Der Kohleabbau und die deutschen Klimaziele

„1,5 °C heißt: Lützerath bleibt“ – stimmt das?

Der Ort Lützerath soll zur Kohlegewinnung des Konzerns RWE abgebaggert werden.

Der Ort Lützerath soll zur Kohlegewinnung des Konzerns RWE abgebaggert werden.

Das gelbe Banner, das bis zuletzt an dem alten Hof in Lützerath hing, war nicht zu übersehen. „1,5 °C heißt: Lützerath bleibt“ stand darauf in großen schwarzen Buchstaben. Klima­aktivistinnen und Klima­aktivisten hatten es angebracht, um gegen die Räumung des Dorfes zu protestieren, in dem der Energiekonzern RWE zukünftig Braunkohle abbauen will. Auch wenn längst klar ist, dass Braunkohle ein Klimakiller ist, denn bei der Verbrennung werden großen Mengen Kohlenstoffdioxid (CO₂) freigesetzt, ein Treibhausgas, das dafür sorgt, dass sich die Erde weiter erwärmt. „Mit dem 1,5‑Grad-Limit ist die Verbrennung der Kohle unter Lützerath nicht vereinbar“, pflichtete die Umwelt­schutz­organisation Greenpeace den Aktivistinnen und Aktivisten bei.

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Schon jetzt halten Forschende das 1,5‑Grad-Ziel kaum wirklich mehr für realistisch. Stattdessen steuere die Welt bis 2100 auf eine globale Erwärmung von 1,7 bis 2,4 Grad zu, hatte eine Studie der Unternehmens­beratung McKinsey vergangenes Jahr ergeben. Für das Weltklima sei die Verbrennung der Kohle aus Lützerath „völlig irrelevant“, meint Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif. „Ein Verzicht auf den Abbau würde uns dem 1,5‑Grad-Ziel für die maximale Erderwärmung keinen Schritt näherbringen“, sagte er der „Rheinischen Post“. Das könnten nur alle Länder zusammen. „Die Plakate der Demonstranten sind da irreführend.“

CO₂-Emissionen in Deutschland steigen

Weltweit ist Deutschland tatsächlich nicht der größte CO₂‑Produzent. Im Jahr 2021 waren es nach Angaben des „Global Carbon Projects“ knapp 675 Millionen Tonnen Kohlen­stoff­dioxid-Emissionen, die hierzulande durch fossile Brennstoffe entstanden sind. Zum Vergleich: In den USA waren es etwa fünf Milliarden Tonnen, in China sogar knapp 11,5 Milliarden. Nicht nur Deutschland, sondern auch andere Länder müssen also CO₂‑Emissionen einsparen.

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Allerdings zeigt sich schon hierzulande, wie schwer es ist, Emissionen einzusparen. Im Moment passiert genau das Gegenteil: So seien allein in der Energie­wirtschaft die CO₂‑Emissionen im Jahr 2021 um 12,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, berichtet das Umweltbundesamt. Nach Berechnungen des Beratungs­unternehmens Aurora Energy Research dürften die Zahlen nun weiter steigen: Zwischen 2022 und 2038 erwartet das Unternehmen einen Anstieg der Emissionen im deutschen Stromsektor um 61 Millionen Tonnen, wenn Kohle- und Ölkraftwerke, die einer potentiellen Gas­mangel­lage vorbeugen sollen, zurückgeholt und die Laufzeiten der Braun­kohle-Kraftwerke im Rheinland verlängert werden. Damit würde es für Deutschland unmöglich werden, die nationalen Klimaziele zu erreichen.

CO₂‑Bugdet schmilzt

Bis spätestens 2038 will Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigen. Doch entscheidend sei nicht das Ausstiegsdatum, sondern das CO₂‑Budget, betonte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Gemeint ist die Menge an CO₂, die in die Atmosphäre abgegeben werden darf, um die globale Erwärmung auf eine bestimmte Gradzahl zu begrenzen. Und dieses Budget werde „deutlich überschritten“, erklärte die Energie­ökonomin. Mehr­emissionen aus der deutschen Braun­kohle­verstromung könnten zwar an anderer Stelle kompensiert werden; doch das hält Kemfert für „wenig wahrscheinlich“.

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„Das noch verbleibende CO₂‑Budget schmilzt rapide“, warnte der Sachverständigenrat für Umweltfragen schon im vergangenen Jahr. Es blieben im deutschen Budget nur noch maximal 6,1 Gigatonnen CO₂, um die Erderwärmung auf 1,75 Grad zu begrenzen – mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent. Um das 1,5‑Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent zu erreichen, müsste Deutschland seine Emissionen wiederum auf 3,1 Gigatonnen begrenzen. Weltweit dürften dafür laut Bericht des Weltklimarates nur noch höchstens 500 Milliarden Tonnen CO₂ emittiert werden.

RWE: Tagebau-Bagger können im Frühjahr Lützerath erreichen

Der Energiekonzern RWE kommt mit dem Abriss des Ortes Lützerath im rheinischen Braunkohlerevier offenbar rasch voran.

Kohleausstieg im Rheinland vorverlegt

„Für die nationale Ebene würde ein Erhalt von Lützerath zu einer Verringerung des CO₂‑Ausstoßes führen, das Erreichen der Sektorziele wäre einfacher“, sagte Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. „Die Größen­ordnung des Minderungs­effektes hängt davon ab, auf welche alternativen Optionen zurück­gegriffen werden kann (Gaskraftwerke, Ausbau erneuerbarer Energien), beziehungsweise welche Entwicklungen den geringen Bedarf begründen wie zum Beispiel eine verringerte Stromnachfrage.“

Im Rheinischen Revier, in dem Lützerath liegt, soll schon 2030 Schluss sein mit dem Braun­kohle­abbau. Durch diesen vorgezogenen Kohleausstieg würden mindestens 280 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden, argumentiert das nordrhein-westfälische Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie. Die Laufzeiten der Kraftwerke würden sich halbieren. Das sei ein „gewaltiger Schritt zur Einhaltung der Klimaziele für 2030“. Es ist jedoch genau das gegenteilige Ergebnis der Studie von Aurora Energy Research. Die Datenlage ist keineswegs eindeutig.

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Kohlekraft wird unrentabel

Auch ohne vorverlegten Ausstieg hätte der Energiekonzern RWE nach 2030 dort keine Kohle mehr abgebaut, ist Niklas Höhne wiederum überzeugt. Der Klimaforscher und Mitbegründer des Kölner New Climate Institute verweist im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf die Verschärfung der Mengenbegrenzung im Europäischen Emissionshandel, die dazu führen werde, dass der CO₂‑Preis weiter steigt, was Braun- und Steinkohle unrentabel macht. „Das heißt, RWE hatte zwar die Option, noch bis 2038 Kohle zu verfeuern, hätte diese Option aber auch ohne Vorziehen des Kohleausstiegs wahrscheinlich nicht genutzt“, sagte Höhne. „Das wiederum bedeutet: Es finden nach 2030 überhaupt nicht weniger Emissionen statt, aber vor 2030 wird dafür ganz klar mehr emittiert.“

Um die nationalen Klimaziele zu erreichen, gibt es aus Sicht von Ottmar Edenhofer nur einen Weg: Windkraft und Sonnenstrom müssen die Kohle im Energiesystem ersetzen. Solange die europäische Mengen­begrenzung bei den Treibhausgasen eingehalten wird und der CO₂‑Preis wirkt, „können wir vorüber­gehend auch mehr Kohle verfeuern“, sagte der Direktor des Potsdam-Institut für Klima­folgen­forschung. Denn durch Einsparungen an anderer Stelle – wenn sie denn erfolgen – würden unterm Strich keine zusätzlichen klimaschädlichen Abgase in die Atmosphäre gelangen. Aber: „Auch wenn Lützerath abgebaggert wird, hat die Kohle keine Zukunft.“

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