Klimaforscher: “Deutschland hat viel verschlafen"

  • Die Waldbrände in Kalifornien bringen ein Thema wieder auf das Tableau: den Klimawandel.
  • Der Potsdamer Klimaforscher Fred Hattermann meint, Deutschland hinkt hinterher.
  • Im RND-Interview erklärt der Experte, warum jetzt Maßnahmen ergriffen werden müssen.
David Sander
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Herr Hattermann, welche Rolle spielen Waldbrände beim Klimawandel für uns in Deutschland?

Waldbrände steigern im Allgemeinen die CO₂-Emission – dabei soll CO₂ im Wald gebunden werden. Wenn wir viele Waldbrände und damit Waldsterben erleben, wird auch weniger CO₂ gebunden. Speziell Deutschland ist relativ waldreich und hat deshalb gute Voraussetzungen, viel CO₂ zu binden. Deshalb haben Waldbrände schon eine Bedeutung für uns. Aber noch größer sind im Moment für den Wald wohl Problematiken, die sich durch den Borkenkäfer oder durch Wassermangel ergeben.

Also gibt es in Deutschland andere Bedrohungen im Bezug auf den Klimawandel?

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Ja, insgesamt ist die Infrastruktur in Deutschland nicht an den Klimawandel angepasst. Hier wurde viel verschlafen und dann ist es auch schwierig, Infrastruktur schnell anzupassen. Wir erwarten, dass beide Extreme mehr werden: Trockenheit und Hochwasser. Dabei haben kritische Infrastrukturen, dazu gehören zum Beispiel Brücken, Krankenhäuser oder Flugplätze, alle einen Schutzstatus beziehungsweise ein Schutzniveau.

Das heißt, wenn beispielsweise ein Parkplatz gebaut wird, muss je nach örtlicher Bauverordnung der höchste Niederschlag welcher in zwei Jahren innerhalb von 15 Minuten fällt, durch die Kanalisation abgeführt werden können. Der Trend geht aber zu intensiveren Niederschlägen: Die Infrastruktur ist daran also nicht mehr angepasst. Das ist beim Parkplatz vielleicht noch nicht so dramatisch, aber was ist mit anderer kritischer Infrastruktur? Sehr exponiert sind natürlich auch Küsten und Inseln, wo der Anstieg des Meeresspiegels eine Bedrohung darstellt.

Fred Hattermann forscht am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). © Quelle: PIK

An welchem Punkt stehen wir aktuell in Sachen Klimastabilisierung?

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Dass es global noch wärmer werden wird, ist sehr wahrscheinlich. Wir müssen also unbedingt mehr in die Vermeidung investieren, um Schlimmeres zu verhindern. Aber ich sehe auch Positives. So ist der Klimawandel mittlerweile anscheinend in den Köpfen angekommen – das Bewusstsein ist vorhanden. Die Anpassungsstrategie für Deutschland ist zwar noch nicht ideal, aber sie geht kleine Schritte in die richtige Richtung. Bei Entscheidungsträgern in Europa ist durchgesetzt, dass etwas passieren muss – siehe European Green Deal. Das grundsätzliche Bewusstsein ist der erste wichtige Schritt.

Ist es denn überhaupt möglich, so etwas wie eine Klimastabilisierung zu erreichen?

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Es gibt einen gut bekannten Zusammenhang zwischen der Konzentration von CO₂ in der Atomsphäre und der globalen Mitteltemperatur. Wir wissen ziemlich genau, wie viel wir noch emittieren dürfen – das ist quasi unser Budget. Und das ist schon sehr knapp. Klimaziele sind sicher ambitioniert, aber man kann sie erreichen, wenn alle mitmachen. Was wir schaffen, hängt dann von den wenigen nächsten Jahren ab. Wir haben eigentlich nur noch circa zehn Jahre, um wirklich unter dem Budget zu bleiben und entscheidende Maßnahmen zu ergreifen. Doch diese müssen jetzt anfangen. Das Thema Klimawandel ist auch in Deutschland eher verschleppt worden, obwohl wir eine Zeit lang auf einem guten Weg waren. Doch man sieht auch hier positive Schritte, wie beispielsweise Investitionen in die Forschungen an Wasserstofftechnologien.

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Könnte es in Deutschland zu unbewohnbaren Orten als Klimakrisenfolge kommen?

Deutschland ist davon doch relativ weit entfernt. Hier werden kaum unbewohnbare Orte entstehen, aber je nach weiterem Temperaturanstieg bekommt zum Beispiel die Landwirtschaft in bestimmten Regionen Probleme, sodass es problematisch wird, bestimmte Flächen zu bewirtschaften. Wir werden aber trotztem von der Ausweitung unbewohnbarer Orte betroffen sein, weil Leute aus diesen Gegenden flüchten werden. Das könnten beispielsweise große, dann sehr heiße Regionen in Afrika sein. Oder Länder wie Bangladesch könnten noch gravierendere Probleme mit Hochwasser bekommen.

Welche Bedeutung haben die so genannten Kippelemente im Erdklimasystem?

Bei zu hohem Temperaturanstieg besteht die Befürchtung, die so genannten Tipping Points, also Kippelemente im Erdklimasystem, zu aktivieren – diese können nicht mehr eingefangen werden. Grönlandeis ist ein Beispiel: Wenn das Grönlandeis schmelzen sollte, würde der Meeresspiegel um circa sieben Meter ansteigen. Werden Kippelemente quasi “angeschaltet”, sind das sich selbstverstärkende Prozesse. Aufgrund seiner Dicke dauert es, bis das Grönlandeis schmilzt, aber unsere Enkel würden die ganz starken Auswirkungen wohl schon erleben. Und auch ein Meeresspiegelanstieg von zum Beispiel drei Metern wäre natürlich bereits viel.

Blicken Sie dennoch optimistisch in die Zukunft?

Es gibt hoffnungsvolle Ansätze wie den European Green Deal, das ist durchaus ambitioniert und sehr unterstützenswert. Aber Sorge bereitet mir, dass wir Extreme eventuell noch unterschätzen. Dazu gehören die Dürren seit 2018 in Deutschland und auch in der Vergangenheit zum Beispiel die Waldbrände in Schweden. Die Zusammenhänge im Klimasystem sind so komplex, dass wir wohl auch noch weitere Überraschungen erleben werden. Wichtig ist, dass wir eben nicht die Kippelemente aktivieren – das wäre die größte Gefahr, die ich sehe. Aber ich hoffe, dass wir global weitreichende Maßnahmen ergreifen wie eben den Green Deal, sodass wir dies verhindern können.

RND

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