Wissenschaftler liefern Beweis: Vögel werden infolge des Klimawandels immer kleiner

  • Ein Ornithologe des Field Museum in Chicago hat 40 Jahre lang tote Zugvögel aufgesammelt und vermessen.
  • Die Analyse der rund 70.000 Exponate zeigt nun: Die Vögel sind geschrumpft.
  • Für die Wissenschaftler hängen die Veränderungen eindeutig mit dem Klimawandel zusammen.
Michèle Förster
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Wenn das Klima wärmer wird, schrumpfen die Vögel – das vermuteten Forscher schon lange, doch nun gibt es Beweise. Über einen Zeitraum von 40 Jahren wurden tote Vögel eingesammelt, die gegen Fensterscheiben und Gebäude geflogen waren. Dabei ist eine umfangreiche Sammlung entstanden, die aus mehr als 70.000 Vögeln von 52 Arten besteht.

Biologen der University of Michigan haben jedes der Tiere vermessen und bei der Dokumentation festgestellt, dass die Vögel über die Jahre kleiner wurden. Gleichzeitig wurden ihre Flügel etwas länger. Das belegt, was bisher nur vermutet wurde: Die Vögel passen sich den klimabedingten Veränderungen an.

Ornithologe legt gigantische Sammlung toter Vögel an

Der Mann hinter der beeindruckenden Sammlung ist Dave Willard: Seit 40 Jahren jeden Tag um halb vier in der Früh aufzustehen, um tote Vögel einzusammeln, ist schon ein großes Opfer. Doch es ist eins, das der passionierte Ornithologe gerne bringt. Willard bringt die toten Vögel, die in der Nacht gegen die Fassaden von Hochhäusern geflogen waren, ins Field Museum in Chicago. Dort vermisst er anschließend jedes einzelne Tier, dokumentiert die Daten und bewahrt die Vögel ordentlich aufgereiht in Schubladen auf.

Vögel werden auf Nachtflügen häufig vom künstlichen Licht der Gebäude angezogen, was zu tödlichen Kollisionen mit Fensterscheiben führt. Zum Glück unterstützen freiwillige Helfer Willard bei seiner Arbeit und bringen die so aufgefundenen Vögel ins Museum. So kam die umfangreiche Sammlung zustande: Exakt 70.716 Vögel aus 52 Arten liegen im Naturhistorischen Museum.

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Körpergröße und Klimaerwärmung hängen zusammen

Die im Fachblatt „Ecology Letters“ veröffentlichte Studie des Forschungsteams aus Michigan zeigt, dass die untersuchten Vögel im Schnitt um 2,4 Prozent geschrumpft sind. Sowohl die Körpermasse, die Länge der Unterschenkel als auch die gesamte Körpergröße wurde über die Jahrzehnte kleiner.

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Zugenommen hatte nur die Spannweite der Flügel: Diese war im Schnitt 1,3 Prozent größer. Für die Forscher stehen diese evolutionären Veränderungen in direktem Zusammenhang mit der Klimaerwärmung. „Wir hatten guten Grund zu der Annahme, dass die steigenden Temperaturen aufgrund früherer Studien zu einer Verringerung der Körpergröße führen würden. Das Schockierende war allerdings die Konsequenz: Ich war unglaublich überrascht, dass alle Arten auf ähnliche Weise reagieren“, sagt der Hauptautor der Studie, Brian Weeks, in einer Mitteilung des Museums.

Vögel passen sich der Umwelt an

Für die Biologen hängen diese Veränderungen ganz klar mit den steigenden Temperaturen in den Brutstätten nördlich von Chicago zusammen: 1978 war es dort rund ein Grad Celsius kühler. Eine Erklärung dafür, warum die Vögel schrumpfen, liefert die Bergmannsche Regel. Die vom Göttinger Biologen Carl Bergmann aufgestellte Formel besagt, dass die Körpergröße von gleichwarmen Säugetieren und Vögeln an das Klima gebunden ist.

In kälteren Regionen sind die Arten tendenziell größer als ihre verwandten Artgenossen in wärmeren Gebieten. Denn größere Tiere haben zwar ein großes Körpervolumen, im Verhältnis dazu aber eine geringere Oberfläche, über die sie Wärme verlieren können. Je wärmer es also wird, desto kleiner können auch die dort lebenden Vögel sein.

Sammlung ist für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert

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Die Sammlung von Dave Willard ist in ihrem Umfang einzigartig. Über seinen ersten Fund vor dem Chicagoer Kongresszentrum sagt der heute 73-jährige Ornithologe: „Ich habe mich immer gefragt, ob ich mir jemals die Mühe gemacht hätte, zurückzukehren, wenn es an diesem Morgen keine Vögel gegeben hätte.“

Doch durch die ausdauernde Sammelleidenschaft des Vogelkundlers ist ein riesiger Datensatz entstanden, der der Wissenschaft heute für weitere Untersuchungen dienen kann. Das haben auch die Autoren erkannt: „Die Ergebnisse dieser Studie verdeutlichen, wie wichtig langfristige Datensätze sind, um Trends zu identifizieren und zu analysieren, die durch Veränderungen in unserer Umwelt verursacht werden.“