Mehrere Partner: Flechten sind komplexer als gedacht

Alge + Pilz = Flechte – so einfach ist es wohl doch nicht. Denn bei so mancher Flechte ist die Zahl der Partner größer als bisher angenommen. Das macht die Sache kompliziert.

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Uppsala. Eine Flechte besteht aus einem Pilz und einer Alge. So steht es seit mehr als einem Jahrhundert in Schul- und Lehrbüchern. Wirklich richtig ist es aber wohl nicht, wie nach ersten Hinweisen nun eine weitere Studie zeigt. Demnach gehen zumindest bei einigen Flechten bis zu drei Pilzarten eine gemeinsame Algenliaison ein. Die Beziehung sei komplexerer Natur als bisher angenommen, berichten Forscher im Fachmagazin „Current Biology“.

Flechten sind ein Zusammenschluss von Arten zu gegenseitigem Vorteil, eine sogenannte Symbiose. Der Gastgeber, meist ein Schlauchpilz, versorgt „seine“ Grün- oder Blaualgen mit Wasser, Mineralstoffen und Kohlendioxid, bietet ihnen Schutz vor UV-Strahlung, Austrocknung und Tierfraß. Im Gegenzug geben diese einen Teil ihrer per Photosynthese hergestellten Kohlenhydrate an den Pilz ab.

Flechten sind ein Mini-Ökosystem

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Schon vor einigen Jahren wurde entdeckt, dass die einige Millimeter bis zu mehrere Meter große Zweiergemeinschaft ein Dreifachorganismus sein kann: Auch Hefepilze wurden als Bestandteil nachgewiesen. Unklar blieb, wie spezifisch dieser dritte Partner ist – schließlich sind generell viele Oberflächen von Lebewesen mit Bakterien- oder Pilzgemeinschaften besiedelt. Ähnlich unserem Darm sind auch Flechten ein eigenes Mini-Ökosystem.

Das Team um Veera Tuovinen von der University of Alberta in Edmonton (Kanada) und der Universität in Uppsala (Schweden) untersuchte nun das Erbgut von Proben der Wolfsflechte (Letharia vulpina) und verwandter Arten. Diese zitronengelbe Strauchflechte wächst an Nadelbäumen oder daraus gefertigten Holzflächen in Europa, den USA und dem Westen Kanadas. Sie enthält einen Giftstoff und wurde früher in Ködern zum Töten von Wölfen und Füchsen verwendet.

Wie konnten die weiteren Partner bisher verborgen blieben?

In den Letharia-Proben aus verschiedenen Regionen Europas und Nordamerikas fanden die Forscher häufig nicht eine, sondern drei Pilzarten als Partner der Alge – die „Neuen“ stammten aus den Gruppen der Hefe- und der Ständerpilze. Wie sie der Wissenschaft so lange verborgen bleiben konnten, sei rätselhaft, schreiben die Forscher.

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Weitere Studien müssten nun zeigen, ob auch bei anderen Flechten mehrere Pilzpartner statt nur einem üblich sind. Möglicherweise seien viele auf Flechten gefundene Pilzarten fälschlicherweise als folgenlose Besiedler oder Krankheitserreger eingestuft worden. Unklar sei auch noch, welche Rolle die verschiedenen Pilz-Partner für den Austausch zu gegenseitigem Nutzen spielen.

Extreme Kälte macht Flechten nichts aus

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Rund 25.000 Flechtenarten sind weltweit beschrieben, in Deutschland sind etwa 2000 Arten bekannt. Lange Bartflechten hängen – zumindest in weitgehend schadstofffreien Regionen noch – von alten Laubbäumen, bunte Strauch- und Krustenflechten überziehen Mauerwerk. In Wüsten sind die Lebensgemeinschaften ebenso zu finden wie im Hochgebirge, auf schwermetallhaltigen Böden und in antarktischen Felsregionen.

Erfolgreich macht die wahrscheinlich schon seit mehr als 600 Millionen Jahren existierende Gemeinschaft ihre extreme Widerstandskraft: Im Trockenzustand kann man Flechten für Stunden in minus 196 Grad kalten Stickstoff tauchen, bei minus 60 Grad gar über Jahre lagern – und sie leben weiter. Auch bis zu 80 Grad Hitze sind für trockene Flechten an dunklem Basaltgestein kein Problem.

Von RND/dpa