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Kranker Körper – kranke Seele: Wie das Immunsystem Depressionen auslösen kann

  • Ist das Immunsystem des Körpers angeschlagen, so kann es neben physischen Krankheiten auch Depressionen auslösen.
  • Experte: „Fettleibigkeit geht oft mit einer chronischen unterschwelligen Entzündung einher“
  • Hinter so mancher Depression oder Schizophrenie steckt steckt eine körperliche Quelle
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Hannover. Gleich an mehreren Fronten hatte die 55-jährige Frau aus Berlin zu kämpfen. Sie schlug sich nicht nur mit Übergewicht herum, sondern steckte auch im tiefen dunklen Loch einer chronischen Depression. Als sie sich an der Berliner Charité bei Psychiater Christian Otte und seinen Kollegen in Behandlung begab, machten diese eine interessante Entdeckung. Die Patientin hatte leicht erhöhte Werte eines Eiweißes, das Entzündungen im Körper anzeigt. "Unsere Vermutung war, dass Entzündungen bei ihrer chronischen Depression auch eine Rolle spielen", sagt Christian Otte. „Fettleibigkeit geht oft mit einer chronischen unterschwelligen Entzündung einher“, erklärt der Psychiater. „Denn die Fettzellen produzieren entzündungsfördernde Stoffe." Das wiederum könnte Auswirkungen auf die grauen Zellen der Patientin gehabt haben. Schließlich steht das Immunsystem – mit seinen Entzündungsreaktionen – im Austausch mit dem Gehirn. Möglicherweise sorgten die entzündungsfördernden Stoffe dafür, dass sich die Produktion und Freisetzung des wichtigen Hirnbotenstoffs Serotonin veränderte, der bei Depressionen eine Rolle spielt.

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Das Beispiel der 55-Jährigen Frau aus Berlin ist bezeichnend. Denn mittlerweile haben Forscher eine antike Weisheit wiederentdeckt: "Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper." Ist der Körper hingegen krank, leidet auch die Seele. Nicht selten spielt ausgerechnet das Immunsystem einen unrühmlichen Part bei der Entstehung von seelischen Störungen. „Den Zusammenhang etwa zwischen Immunsystem und Depression kennt man im Grunde aus der eigenen Erfahrung“, sagt der Neurowissenschaftler Stefan Gold von der Berliner Charité. Denn wenn man eine richtige Grippe habe, sei man oft schon einige Tage vor dem Ausbruch ziemlich übellaunig und ziehe sich zurück. "Das Immunsystem signalisiert dem Gehirn gewissermaßen, sich auf das Problem der Infektion zu konzentrieren und das Verhalten zu ändern."

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Aus klinischer Erfahrung und Studien wissen Forscher: Menschen mit Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose, bei denen das eigene Immunsystem verrückt spielt, kämpfen häufig mit Depressionen. Das lässt sich nicht alleine mit der geringeren Lebensqualität infolge der Schmerzen erklären. Umgekehrt zeigt sich: Verabreicht man Patienten mit entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma antientzündliche Medikamente, werden sie weniger depressiv. Genau darauf setzte auch Christian Otte bei der Behandlung seiner 55-jährigen Patientin mit Depressionen. Zusätzlich zu Antidepressiva und Psychotherapie behandelten er und seine Kollegen sie mit einem Statin, einem Cholesterinsenker, der auch ihre Entzündungswerte verringern sollte. Nach dem Aufenthalt in der Klinik in Berlin ging es der Patientin besser. "Wir vermuten, dass dabei auch das Statin mit seiner antientzündlichen Wirkung eine positive Rolle gespielt hat", sagt Otte.

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Rund 500 Kilometer von Berlin entfernt nimmt Manfred Schedlowski am Uniklinikum Essen seit Jahren genauer unter die Lupe, wie Immunreaktionen die grauen Zellen negativ beeinflussen. Zu diesem Zweck fordert der Medizinpsychologe das Immunsystem von gesunden Menschen heraus. Seinen Freiwilligen spritzt er Moleküle aus der Zellhülle bestimmter Bakterien, die eine Immunreaktion auslösen. Allerdings nur in einer relativ geringen Dosis. "Wir wollen die Menschen damit ja nicht schwer krank machen, sondern eine zeitlich begrenzte Immunreaktionen anstoßen", sagt er. "Nach sechs Stunden ist das Theater auch wieder vorbei." Und da zeigt sich nicht nur ein Anstieg von bestimmten Zytokinen, Immunbotenstoffen im Blut. Die Probanden fühlen sich auch niedergeschlagener und ängstlicher. Doch nun kommt das Entscheidende: Im Nervenwasser, das Gehirn und Rückenmark umspült, konnten die Forscher ebenfalls Zytokine nachweisen. Die zunächst ins Blut freigesetzten Zytokine dringen also in die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit vor und gelangen dann wahrscheinlich ins Gehirn. Auf Aufnahmen aus dem Magnetresonanz-Tomografen konnte Schedlowski sehen, dass im Zuge der Entzündungsreaktion Areale im Gehirn stärker aktiv waren, die für die Entstehung von Emotionen wichtig sind. Auch bei anderen psychischen Störungen wie Schizophrenie stießen Forscher immer wieder auf erhöhte Entzündungsmarker im Körper und im Gehirn.

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All diese Erkenntnisse machen Hoffnung auf neue Therapien für Menschen mit seelischen Leiden. Ein Trend in der Psychiatrie geht derzeit dahin, bereits für andere Indikationen zugelassene Medikamente, die in das Immunsystem eingreifen, bei Untergruppen von psychischen Erkrankungen zu testen. In Studien konnten Forscher etwa bei depressiven Patienten beobachten, dass diese nach einer Behandlung mit „Immunblockern“ weniger Symptome zeigten. Doch Stefan Gold, der Berliner Neurowissenschaftler, dämpft mögliche euphorische Erwartungen. "Wer nun auf ein Wundermittel hofft, den muss ich enttäuschen. Denn es gibt Hinweise, dass die Behandlung nur den Patienten hilft, die auch vor der Therapie erhöhte Entzündungswerte haben."

Das ist auch kein Wunder: "Depressionen sind sowohl von der Entstehung her als auch vom Verlauf eine äußerst heterogene Erkrankung", betont Manfred Schedlowski. "So spielen Entzündungen mit Sicherheit eine Rolle als Auslöser bei Depression, das gilt aber längst nicht für alle Depressionen oder depressiven Menschen." Auch bei anderen psychischen Erkrankungen wird nur bei einem Teil der Patienten das Immunsystem der Übeltäter sein. Doch zumindest diese Patienten könnten von den neuen Erkenntnissen profitieren. Zuvor müssen die viel versprechenden Studienergebnisse allerdings noch den Sprung in die klinische Praxis schaffen. Christian Wolf/RND

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