Forscher zur Klimawende: „Die Zukunft wird schöner als das, was wir jetzt haben“

  • Die neue Ampelregierung will das fossile Zeitalter Schritt für Schritt beenden.
  • Doch auch der gesellschaftliche Wandel zur Klimaneutralität muss Fahrt aufnehmen.
  • Im RND-Podcast „Klima und wir“ erläutert der Soziologe Ortwin Renn, warum wir ein positiveres Bild von Veränderung brauchen.
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Hannover. Agrarwende, Energiewende, Verkehrswende: Deutschland will bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden. Ein langer Weg, der die Gesellschaft vor große Aufgaben stellt. Und der große Zukunfts­chancen birgt. Ortwin Renn ist Soziologe und Direktor des Potsdamer Instituts für Transformative Nachhaltigkeits­forschung (IASS). Im RND-Podcast „Klima und wir“ erklärt er, wie der Aufbruch ins klima­neutrale Morgen gelingt.

Herr Renn, was haben wir aus der Corona-Pandemie für die Klimawende gelernt?

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Die große Lektion, die wir durch Corona gelernt haben, ist, dass unsere Gesellschaft verwundbar ist. Wir hatten bisher noch zu oft den Eindruck, es träfe immer nur die anderen. Jetzt wissen wir: Pandemien treffen auch uns. Und mit den heißen Sommern der vergangenen Jahre und den schweren Überflutungen in diesem Jahr ist die Illusion vorbei, dass wir auf der Insel der Seeligen leben. Das wird sich auch nach Corona nicht ändern.

Was erwarten Sie von der neuen Ampel­regierung, die Deutschland laut Koalitionsvertrag „auf den 1,5-Grad-Pfad bringen“ will?

Wir haben jetzt eine Bundesregierung, die weiß, dass wir die mittel­fristigen Klimaziele bis 2030 nicht erreichen werden, wenn sie in den nächsten zwei Jahren nicht vieles in die Wege leitet. Damit ist der Druck zu handeln enorm hoch.

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Haben wir als Gesellschaft eigentlich schon den Kipppunkt Richtung Klimawende überschritten?

Der Kipppunkt wäre ja dann überschritten, wenn die Veränderung von selber kommen würde. Das ist nicht der Fall. Von allein würde sich die Transformation nicht einstellen, sie ist eine bewusst herbei­geführte Veränderung, ein von uns getriebener Prozess. Wenn wir sie nur dem Markt überlassen würden, käme sie zu spät.

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Zur Person: Professor Ortwin Renn ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltig­keitsforschung (IASS) in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls „Technik- und Umwelt­soziologie" an der Universität Stuttgart. Er ist spezialisiert auf Risikoanalyse sowie gesellschaftliche Transformations­prozesse. © Quelle: De Weiler

Aber es gibt doch längst große Mehrheiten für starken Klimaschutz?

Die Mehrheit ist auch für gesundes Essen oder dafür, dass man sich nicht betrinkt. Das ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung. In dem Moment, wo Klimaschutz bedeutet, dass ich meine Ölheizung rauswerfen, Solar­kollektoren aufs Dach setzen oder auf meinen Zweit­wagen verzichten muss, da zeigt sich wirklich, ob Leute diesen Kurs mitziehen wollen oder ob sie sagen: Abstrakt finde ich das alles toll, aber wenn es um mich geht, mache ich Abstriche.

Wo sehen Sie die großen Konflikt­linien?

Ganz ohne Kosten geht es nicht. Kein Mensch in Deutschland kann ohne Energie auskommen. In dem Moment, wo es vor Ort Maß­nahmen wie ein neues Windrad gibt, sackt zum Beispiel die Toleranz für erneuerbare Energien stark ab. Wir sehen außerdem, dass an vielen Orten Konflikte zwischen Natur- und Klimaschutz auftreten. Wir müssen die Grundfrage stellen, welche Alternativen es gibt.

Nämlich?

Im Vergleich sind Sonne und Wind immer noch sehr viel angenehmer als alles andere, was wir als Alternativen haben. Wir müssen natürlich auch die Freiheit haben zu sagen: Hier macht sich ein Windrad nicht gut. Die Diskussion muss geführt werden. Nur: Wir können die Energiewende nicht erreichen, wenn wir den Ausbau nicht weiter vervollständigen. Und da ist noch einiges zu tun.

Wie blicken Sie als Transformations­forscher auf die Klimawende?

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Transformation ist etwas Immer­währendes. Aber die Energie- und Agrarwende hin zur klima­neutralen Gegenwart ist, wenn wir sie uns ausmalen, eigentlich schöner als das, was wir jetzt haben. Wir wollen und müssen ja nachhaltiger leben, das ist kein Nebeneffekt des sozialen Wandels. Also müssen wir politisch, gesell­schaftlich und auch im eigenen Handeln damit anfangen.

Wie kann das gehen?

Es gibt zwei Bestrebungen. Die einen sagen: Transformation ist gar nicht schwierig, wir setzen ein paar neue Technologien ein und können genauso weiterleben wie bisher. Das wird nicht so sein. Und umgekehrt gibt es diejenigen, die sagen, wir müssen unsere Ansprüche runter­schrauben und bescheidener leben. Da ist was dran, aber die Verzichts­romantik kommt auch nicht an bei den Leuten.

Müssen wir also auch anders als bisher über Klimaschutz reden?

Ich glaube, wir müssen den Diskurs mehr auf das lenken, was sich lohnt, und nicht auf das, was uns abverlangt wird. Wir denken zu wenig darüber nach, wie die Welt aussieht, wenn wir die Trans­formation hinter uns haben. Ja, Übergänge sind nicht einfach. Ich vergleiche das gerne mit der Pubertät: Keiner geht da freiwillig durch. Aber das ist eben ein notwendiger Schritt auf dem Weg zum Erwachsen­werden.

Der Transformations­prozess selbst wird auch Opfer abverlangen. Da sollten wir uns keine Illusionen machen. Wir müssen deutlich sagen: Es gibt einen Übergang, und wir werden lieb gewonnene Gewohn­heiten verändern müssen. Aber es lohnt sich für das Ziel. Das werden unsere Kinder und Enkelkinder auch noch erleben, wenn wir jetzt wirklich dranbleiben. Wir haben Zielkorridore von 2045 bis 2050. Es ist nicht so, als ob wir das auf die nächsten drei Jahr­hunderte verteilen, sondern auf eine relativ kurze Zeit.

Das Interview mit dem Transformationsforscher Ortwin Renn in voller Länge hören Sie im RND-Podcast „Klima und wir“. Folgen Sie auch gern unserer Instagram-Seite für Klima- und Umweltnews und spannende Hintergrund­infos zum Podcast.

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