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Megacitys: Warum sich die Klimawende in den Metropolen entscheidet

  • Immer mehr Menschen wohnen in Metropolen - die Temperaturen dort steigen immer höher.
  • Experte: Genau dort entscheidet sich die Klimawende.
  • Vorbilder sind Städte wie Amsterdam, Kopenhagen und Wien.
Daniel Dettling
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Berlin. Immer mehr Länder und Städte rufen den Klimanotstand aus. Die Folgen des Klimawandels zwingen vor allem die Städte zur drastischen Anpassung. Und das nicht nur im Süden der Welt - in den Entwicklungs- und Schwellenländern, erklärt Daniel Dettling, Leiter des Zukunftsinstituts in Berlin.

Fast 80 Prozent der 520 größten Städte weltweit werden einen extremen Klimawandel erleben, in einem Fünftel der globalen Megastädte werden Temperaturen herrschen, die es bisher in keiner Großstadt gibt, prognostiziert eine neue Studie der ETH Zürich von Jean-François Bastin und Kollegen.

Bis zum Jahr 2050 könnten demnach die durchschnittlichen Temperaturen in Europas Städten um bis zu vier Grad im Sommer und um bis zu fünf Grad im Winter ansteigen. London wird zu Barcelona, Berlin zu Madrid und Madrid zu Marrakesch.

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Notstand: Bedrohung durch Wasser und Luftqualität groß

Vor allem die globalen Megacitys fühlen sich durch den Klimawandel bedroht. Sie sind motivierter, das globale Problem zu lösen, weil sie schneller und empfindlicher unter ihm leiden. Neun von zehn Städten weltweit liegen an einem Gewässer, also an einem Meer, See oder Fluss - 14 der 17 größten Städte liegen direkt an der Küste.

Großstädte wie Mumbai und Miami können noch in diesem Jahrhundert in steigenden Meeren versinken. Aber nicht nur am Wasser, auch auf dem Land sind Leben und Lebensqualität bedroht. Mit drastischen Worten beschreibt der Bürgermeister der englischen Hauptstadt, Sadiq Khan, die Lage: „Die Luft in London ist ein Killer“, sagt er 2017. Die schlechte Luftqualität sei heute das größte Umwelt- und Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung.

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Viele Staaten vertreten eine eigene Klimapolitik

Die Städte wehren und vernetzen sich und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. In den USA ist dem Ausstieg Donald Trumps aus dem globalen Klimaabkommen keine Stadt gefolgt. Staaten wie Kalifornien betreiben längst eine eigene Klimapolitik. Die Bürgermeister von London, Paris, Los Angeles, Kopenhagen, Barcelona, Mexiko-Stadt und Mailand haben sich dazu verpflichtet, ab 2025 nur noch Elektrobusse zu kaufen. Bis 2030 soll der städtische Verkehr weitgehend emissionsfrei sein.

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Vorbilder aus Europa: Amsterdam, Kopenhagen und Wien

Wie sich die Energiewende mit einer steigenden urbanen Lebensqualität koppeln lässt, zeigen vor allem Städte des europäischen Nordens. So haben Kopenhagen und Amsterdam den Autoverkehr in den vergangenen Jahren massiv reduziert. Ihr Beispiel zeigt: Gibt es attraktive Radwege, steigen die Bürger aufs Fahrrad um.

In Österreich wurde die Initiative Zero Emission Cities gegründet. Wien ist seit Jahren beim Thema Lebensqualität global führend und gilt in Sachen Wohnen und Mobilität als Vorbild für die Metropolen von morgen.

Auf einer App bekommen die Wiener Bürger angezeigt, wie viel CO2 sie durch die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs gespart haben. Ab 2020 startet die Stadt das Projekt Kultur-Token: Mit einer App werden die Bürger spielerisch zu klimaschonendem Verhalten animiert. Die Wiener können dann Punkte sammeln, wenn sie zu Fuß gehen, das Rad oder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Diese Tokens können sie dann in Kultureinrichtungen der Stadt einlösen.

Urban Farming: Landwirtschaft in der Stadt

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Städte sind für beinahe die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, die urbanen Infrastrukturen verbrauchen etwa 70 Prozent der weltweiten Energie, heißt es in einer UN-Studie. Um die Klimakrise zu stoppen, müssen die Städte grüner werden.

Trends wie Urban Farming weisen den Weg: Die Landwirtschaft wird zunehmend zur Stadtwirtschaft. Die Frage nach der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung wird auch in den urbanen Räumen beantwortet.

Mehr Landwirtschaft in den Städten sorgt für besseres städtisches Klima, mehr Artenvielfalt und nachhaltigere Stadtentwicklung. Auch das lässt Städte in den nächsten Jahren grüner werden – neben Strom aus erneuerbaren Energiequellen, nachhaltigem Bauen, mehr Grünflächen und Wäldern sowie Lebensmittelmärkten.

Mehr Bürgerbeteiligung durch Wettbewerbe

Der Kampf gegen die Klimakrise wird zum Projekt der Bürgermeister – und Bürger. Letztere unterstützen den Wandel, wenn sie sich von Anfang an beteiligen können. Die Antwort auf den Klimawandel ist deshalb die Klimademokratie.

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So hat der Stadtrat von Zürich sich dazu entschieden, zwar auf das Ausrufen des Klimanotstands zu verzichten, bei der Abwägung von Interessen dem Klima dennoch eine Priorität einzuräumen – und die Züricher dabei aktiv einzubinden. Die Stadt setzt auf eine breite Beteiligung der Bürger und auf Anreize, damit sich das Engagement auch auszahlt.

Für den nötigen Wettbewerb der besten Ideen, das experimentelle Voneinanderlernen und die Entfesselung der kollektiven Intelligenz könnten weltweit Städte-Olympiaden wie der soeben gestartete Climate City Cup sorgen.

Bürgermeister könnten globale Probleme lösen

„Wenn Bürgermeister die Welt regierten, wären viele globale Probleme längst gelöst“, schrieb Benjamin Barber, der weltweit angesehene und inzwischen verstorbene US-Forscher für Zivilgesellschaft, in seinem letzten Bestseller „If Mayors Ruled the World“.

Barber zufolge reagieren Städte schneller, konkreter und auch bürgernäher auf Krisen und Herausforderungen wie den Klimawandel. 2016 gründete Barber das Global Parliament of Mayors, in dem mehr als 60 Städte und Netzwerke wie Eurocities, die US-Bürgermeisterkonferenz und die OECD vertreten sind. Die wichtigste Erkenntnis: „Think global, act local!“