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  • Menschenhaar gegen Ölkatastrophe? Umweltbiologin Megan Murray im Interview

Umweltbiologin: Menschenhaar kann bei Ölkatastrophen eingesetzt werden

  • Immer wieder kommt es weltweit zu folgenreichen Ölverschmutzungen im Meer.
  • Die australische Umweltbiologin Megan Murray forscht an Technologien bei Ölverschmutzungen.
  • So hat die Biologin erforscht, dass etwa Menschenhaar als Adsorptionsmittel gegen Rohöl helfen kann.
Stefan Wagner
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Megan Murray ist Umweltbiologin an der University of Technology Sydney in Australien. Sie ist spezialisiert auf Umweltschadstoffe und Sanierungsstrategien. Ihre Forschung befasst sich vor allem mit Sorptionsmitteltechnologie bei Ölverschmutzung sowie der Bodensanierung durch den Einsatz von Pflanzen.

Es gibt Berichte, nach denen sich auf Mauritius Menschen die Haare schneiden lassen, um so gegen die Ölpest vor ihrer Nation vorzugehen. Wie soll Haar gegen Öl helfen?

Es freut mich natürlich sehr, dass diese Vorgehensweise gegen Ölverschmutzung jetzt angewendet wird. Ich forsche seit Jahren an diesem Thema. Haar ist ein recht einfaches Mittel, das vor allem auch wenig umweltschädlich ist. Haare und Felle gelten als Adsorptionsmittel für Rohöl. Das darf man nicht mit ABsorptionsmitteln verwechseln. Ein ABsorptionsmittel nimmt Stoffe auf. Bei der ADsorption reichert sich der Stoff an der Oberfläche eines Festkörpers – also in diesem Fall eines Haares – an, dringt aber nicht ein.

Das heißt, wenn man von fettigem Haar spricht, ist das genau diese Adsorption?

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Richtig, da haben sich Substanzen wie natürliche Öle aus den Talgdrüsen der Kopfhaut auf dem Haar abgelagert. Die meisten Haarprodukte funktionieren nach demselben Prinzip, sie umhüllen gleichsam die Haare und bedecken die Oberfläche jedes einzelnen Haares.

Angeregt von der Exxon-Valdez-Ölkatastrophe vor Alaska im Jahr 1989 hat ein Friseur aus Alabama erstmals mit abgeschnittenem Menschenhaar experimentiert, um Öl aufzunehmen. Er hatte Haar aus seinem Salon in Damenstrumpfhosen verpackt und gute Erfolge damit erzielt. Seitdem hat sich viel getan.

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Allerdings. Haar ist schon bei mehreren Ölkatastrophen eingesetzt worden, zum Beispiel bei der Deepwater-Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Schlichtweg deshalb, weil es sehr effektiv ist. Es gab jedoch wenig Forschung, die die offensichtlich guten Ergebnisse in der Praxis genauer unter die Lupe genommen hat. Nun wissen wir, dass recyceltes Haar zumindest ebenso effektiv ist wie Polypropylen. Dieser Kunststoff hat gute Barriereeigenschaften gegen Fett und Feuchtigkeiten und wird viel in Folien und Behältern eingesetzt. Polypropylen war der Stoff, der in den vergangenen Jahrzehnten vorzugsweise gegen Ölverschmutzung eingesetzt wurde – aber dieser Stoff ist natürlich keine abbaubare Ressource.

Die australische Umweltbiologin Megan Murray forscht an Technologien bei Ölverschmutzungen. © Quelle: UTS

Wie haben Sie das getestet?

Wir haben Mini-Umweltkatastrophen in meinem Labor simuliert. Wir bilden Mikrokosmen. Das sind Behälter, die die Schadstoffe und Adsorptionsmittel wie das menschliche Haar oder auch Hundehaar beinhalten, und spielen dann durch, was wir im Ablauf einer Katastrophe erwarten. Das Haar kann etwa das drei-bis neunfache seines eigenen Gewichtes an Öl aufnehmen. Und wir haben herausgefunden, dass Haar nicht nur einmal, sondern mehrfach als Adsorbens eingesetzt werden kann.

Welche Art von Haaren ist ideal für die Anwendung bei Ölverschmutzung?

Wir haben gemischte Haare verwendet. Das ist auch realitätsnäher. Es bringt wenig, Mühe in die Trennung oder gezielte Auswahl bestimmter Haartypen zu investieren. Da müsste man Sortierungsprozesse etablieren. Das kostet Zeit, Geld, Arbeit und würde den ökologischen Fußabdruck des Einsatzes erhöhen. Haar ist ein wunderbarer nachhaltiger nachwachsender Rohstoff.

Haar als Rohstoff ist für viele ein komplett neuer Gedanke.

Wir müssen auch neu denken, wenn es um den Kampf gegen Katastrophenfolgen geht. Nachhaltige Lösungen sind langfristig einfach besser, vor allem, weil sie ebenso effektiv sind. Wir sind so abhängig von Plastik und Öl, das hängt ja schließlich zusammen. Da ist es doch fast widersinnig, eine Ölpest mit Plastik zu bekämpfen, das wiederum eine negative Wirkung auf die Umwelt hat. Es ist zwar ein ungewöhnlicher Ansatz, Haare einzusetzen, aber auf jeden Fall ein sehr nützlicher.

Nimmt Haar auch andere Substanzen auf, die im Meerwasser sind?

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Alle Sorptionsmittel, die in Frischwasser oder Meerwasser eingesetzt werden, nehmen eine kleine Menge des Wassers auf, das sie umgibt. Aber wir haben untersucht, ob die nachhaltigen schwimmenden Barrieren mit Haaren mit denen aus Kunststoff vergleichbar sind. Das Ergebnis war, dass die Ölaufnahme zumindest vergleichbar ist, wenn nicht noch höher.

Sind nicht unendliche Mengen an Haaren und Fell nötig, um eine Ölpest vom Ausmaß der “Wakashio”-Katastrophe vor Mauritius in den Griff zu bekommen?

Klar, die Menge an Haaren hängt natürlich von der Menge des Rohöls ab, das sich in einen Ozean ergießt. Aber entscheidend ist doch, dass man etwa die gleiche Menge an Haaren brauchen würde wie an herkömmlichem Polypropylen. Das eine ist nachhaltig, das andere nicht. Ich frage Sie: was ist da besser bei einer Umweltkatastrophe?

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