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Verschobener Abflug, verkürzte Dauer: Zugvögel und der Klimawandel

  • Der Klimawandel wirkt sich auch zunehmend auf das Verhalten von Zugvögeln aus.
  • So fliegen unsere einheimischen Kraniche, Störche, Bachstelzen und Mauersegler später in ihre Winterquartiere in Afrika als zuvor – und kommen auch später zurück.
  • Diese Erkenntniss haben Forscher in einer Langzeitbetrachtung gewonnen.
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Einige Zugvögel verbringen heute schon deutlich weniger Zeit in ihren angestammten afrikanischen Überwinterungsgebieten als noch vor einigen Jahrzehnten. Sie erreichen diese später im Herbst und verlassen sie im Frühjahr eher, berichtet ein internationales Forscherteam nach der Auswertung von Daten zum Vogelzug aus den vergangenen 50 Jahren im Fachmagazin „Global Change Biology“. Grund dafür seien vermutlich Klimaveränderungen. Die Vögel passten sich auf diese Weise an veränderte Umweltbedingungen an. Setze sich der Trend fort, könne das weitreichende Folgen für die Ökosysteme in beiden Gebieten haben.

Zweimal im Jahr begeben sich Zugvögel auf teils Tausende Kilometer lange Flugreisen. Sie verlassen im Frühjahr ihre Überwinterungsgebiete etwa in Afrika und steuern ihre Brutgebiete zum Beispiel in Europa an. Wenn sie dort ihren Nachwuchs großgezogen haben, geht es auf umgekehrtem Weg zurück ins Überwin­terungs­quartier. Die Vögel müssen diese kräftezehrenden Reisen zeitlich genau planen, damit sie zum Beispiel bei der Ankunft im Brutgebiet genug Nahrung für sich und die bald schlüpfenden Jungvögel finden.

Vögel sind da, Nahrung nicht

Seit einiger Zeit beobachten Experten, dass die Ankunftszeit der Zugvögel und die Verfügbarkeit von Nahrung mitunter nicht mehr gut zusammenpassen – ein Phänomen, dass sie als „phänologische Diskrepanz“ bezeichnen. Sie machen vor allem klimatische Veränderungen dafür verantwortlich.

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Wenn zum Beispiel in Mitteleuropa das Frühjahr immer eher beginnt, blühen Pflanzen einige Tage oder Wochen früher. Auch die Zahl der Insekten kann früher als gewöhnlich einen Höhepunkt erreichen. Nicht ziehende Vogelarten haben dann womöglich schon Nahrungsquellen geleert oder Brutplätze belegt, wenn die Zugvögel aus Afrika eintreffen. Das kann deren Überlebenschancen erheblich beeinflussen.

Die Forscher um Kieran B. Lawrence von der Durham University (Großbritannien) untersuchten die zeitliche Verschiebung der Flugreisen nun genauer. Sie werteten Daten zum einen aus Gambia aus, wo zahlreiche aus Europa kommende Zugvögel überwintern. Insgesamt lagen Daten von 20 Arten aus den Jahren 1964 bis 2019 vor. Zum anderen analysierten sie Angaben aus Gibraltar, wo viele Arten einen Zwischenstopp auf dem Weg von den und in die Brutgebiete einlegen.

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Diese Datensammlung umfasste 14 Zugvogelarten. Die Forscher ermittelten, wann der erste Vogel einer Art im jeweiligen Gebiet eintraf und wann der letzte es verließ. Die Angaben beziehen sich also auf die Population, nicht auf einzelne Tiere.

Tiere bleiben immer länger in Europa

Die Auswertung zeigte, dass sich die Aufenthaltsdauer der Zugvögel auf den jeweiligen Kontinenten im Laufe der Zeit erheblich verändert hat. So nahm die Zahl der Tage, die die Arten im Schnitt in Europa verbrachten, in dem 27 Jahre umfassenden Zeitraum um 16 Tage zu. Die Zeit auf dem afrikanischen Kontinent nahm in 56 Jahren um 63 Tage ab.

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„Wenn sich die in dieser Studie beobachteten Trends fortsetzen, könnte es sein, dass einige Vögel künftig überhaupt keine Zeit mehr in Afrika südlich der Sahara verbringen und stattdessen das ganze Jahr über in Europa bleiben“, erklärte Lawrence. Eine solche Entwicklung ist beim Weißstorch bereits bekannt: Viele der Vögel, die Frühjahr und Sommer in Deutschland verbringen, fliegen zum Überwintern nicht mehr bis nach Afrika südlich der Sahara, sondern verbringen die kühleren Monate des Jahres in Spanien oder Nordafrika.

Die Folgen könnten den Autoren zufolge in beiden Gebieten gravierend sein. „In Europa könnte die längere Anwesenheit traditioneller Zugvögel zu einer verstärkten Konkurrenz um Nahrung und Ressourcen im Herbst und Winter mit ansässigen Vogelarten führen, die nicht ziehen“, sagte Lawrence. „In den traditionellen Zielgebieten des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara könnte eine Verringerung der Aufenthaltsdauer von Zugvögeln Auswirkungen auf Ökosystemleistungen wie Insektenverbrauch, Samenverbreitung und Bestäubung haben.“

Was das Kriterium der Vögel für die Abreise ist, bleibt unklar

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Wie Zugvögel überhaupt den optimalen Zeitpunkt für ihre Reise herausfinden, ist nicht abschließend geklärt. Die sich verändernde Tageslänge ist einer der wesentlichen Faktoren dabei, die Vögel nehmen vermutlich aber auch andere Signale wahr. Die Forschenden fanden in ihrer Studie Zusammenhänge zwischen den Flugzeiten der Vögel und Merkmalen wie Temperatur, Vegetationsbedeckung oder Schwankungen der Druck­verhält­nisse.

So verließen die Vögel das Überwinterungsgebiet zum Beispiel früher, wenn in der Region zuvor ein hoher Vegetationsindex gemessen wurde. Vermutlich stehe den Vögeln in diesen Zeiten mehr Nahrung zur Verfügung, sie könnten sich schneller nötige Reserven für den langen Flug anfressen und früher starten.

RND/Anja Garms/dpa

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