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  • „Klein Eden“: Gewächshaus in Franken züchtet Tropenfrüchte

Exotisch, köstlich, nachhaltig: Glashütte in Franken züchtet nun Tropenfrüchte

  • In Kleintettau in Oberfranken wird die Abwärme einer Glashütte für die Bewirtschaftung von zwei Gewächshäusern genutzt.
  • In den Gewächsäusern herrschen laue 24 Grad: die perfekte Temperatur, um Tropenfrüchte anzupflanzen – mitten in Deutschland.
  • Im Tropenhaus wachsen etwa Papayas, Guaven und Ingwer – und sogar der Kaffeeanbau ist möglich.
Hannes Finkbeiner
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Hannover. Carl-August Heinz hat sich die längste Zeit darüber geärgert: In seiner Glashütte in Kleintettau in Oberfranken fielen Unmengen von Abwärme als energetisches Abfallprodukt an, knapp zwei Millionen Kilowattstunden im Jahr. Aber was damit machen? Heinz diskutierte sogar am Stammtisch darüber, immer auf der Suche nach einer zündenden Idee.

Idee für Projekt kommt aus England

Von Gehsteig- oder Sportplatzbeheizungen wurde da gesprochen, kurzzeitig stand sogar eine Krokodilzuchtanlage samt Fleisch- und Lederproduktion im Raum.

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Dann gab ein Besuch beim Eden Project in Cornwall, dem größten botanischen Garten der Welt, dem Glashüttenchef den entscheidenden Impuls. Zurück aus England ersann er das Projekt „Klein-Eden – Tropenhaus am Rennsteig“ und realisierte es mithilfe verschiedenster Spender und Fördertöpfe.

Tropenhaus soll sich selbst tragen

Zwei Gewächshäuser wurden 2012 in Betrieb genommen, eines für die Produktion von Tropenfrüchten, ein anderes für Besucher. Durch die Nutzung der Abwärme aus der Glashütte herrschen in dem Gebäude nunmehr überall rund 24 Grad. Und das in Fränkisch Sibirien, wie diese Ecke Deutschlands auch genannt wird, weil hier in Wintermonaten oft die tiefsten Temperaturen der Republik erreicht werden.

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Bewässert wird die gesamte Anlage mit Regenwasser. Lediglich Ökostrom wird zugekauft, für rund 50.000 Euro im Jahr. „Wir sind hier auf der Suche nach Alternativen. Bald soll sich das Projekt vollumfänglich selbst tragen, durch Einnahmen von Besuchern und den Verkauf von Waren“, sagt Ralf Schmitt, wissenschaftlicher Leiter des Tropenhauses.

Da im Tropenhaus ständig 24 Grad herrschen, können sogar Guavenfelder angepflanzt werden. © Quelle: Tropenhaus

Abwärme zur Bewirtschaftung von Gewächshäusern

Der Gärtnermeister und eingetragene Gewürzsommelier sieht in der Einrichtung durchaus ein Vorzeigemodell für andere Standorte in Deutschland. Allein im Bereich des thüringischen und bayerischen Rennsteigs stünde genug Abwärme zur Verfügung, um Gewächshäuser auf einer Fläche von 14 Fußballfeldern zu bewirtschaften. „Auch Automobilzulieferer oder Kunststoffhersteller könnten Gewächshäuser betreiben, selbst Handelsketten wie Aldi oder Metro könnten die Abwärme ihrer Kühlanlagen neben ihren Lagerhallen dazu nutzen“, sagt Schmitt. Ist das Tropenhaus Klein-Eden also die Vorstufe zu einer so kommerziellen wie nachhaltigen Kultivierung exotischer Früchte in Deutschland? Ohne lange Transportwege?

Sogar der Kaffeeanbau ist möglich

Für den 43-Jährigen kein abwegiger Gedanke, auch wenn das Prinzip noch in den Startlöchern steckt. 220 Pflanzen wachsen heute unter Schmitts Obhut, darunter Bananenstauden oder Kakaobäume. Den ersten fränkischen Biokaffee der Welt verkaufte er einem Bayreuther Café. Der Wirt müsste seinen Gästen allerdings 29,90 Euro berechnen. Pro Tasse. „Nein, er war nicht gierig und hat es richtig umgelegt“, sagt Ralf Schmitt lachend, „es zeigt sich eben erst langsam, was sich unter diesen Bedingungen anbauen lässt, dass es nach allen Seiten funktioniert.“

Im Gewächshaus: Papayas, Guave und Ingwer

Bananen hätten sich etwa als schwierig erwiesen, bräuchten zu viel Wasser. Mangobäume wachsen zu hoch. Cherimoya, der Zuckerapfel, muss mit der Hand bestäubt werden, was aufwendig ist.

Dafür gedeihen Papayas prächtig; im Jahr 2017/2018 hat Schmitt rund 1350 Kilogramm geerntet. Aber auch Sternfrucht (210 Kilogramm), Guave (230) oder Passionsfrucht (195) lassen sich hervorragend im gleichmäßigen Klima des Gewächshauses kultivieren. Für vielversprechend in Ertrag und Qualität hält Schmitt auch Zitrusfrüchte wie Calamondin oder Kaffirlimetten. Außerdem züchtet Schmitt Ingwer, Galgant oder Kurkuma.

Tropenhausware teils besser als Flugware

Nach acht Jahren Erfahrung ist seine Arbeit weiterhin viel mit Experimentieren verbunden. Schmitt sucht deswegen gerne Rat bei einem pensionierten Professor für tropischen Landbau, er begleitet Forschungsprojekte der Uni Bayreuth, aber auch bei Instagram-Bekanntschaften aus Indonesien fand er Anstöße für die Papaya- und Mangozucht.

Besonders gerne tauscht sich der 43-Jährige jedoch direkt mit der Gastronomie aus. Darunter das zweibesternte Gourmetrestaurant des Hoteliers und Fernsehkochs Alexander Herrmann. Das Lokal gehört zu den wichtigsten Abnehmern der biozertifizierten Tropenhauswaren. Denn: Während Importware in den Produktionsländern unreif geerntet und im Zielland mit Ethylen begast wird, um eine schelle und gleichmäßige Nachreifung in Gang zu setzen, werden die Tropenfrüchte im Gewächshaus erst bei vollständiger Genussreife geerntet.

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„Die Qualität übertrifft teils die der Flugware“, sagt Herrmanns verantwortlicher Küchenchef Tobias Bätz, der für Schmitt die Waren bisweilen in der Küche überprüft und gegebenenfalls von deren Anbau abrät. Durchgefallen sind etwa Zwergauberginen („ungenießbar“) oder Chilisorten, die jede Norm in puncto Schärfe sprengten („unfassbar“).

Tobias Bätz, Küchenchef im Restaurant Alexander Herrmann, überprüft die Produkte aus dem Tropenhaus und rät gegebenenfalls von deren Anbau ab. © Quelle: Privat

Barsche und vegetarische Piranhas im Tropenhaus

Integriert ist in das Tropenhaus eine Fischzucht, was das Polykulturprinzip des Projekts komplettiert. Das Wasser der Zuchtbecken wird durch die Exkrete der Fische zu einem natürlichen Düngstoff und als Gießwasser weiter verwertet. In mehreren Becken tummeln sich Nilbuntbarsche, in einem schwimmen vegetarische Piranhas, sogenannte Pacus. Dieses Becken ist mit einem Netz überspannt – die Tiere sind nämlich bissig. Minikrokodile sozusagen, die zwar für keine Lederproduktion taugen, dafür aber in eine konventionelle Pfanne passen.

Tobias Bätz brachte den Fisch schon „nach Müllerin Art“ auf den Tisch. Die klassischen Mandeln tauschte er dabei gegen Haselnüsse. Die Zitrone wurde von Bergamotte ersetzt, statt Spinat gab es Chililaub. Alles aus fränkischem Anbau. Selbstverständlich.

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