Zappelnde Menschen treiben Sie in den Wahnsinn? Willkommen im Misokinesie-Klub

  • Erstmals befassten sich Forscherinnen und Forscher mit der Wut, die zappelnde Mitmenschen in uns auslösen können.
  • Das psychologische Phänomen heißt Miso­kinesie – der Hass auf Bewegung.
  • Und davon sind sehr viel mehr Menschen betroffen, als man zunächst vermutet.
Alice Mecke
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Hannover. Wippende Beine, zappelige, hektische Bewegungen, tippende Finger – manche Menschen müssen einfach immer rum­hampeln. Und das kann so richtig nerven. Es lenkt ab, verbreitet nervöse Stimmung und führt bei dem ein oder anderen zu regel­rechten Wut­anfällen. Einfach nur genervt von einem „Zappel­philipp“? Nein, für manche Menschen ist das Rum­gehampel wirklich harter Tobak – und hat dafür gesorgt, dass es jetzt erstmals auch die Wissenschaft auf dem Schirm hat.

Eine Studie zu dem psychologischen Phänomen gab dem Kind erst mal einen Namen: Miso­kinesia. Das bedeutet: „Hass der Bewegungen.“ Ein Forscher­team unter der Leitung von Erst­autorin und Psychologie-Doktorandin Sumeet Jaswal von der University of British Columbia in Kanada beschreibt den Bewegungs­­hass folgendermaßen: „Miso­kinesia ist ein psycho­logisches Phänomen, das durch eine starke negative affektive oder emotionale Reaktion auf den Anblick kleiner und sich wieder­­holender Bewegungen einer anderen Person definiert wird, zum Beispiel, wenn jemand mit einer Hand oder einem Fuß herumzappelt.“ Und laut den Forscherinnen sei bis zu jeder dritte Mensch davon betroffen.

„Doch überraschender­weise fehlt es an wissen­schaftlicher Forschung zu diesem Thema“, heißt es in der Studie. Ein verwandter Zustand, der etwas weiter erforscht ist, ist Miso­­phonie – der Hass auf Geräusche. Miso­­kinesie sei teilweise ähnlich, aber die Auslöser sind im Allgemeinen eher visuell als klangbezogen, sagen die Forscher.

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Studienergebnisse sprechen für sich

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Wie viele Menschen vom Bewegungs­hass betroffen sind und wie unter­schied­lich ausgeprägt dieser ist – um das zu ergründen, führte das Forschungs­team die „erste eingehende wissen­­schaftliche Erforschung“ der Miso­kinesie durch – und die Ergebnisse zeigen, dass eine große Anzahl von Menschen mit einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Zappeln zu kämpfen hat. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht.

Für die Untersuchung waren 4100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer untersucht worden, darunter waren Studentinnen und Studenten sowie Personen aus der allgemeinen Bevölkerung. Zuerst wurde die Gruppe Studierender dazu befragt, ob sie „jemals besonders negative Gefühle, Gedanken oder körperliche Reaktionen“ gehabt oder gezeigt hätten, wenn sie das Gezappel oder die sich wiederholenden Bewegungen – wie wippende Füße, Kaugummikauen oder trommelnde Finger – anderer Personen beobachtet haben. 38 Prozent der Studierenden antworteten mit Ja. 31 Prozent gaben an, sowohl Miso­kinesie als auch Miso­phonie zu haben.

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Dann befragten die Forschenden eine ältere und demografisch vielfältigere Gruppe und kamen dabei zu einem ähnlichen Ergebnis: 36 Prozent der Befragten gaben an, eine miso­­kinesische Über­empfind­lich­­keit zu haben, während 25,5 Prozent sagten, dass bei ihnen sowohl Miso­kinesie als auch Miso­phonie aufträten.

Im Alter wird Empfindlichkeit höher

„Diese Ergebnisse stützen die Schluss­folgerung, dass Miso­kinesie-Sensitivität kein auf klinische Populationen beschränktes Phänomen ist, sondern eine grundlegende und bisher unterschätzte soziale Herausforderung, die von vielen in der breiteren Allgemein­bevölkerung geteilt wird“, heißt es in der Studie. Zudem stellten die Wissen­schaftlerinnen und Wissen­schaftler fest, dass Miso­kinesie mit dem Alter zunehme und ältere Erwachsene von „einem breiteren Spektrum von Heraus­forderungen“ berichteten.

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Weiter zeigte die Analyse, dass Miso­kinesie manchmal Hand in Hand mit Miso­phonie geht – allerdings nicht immer. Generell scheint das Phänomen von Person zu Person erheblich zu variieren, wobei einige Menschen nur eine geringe Empfind­lich­keit gegenüber Hampeleien angeben, während sich andere stark betroffen fühlen.

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Das Problem des „Spiegelns“

Das ist also die grund­legende Frage: Warum finden wir Zappeln so nervig? Studien­autrorin Jaswal hat dafür eine Hypo­these: „Eine Möglichkeit, die wir unter­suchen möchten, ist, dass ihre ‚Spiegel­neuronen‘ im Spiel sind“, erklärt Jaswal. Diese Neuronen würden aktiviert, wenn wir uns bewegen, aber auch, wenn wir sehen, wie sich andere bewegen, erklärt die Doktorandin.

„Daher kommt der Begriff ‚Spiegel‘, weil wir die Bewegungen anderer in unserem Gehirn spiegeln. Diese Neuronen helfen uns, andere Menschen und die Absicht hinter ihren Bewegungen zu verstehen.“ Laut Jaswal seien die Neuronen mit Empathie verbunden: „Wenn Sie zum Beispiel sehen, dass jemand verletzt wird, können Sie auch zusammen­zucken, da sich sein Schmerz in Ihrem eigenen Gehirn wider­spiegelt und Sie seine Emotionen erleben und sich in ihn einfühlen.“

Daher ist es möglich, dass sich Menschen, die zu Miso­­kinesie neigen, unbewusst in die Psychologie von Zappelern einfühlen – allerdings nicht im Guten: „Ein Grund, warum Menschen zappeln, ist, dass sie ängstlich oder nervös sind. Wenn Menschen, die an Miso­kinesie leiden, sehen, dass jemand zappelt, können sie dies spiegeln und sich auch ängstlich oder nervös fühlen“, so Jaswal.

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Verständnis für Betroffene

Nun könnte man sagen, dass doch fast jeder, mal mehr, mal weniger, von hektischen Bewegungen genervt ist. Bei Miso­kinesie werden die Menschen von Bewegungen aber sehr viel stärker getriggert. „Sie werden emotional negativ beeinflusst und erleben Reaktionen wie Wut, Angst oder Frustration sowie eine verminderte Freude an sozialen Situationen, Arbeits- und Lern­umgebungen“, erklärt Psychologe Todd Handy, der ebenfalls an der Studie beteiligt war, in einer Presse­mitteilung. Einige gingen aufgrund der Erkrankung sogar weniger sozialen Aktivitäten nach, so Handy.

Der Professor wurde auf das Thema übrigens aufmerksam, da er anscheinend selbst zu der Kategorie Zappel­philipp zählt: Während eines Essens gestand Handys Freundin, dass sie von seinen Zappeleien wahnsinnig gestresst sei. „Das hat mir als ihr Partner natürlich Sorgen bereitet“, so Handy. „Aber als Neuro­wissen­schaftler, der sich viel mit visueller Aufmerk­samkeit beschäftigt, war mein Interesse geweckt. Ich dachte mir in dem Moment: ‚Was steckt wohl hinter diesem außer­gewöhn­lichen Phänomen?‘“

Hoffnung auf ein besseres Verständnis und bessere Ergebnisse.

Miso­kinesie sei ein weit verbreitetes Phänomen, über das noch nie jemand wirklich gesprochen habe, erklärt Handy. „Durch den Beginn dieser Diskussion gibt es Grund zur Hoffnung auf ein besseres Verständnis und bessere Ergebnisse.“

Und für alle, die an Miso­kinesie leiden, hat Handy aufbauende Worte: „Sie sind nicht allein. Ihre Heraus­forderung ist [...] real. Als Gesellschaft müssen wir anerkennen, dass viele von Ihnen still­schweigend unter dieser visuellen Heraus­forderung leiden [...].“

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