen eine Atemmaske zu tragen, sagt auch Christian Drosten, Chefvirologe der Charité. Spezielle FFP3-Schutzmasken mit Atemventil, die selbst vor Ansteckung schützen, benötige nur medizinisches Personal. Aber eine einfache Maske, ein Schal, ein selbst genähter Mundschutz? Dringende Empfehlung auch für vermeintlich Gesunde.

Es gibt kulturelle Gründe für die Mundschutz-Aversion

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Bloß: Es tut fast niemand in Deutschland. Die Seuche hat die ganze Welt im Griff – aber die Bilder gleichen sich nicht: Die Fotos und Filme aus Südkorea, aus Taiwan und China zeigen Hunderte, Tausende Menschen in Seoul, in Peking, in Hongkong mit weißen Atemmasken vor dem Gesicht. Der Mundschutz gehört in vielen Metropolen Asiens zum Straßenbild. Im öffentlichen Leben in Deutschland sind Masken selbst in der Corona-Krise noch immer selten. Das liegt nicht allein an Lieferschwierigkeiten. Es gibt tiefere Ursachen für die Masken-Aversion.

Es sind auch kulturelle Gründe, die dafür sorgen, dass Atemmasken im Osten die Regel und im Westen die Ausnahme sind. Das hat etwas mit der Rolle zu tun, die das Gemeinwesen spielt.

Der Westen nahm Masken lange belustigt zur Kenntnis

Die westliche Welt blickt traditionell mit einer Mischung aus Hybris und Argwohn auf die kollektivistischen Gesellschaften Asiens. Hierzulande nahm man es bislang eher irritiert bis belustigt zur Kenntnis, wenn Koreaner oder Japaner auch ohne medizinischen Grund im Alltag Atemmasken trugen. Im westlichen Kulturkreis wertete man dies als Indiz für eine überdrehte Keimphobie, quasi als putzige Schrulle hypochondrischer Völker. Dabei steckt viel mehr dahinter. Es geht um das konfuzianische Verständnis vom gemeinsamen Wohlergehen.

Der Lehrer und Philosoph Konfuzius lebte im fünften Jahrhundert vor Christus in China und formuliert ein Regelwerk für das Zusammenleben, die in Japan, Südkorea oder China über Hunderte Jahre die Züge einer Staatsreligion trug und bis heute die kulturelle Mentalität prägt. Zur konfuzianischen Sittenlehre gehören Fleiß, Treue und Zuverlässigkeit, aber vor allem die Unterordnung des Einzelnen unter die Bedürfnisse des Kollektivs.

Ziel ist eine störungsfreie individuelle und kollektive “Harmonie”, die ihren Quell in der moralischen Vervollkommnung des einzelnen Menschen hat. Oder kurz: Das Gemeinwohl ist wichtiger als das persönliche Ego. Daraus resultiert ein größeres Augenmerk auf das Wohlergehen der anderen. Das Prinzip des richtigen Verhaltens im Kollektiv prägt viele asiatische Gesellschaften stark.

Not macht erfinderisch: Mitarbeiter des Nordharzer Städtebundtheaters arbeiten in der Theaterschneiderei an Mundschutz-Masken aus Baumwoll-Stoffresten. © Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra

Emotionale Blockade gegen die Maske

Das ist ein fundamentaler kultureller Unterschied zum hiesigen Verständnis von Individualismus und dem Streben des Einzelnen nach Glück. Die Maske ist das perfekte Symbol für diese Mentalitätsdifferenz zwischen – grob gesagt – Ost und West. Unterordnung? Sich selbst einschränken ohne persönlichen Vorteil? Zum Wohl der anderen? Nicht doch.

Anzeige

Man soll für andere eine Maske tragen? Ganz ohne eigenen Nutzen? Obwohl man selbst (vermeintlich) keine bräuchte, weil sie sowieso nicht vor Covid-19 schützt? Man soll sich also dem Verdacht aussetzen, irgendwie infektiös und “giftig” zu sein, sich also mit einem “Makel” ausstatten, der nach Schwäche und Siechtum aussieht? Das ist uns vielfach fremd. Hinzu kommt die diffuse Sorge, dass Mundschutz mit Ganoventum assoziiert wird. Als hätten wir etwas zu verbergen. Die Furcht, nicht im besten Licht zu erscheinen, sitzt ebenso tief wie ein gewisses Erhabenheitsgefühl über asiatischen Kollektivismus. Das verhindert im Fall der Corona-Krise vernünftige Entscheidungen. Viele kaufen jetzt zwar dekorative Masken. Aber nur wenige tragen sie auch.

Die Angst, schwach oder albern zu wirken

Die Angst, schwach, überängstlich oder albern zu wirken, führt zu einer emotionalen Blockade gegen die Maske. Man fürchtet auch, seiner Individualität beraubt zu sein, schließlich sind Mund und Nase bedeckt. Diese Furcht ist stärker als der gesunde Menschenverstand, der sagt: Es kann nicht schaden, auch selbst genähte Masken zu tragen. Es gibt keine Garantie gegen das Coronavirus, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein toxisches Tröpfchen nicht auf der Schleimhaut eines anderen landet, sondern sich im Zellstoff verfängt.

In der Frühphase der Epidemie verbreiteten selbst Fachleute in Deutschland vielfach die Information, das Tragen von Masken bringe nichts, weil sie nicht schützten. Es lief eine regelrechte Anti-Masken-Kampagne. “Atemmasken für Gesunde sind unnötig”, schrieb im Februar die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Das sollte Hamsterbevorratung verhindern. Man konnte aber auch den Eindruck gewinnen, auf diese Weise solle der Mangel an Schutzkleidung kaschiert werden. So wuchs das Missverständnis, es bringe niemandem etwas, als gesunder Erwachsener eine Maske zu tragen. Die Wahrheit ist: Es bringt einem selbst wenig – aber allen anderen etwas.

Corona stellt westliche Prinzipien auf die Probe

Corona verlangt nach der Bereitschaft, viele der Prinzipien, die in der westlichen Welt so wichtig erscheinen – bürgerliche Freiheitsrechte, individuelles Glücksstreben, Primat der Wirtschaft, ausgeglichene Kosten-Nutzen-Rechnung – für eine Zeit sehr klar und spürbar einzuschränken. Das fällt uns so schwer, dass wir lieber wochenlang darüber diskutieren, was genau Südkorea im Kampf gegen das Virus alles richtig macht oder nicht, statt es sofort selbst zu tun.

Anzeige

“Wenn Sie sich die Daten in Hongkong ansehen, sind Masken wahrscheinlich die wichtigste Maßnahme bei der Infektionskontrolle”, sagt Virologe Alexander Kekulé. Und Drosten sagt: “Die Maske muss an der Quelle sein, nicht am Empfänger.” Sich selbst aber einzuschränken, um die Gemeinschaft zu schützen, fällt in der westlichen Welt schwerer als in der östlichen. Es ist eine kulturelle Eigenart, die in der Corona-Krise ernste Folgen haben könnte.

Video
Corona zu Ostern: Bäckerei verkauft Osterhasen mit Mundschutz
0:42 min
In einer Bäckerei im schweizerischen Bern gibt es jetzt Schokohasen mit Atemschutz zu kaufen.  © Imre Grimm/Reuters


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen